Im tiefen Schnee durch das Winterwunderland

Im kleinen norwegischen Röros bieten sich Touristen vielfältige Outdooraktivitäten.

Von Friedhelm Römer

Im tiefen Schnee durch das Winterwunderland
Mit dem Schneemobil im norwegischen Niemandsland. Foto: Ronja Vattes

Die Zeit vergeht langsamer im kleinen, beschaulichen Röros. Manchmal erweckt sie sogar den Eindruck, als stünde sie still. Norweger haben es nicht eilig. Im Pferdeschlitten, mollig warm in Schafsfellen eingemummelt und von Fackeln flankiert, geht es gemächlich durch den malerischen Ort mit seinen roten, grünen und weißen Holzhäusern. Nur die Hufe der Pferde durchbrechen auf dem Schnee sanft die Stille. Deutlich sichtbar ist der Atem der Tiere. Die Winter sind kalt in dieser einzigen norwegischen Stadt in den Bergen.

Aus der Zeit gefallen

Bis 45 Grad unter Null kann das Thermometer hier fallen. Und zwar nicht nur nachts. "Oh nein, auch tagsüber", versichert Marianne Skaug. Gemeinsam mit ihrem Mann Robin betreibt sie seit 38 Jahren das Geschäft mit den Pferdeschlitten, die früher zum Transport von Gütern genutzt wurden. In ihren dicken Wolfsfellen wirken die beiden wie aus der Zeit gefallen. So führen sie Touristen heute auf diese sanfte, naturverbundene Art und Weise durch die Kleinstadt, die zwar nur 5600 Einwohner hat, aber über das ganze Jahr eine Million Touristen beherbergt. Dieser Ort muss also etwas ganz Besonderes haben.

Im 17. Jahrhundert hat man hier Kupfer entdeckt. Das hat die Menschen angezogen. Die Einwohnerzahl wuchs quasi über Nacht auf 1000 an. Damit war der Ort zwischenzeitlich größer als die heutige Hauptstadt Oslo. 333 Jahre lang war die Mine in Betrieb. 1977 wurde sie stillgelegt. Seit 1980 ist Röros Unesco-Weltkulturerbe. Röros ist eine der ältesten noch erhaltenen Holzhausstädte Europas − alles denkmalgeschützte alte Bergmannshäuser.

Doch Röros hat deutlich mehr zu bieten als Bergbau. Heute findet man hier eine lebendige Kunsthandwerkerszene. Einer von ihnen ist Per Lysgaard. Seine Werke erinnern stark an Friedensreich Hundertwasser oder Antoni Gaudi. Schon der kleine Innenhof, der zu seinem Laden führt, wirkt wie ein offenes Kunstmuseum mit seinen schrillen, bunten Figuren. Lysgaard hat ein Faible für die Unterwasserwelt und stellt in seiner Werkstatt in Röros riesige korallenartige Pflanzen aus Ton her. Der Künstler ist mit seinen Werken auf großen Ausstellungen in der ganzen Welt unterwegs.

Neben dem Bergbau hat vor allem die Landwirtschaft den Ort geprägt. Man legt großen Wert auf regionale Lebensmittel, gilt hier sogar als heimliche Hauptstadt. 35 Kleinbauern haben sich zu einer Kooperative zusammengeschlossen. Sie produzieren unterschiedliche Lebensmittel. Sie vermarkten ihre Waren nicht nur zusammen, in einigen Fällen machen sie auch bei der Produktion gemeinsame Sache, liefern zum Beispiel Blaubeeren für das verbreitete Starkbier. Viele Bauernhöfe arbeiten auf ökologischer Basis. Und nicht wenige von ihnen haben eine lange Tradition, wie Galavolden Gard. Den Hof gibt es seit 1721. Heute ist er in den Händen der zehnten Generation.

Naturverbundenen Touristen bieten sich in Norwegen vielfältige Möglichkeiten. Auf der historischen Farm von Stein Kverneng aus dem 17. Jahrhundert gibt es weder Kühe noch Schweine. Als sie noch seinem Vater gehörte, da war es eine echte Farm mit Tieren. Heute ist sie Ausgangspunkt für Outdooraktivitäten.

Stein Kverneng setzt seinen Helm auf und weist die Reisenden in seine Schneemobile ein. Dann geht es auch schon zügig los. Durch einen kleinen Birkenwald führt die rund sechs Kilometer lange Strecke auf eine Hochebene. Hier oben, knapp tausend Meter über dem Meeresspiegel, gibt es nur Weite − und Schnee. Ein Gefühl von Freiheit macht sich breit. Ein kalter Wind pfeift der kleinen Gruppe bei minus sechs Grad um die Ohren. Stein Kverneng besitzt in dieser Einöde eine kleine Holzhütte. Drinnen wärmt ein Holzofen die kalten Glieder. Sogar ein paar Betten gibt es hier. Der 41-jährige Stein Kverneng bietet verschiedene Aktivitäten wie Skilanglauf, Wandertouren oder Teambuilding an.

Reiseleiterin Stine Teigen hat ein Treffen mit einer südsamischen Familie organisiert. Die Südsamen lebten bereits vor der Bergwerkszeit dort. Seit Jahrhunderten betreiben sie die Rentierzucht in Röros, nutzen es bis heute als Last- und Zugtier. Heute sind es noch zehn Familien. Einige der Rentiere werden vor Schlitten gespannt und ziehen mit Mühe Touristen über eine wenige hundert Meter lange Runde durch den Schnee. Sobald sie Moos wittern, nehmen sie plötzlich Fahrt auf und rasen los. "Moos ist ihre Hauptnahrung im Winter. Sie gibt ihnen viel Energie", erklärt Kariana, eine junge Samin. Die Tiere sind außerdem ein wichtiger Fleischlieferant. Rentierfleisch gilt als Delikatesse in Norwegen. Neben Filets, Steaks und Rentierragout produziert man unter anderem auch geräucherte Dauerwurst.

Verspielte Huskies

Im Gegensatz zu den gemächlich schlurfenden Rentieren sind die Huskies einige Kilometer außerhalb von Röros kaum zu bremsen. Sie scheinen nur darauf zu warten, die Fremden endlich durch die weiße Weite zu ziehen. Ein Gespann von zwölf verspielten Hunden rast mit drei Touristen davon. Alle hören auf das Kommando von Stian Hasfjord. "Harra, harra" schreit er. Gut gemacht. "Die Hunde brauchen Anerkennung", sagt er. Hasfjord bereitet seine Huskies auf Rennen über Distanzen von 250 Kilometern vor. Dafür müssen sie viel trainieren. Doch die Hunde haben eine Menge Spaß. Da geht es ihnen nicht anders als den Touristen in diesem schneereichen Winterwunderland.

Im tiefen Schnee durch das Winterwunderland
Marianne und Robin Skaug führen Touristen mit dem Pferdeschlitten auf naturnahe Art und Weise durch das beschauliche norwegische Röros. Fotos: Friedhelm Römer
Im tiefen Schnee durch das Winterwunderland
Gemächlich ziehen die Rentiere den Schlitten. Erst wenn sie Moos wittern, geben sie Gas. Moos ist ihre Hauptnahrung im Winter.
Im tiefen Schnee durch das Winterwunderland
Den Tretschlitten nutzen die Bewohner für Transport und die Fortbewegung.
Im tiefen Schnee durch das Winterwunderland