Heimattag auf hoher See

Ulrike Kübelwirth

Heimattag auf hoher See
Kapitän Jens Troier auf der Brücke der Mein Schiff 4. Immer mit dabei: der Wimpel des Abstatter Sportclubs. Foto: Carolin Fischer/Tui Cruises

Smart ist er, schlagfertig und er lächelt viel. Auch dann, wenn gerade mal keine Passagiere um ihn herumwuseln, die ein Foto mit ihm oder ein Autogramm wollen auf die gerade von ihnen erworbene Unheilig-CD, mit dessen "Große Freiheit" die Mein-Schiff-Flotte traditionsgemäß in See sticht. Die Rede ist vom Abstatter Jens Troier, dem 41-jährigen Unterländer, der seit gut einem halben Jahr als Kapitän der Mein Schiff 4 die Weltmeere bereist. Von Mallorca aus startete er jetzt auf seine erste Transatlantiktour in die Karibik. Bis Ende Dezember steuert er das Kreuzfahrtschiff zu den schönsten Zielen Mittelamerikas.

Wimpel auf der Kommandobrücke

Humorvoll führt Jens Troier durch die nautische Fragestunde, die es bei jeder Tour gibt, erläutert den Unterschied zwischen Rollen (von links nach rechts) und Stampfen (vom Bug zum Heck), gibt Auskunft zu Technik, Sicherheits- und Umweltkonzept, beantwortet (sicherlich zum x-ten Mal) Fragen von Kreuzfahrtneulingen ("Was ist denn der Schwall, von dem Sie immer reden?" "Sie meinen den Schwell, das ist die Dünung. Also der Seegang." Oder: "Warum heißt es Mann über Bord?" "Mann über Bord − Frau überglücklich.") und geht auch persönlichen Fragen nicht aus dem Weg. Alles ohne wichtigtuerisches Gehabe, sondern − ja wie denn eigentlich? "Bodenständig", sagt er. Eine Eigenschaft, die ihm wichtig ist. Denn "ich möchte auf dem Teppich bleiben. Und nie vergessen, wo ich herkomme." Aus dem Unterland. So verwundert es nicht, dass sich auf der Kommandobrücke der MS 4 ein Wimpel des Abstatter Sportclubs findet, der ihn auf seinen Reisen begleitet. Und man nimmt ihm sofort ab, dass er sich über den "Heimattag" auf dem Atlantik freut. "Das war heut’ schon besonders", sagt Troier, "erst hat sich ein Freund aus Abstatt gemeldet, nachher sehe ich ein Paar aus Heilbronn − meinen Nachfolger im Tor − und jetzt kommen auch noch Sie von meiner Heilbronner Stimme". Wie gesagt: Heimattag. Hat er Zeit für ein Gespräch? "Na klar, ich hab erst um 13 Uhr Hochzeit. Also: nicht ich. Ich traue nur das Paar."

Wie im Simulator

Troier, der schon seit 1996 zur See fährt, hat jetzt das Kommando über 2500 Passagiere und mehr als 1000 Mann Besatzung. Macht das einen Unterschied zu früher? "Auf jeden Fall. Es ist ein ganz anderes Gefühl, weil man eben für alles Verantwortung trägt", bekräftigt er. Einen ganz besonderen Stellenwert in seiner ersten Halbjahresbilanz hat seine dritte Reise im Rahmen seines ersten Einsatzes, die von Mallorca nach Hamburg führte. "Das war, als hätte man mich zurück in den Simulator gesteckt − nur mit echten Schiffen. Im Golfe du Lion hatten wir acht Meter hohe Wellen, in Cadiz hatten wir 50 Knoten Wind, ein Anlegen war nur mit Schleppern möglich. Und in Le Havre gab es null Sicht, noch nicht einmal der Vormast war zu sehen", erinnert er sich. Langweilig jedenfalls wird der Kapitänsjob nie. Die MS4 teilt sich Jens Troier zusammen mit Andreas Greulich, dem einstigen Traumschiffkapitän. Die beiden wechseln sich alle drei Monate auf der Brücke ab. Ende Dezember ist es wieder so weit, dann wird Troier wieder seinen "Heimathafen" anlaufen. Mittlerweile ist das Beilstein-Schmidhausen.

Und was macht ein Kapitän im Urlaub? "Sicher keine Kreuzfahrt. Ich fliege auch nicht mehr in Urlaub. Da fahr ich schon lieber mit Auto und Rucksack nach Tschechien." Apropos fahren: Eine ganz große Troiersche Leidenschaft. "Ich wollte schon immer alles bewegen können. Wahrscheinlich habe ich zu viel James Bond gesehen". Selbstredend hat Kapitän Troier einen Motorradführerschein. Im letzten Urlaub kam der Busführerschein hinzu. "Zum Spaß habe ich für ein Reiseunternehmen in Heilbronn Gäste von einer Jacht abgeholt", berichtet er. Und auch diesmal will er wieder Busfahren und natürlich alte Freunde treffen. Denn selbst in der langen Zeit, in der er dem Unterland den Rücken gekehrt hat, "habe ich die nie aus den Augen verloren". Der Kontakt zur Heimat sei ihm wichtig, betont er. "Als ich nach meiner Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann zur Seefahrtschule nach Cuxhaven ging, da dachten doch alle: Der hat einen an der Waffel." Hatte er nicht. Nur eine Leidenschaft für die Seefahrt, die ihn von der Nord-West-Passage bis zur Arktis brachte. Viel erlebt hat er in dieser Zeit − und profitiert heute davon. "Mich kann, zumindest in der Seefahrt, nichts mehr so schnell aus der Ruhe bringen." Hat sich die Seefahrt in der Zwischenzeit verändert? "Klar, auf der Brücke geht heute vieles digital und elektronisch. Man braucht heute viel mehr Knöpfchenkunde als zu meiner Anfangszeit." Und es gibt noch einen Unterschied: Während die meisten Frachter mit Hilfe von Schleppern an die Pier begleitet werden, "manövriere ich das Schiff selbst. Und dieses Schiffshandling ist es, was für mich den Reiz an der Geschichte ausmacht."

Ein bisschen Traumschiff

Was er noch braucht als Chef eines Kreuzfahrers sind zweifelsohne Entertainerqualitäten. "Stimmt schon", lacht er, "viele sehen in mir Käpt’n Hanssen vom Traumschiff und warten auf das Dinner inklusive Wunderkerzen und TV-Musik." Was es an Bord der Mein Schiff 4 natürlich nicht gibt. Dafür gibt es immer wieder Veranstaltungen, in denen Troier das Mikrofon in die Hand nehmen muss, und tägliche Durchsagen. Ein spezielles Training dafür beinhaltete seine Ausbildung nicht. "Aber es ist natürlich von Vorteil, wenn man in ganzen Sätzen sprechen kann. Und, es muss einem schon Spaß machen, mit Menschen umzugehen." Macht es ihm zweifelsohne, dem Kapitän zum Anfassen. Kein Wunder, dass er bei Passagieren und Crewmitgliedern gleichermaßen beliebt ist. Und wer weiß, vielleicht begegnet ihm ja auch so mancher Unterländer Kreuzfahrttourist wieder, wenn er in seinem Heimaturlaub als Busfahrer für ein Heilbronner Reiseunternehmen den einen oder anderen Tagesausflug begleitet.

Heimattag auf hoher See
Erster Hafen nach der Atlantiküberquerung: Die Mein Schiff 4 hat an der Mole von Roseau, Hauptstadt der Karibikinsel Dominica, angelegt. Foto: Ulrike Kübelwirth