Wenn der Weg über die Staatsgrenze führt

Stefanie Sapara

Wenn der Weg über die Staatsgrenze führt

Zum Taubensee kommt man nur zu Fuß hoch", erklärt Wanderführer Peter Mitterer. "Eine gute Sache, denn wer sich etwas selbst erläuft, für den bekommen die Dinge einen anderen Stellenwert." Sagt’s und flitzt auch schon weiter den Berg hinauf. Im Sommer wird gewandert, im Winter bietet der quirlige Oberösterreicher vom Hotel Peternhof in Kössen aus Schneeschuhwandern und Rodeltouren an. Den Satz noch im Ohr, blickt die Truppe über den weiten Hang hinüber zum imposant am Horizont thronenden Wilden Kaiser. Der Atem geht vom Aufstieg noch schwer, und doch beschleicht einen langsam und leise das Gefühl von Demut. Weil man in diesem Moment gar nicht so genau weiß, ob man sich in Deutschland oder Österreich befindet und man den Eindruck nicht mehr los wird, dass man hier oben auf dem Berg, wo man sich mal links, mal rechts der Staatsgrenze bewegt, plötzlich hautnah spürt, was Europa bedeutet.

Heute Idylle, einst Krieg

Das Gefühl verschärft sich mit einem Blick auf die Geschichte und damit auf eine Zeit, als die idyllische Szenerie von Gewalt und Kämpfen überschattet war. Dort, wo heute das 4-Sterne-Superior-Hotel Peternhof liegt, tobte in den letzten Monaten des Tiroler Freiheitskampfes unter Andreas Hofer im Jahre 1809 der Krieg. "Bayern und Franzosen hatten sich verbündet und sind hier rübermarschiert", weiß Christian Mühlberger. Heute fliegen statt Kugeln nur noch die Golfbälle des ans Hotel angeschlossenen 18-Loch-Golfplatzes zwischen den Ländern hin und her − sechs Bahnen liegen in Tirol, zwölf in Bayern.

Weil sich die Menschen für die Landesgeschichte interessieren und es ihm auch persönlich ein Anliegen ist, will der Hotelinhaber die Historie um sein Anwesen neu aufbereiten. Eine geeignete Möglichkeit hat er bereits gefunden. In diesem Winter entsteht auf dem Hotel-Areal ein neuer Outdoor-Bereich mit Fitnesstrail, Kneippanlage, Quellen, Wasserfällen und Waldspielplatz. Genau dort befanden sich einst die Schützengräben. "Einen Teil davon sieht man heute noch", erzählt Christian Mühlberger. Mit Infotafeln sollen die Gäste künftig über die Historie informiert werden.

Und auch das Hotel selbst hat eine spannende Geschichte zu erzählen. Ein einfaches Bauernhaus stand einst auf dem Gelände, mitten auf der grünen Wiese, hoch oben über dem beschaulichen Kössen. Christian Mühlbergers Großeltern betrieben hier Landwirtschaft, doch die Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde für den Peternhof problematisch. Der Besitz ging in deutsches Eigentum beziehungsweise an die Besatzungsmacht über. Mit dem Staatsvertrag 1955 musste das Anwesen von den Nachfolgern, Christian Mühlbergers Eltern, zurückgekauft werden, "was eine wirtschaftlich sehr schwere Zeit war", erinnert sich Mühlberger. Als auch die Eltern, die im Peternhof ein Gasthaus betrieben, Ende der 1970er Jahre schließlich vor dem wirtschaftlichen Ruin standen, entschied sich Mühlberger, der bis dato vom Hotelbetrieb nichts hatte wissen wollen und als Musiker durchs Land zog, auf den Peternhof zurückzukehren.

Gesundheit und Wohlfühlen

Was er seitdem geschaffen hat, ist nicht nur ein übers Jahr voll ausgelastetes Hotel mit 320 Betten, Reithalle, Wellnesskomplex und Tennishalle. Mühlberger versucht mit seinem Angebot den Geist der Zeit zu treffen. "Wir spüren, dass die Leute trotz gestiegenem Wohlstand immer gestresster sind", sagt der Hotelier. Das beginne mit einer gehetzten Anreise, gehe weiter über den permanenten Smartphone-Einsatz bis hin zur Tatsache, dass die Menschen wegen Kleinigkeiten genervt sind. "Wir leiden unter Reizüberflutung", sagt Mühlberger. "Wir sollten deshalb wieder Einrichtungen schaffen, die auf Grundbedürfnisse eingehen. Gesundheit, das Wohlfühlen."

Deshalb entsteht aktuell neben dem neuen Outdoor- auch ein Indoorbereich mit großer Fitnesslandschaft, inklusive Lichthöfen und Bachläufen, mentalen Anwendungen, Yoga- und Entspannungsstunden. "Bei meinen Investitionen habe ich immer die Fantasie mitspielen lassen", sagt Mühlberger. Er weiß: "Man braucht ein Alleinstellungsmerkmal. Sonst wird es schwer." Allein in Tirol wüssten aktuell 800 Hotels nicht, wie es wirtschaftlich weitergehen soll. Ein Grund für Mühlberger, dankbar zu sein. Er weiß: Trotz wirtschaftlichem Geschick braucht es immer auch ein wenig Glück. Vor einigen Jahren hat er deshalb eine kleine Kapelle auf dem Hotelgelände errichten lassen. "Ich bin jeden Tag dort, ordne die Kerzen, sage ein paar Worte. Das ist mein Dankeschön an oben." Demut hat viele Formen.

Einmal mehr auch für die Wandertruppe um Peter Mitterer, die mittlerweile auf dem höchsten Punkt der zehn Kilometer langen Rundtour angekommen ist, der Stadermoseralm. So klein die Hütte, so groß ist die Aussicht, die bis hinüber zum Chiemsee reicht. Im Rücken hat man noch immer den Wilden Kaiser.

Einmal mehr verschwimmen die Grenzen kurz darauf am Taubensee: Mittendrin endet Österreich, beginnt Deutschland. Oder umgekehrt? Im Sommer lädt der See zum Schwimmen ein − ein bisschen in Bayern, ein bisschen in Tirol. Das Wasser ist auf beiden Seiten gleich warm, die Bergluft hier und dort dieselbe. Genauso die Idylle drum herum. Ja, Demut ist ein großes Wort.