Vom Norden an den südlichsten Zipfel

Reisen  Drei junge Filmemacher aus Bremerhaven haben sich ihren Lebenstraum erfüllt: Im Herbst erscheint ein Dokumentarfilm über die Antarktis im Kino

Von Christian Klose

Vom Norden an den südlichsten Zipfel

Landen derzeit nicht erlaubt: Kaiserpinguine haben hier immer Vorfahrt!

 

In der dritten Woche dann war auch die Stimmung im Team frostig, die Euphorie merklich abgekühlt. Von einem grippalen Infekt geschwächt, hustend, mit Fieber, rafften sich die drei jungen Filmemacher dennoch jeden Tag auf. Sie schlüpften in ihrer engen Koje in ihre dicken, feuchten Klamotten und packten die empfindliche Kamera-Ausrüstung zusammen, die ebenfalls unter der Nässe und Kälte litt. Filmen, immer wieder filmen! Tag für Tag. Auch wenn das Wetter immer schlechter wurde, pushten sich die Drei dennoch gegenseitig und schleppten das mehrere hundert Kilo schwere Equipment weiter durch die extreme Gegend. Immer wieder der gleiche Spruch in der täglichen "Playlist" ihrer Köpfe, der sie zum Weitermachen animierte: "Wir sind ja nicht zum Urlaub hier? - it"s Antarctica!"

Unglaubliche Natur

In der Tat verlieh der Gedanke an die einmalige Chance, in der Antarktis einen Film zu drehen, den drei jungen Abenteurern Tim David Müller-Zitzke, Dennis Vogt und Michael Ginzburg aus Bremerhaven immer wieder neue Kräfte. "Du weißt ja nicht, ob du im Leben noch einmal die Möglichkeit haben wirst, so eine Reise zu machen. Also motivierst du dich in dieser Situation immer wieder von Neuem, wenn du da im Eis in dieser unglaublichen Natur stehst", sagt Tim stellvertretend fürs Team. Seit einigen Wochen sind die Drei zurück an der Nordseeküste. Seither wird das Material gesichtet, geschnitten, eine Story gebastelt. Jetzt verarbeiten sie das Ganze erst einmal. In ihren Köpfen und digital mit der Schnitt-Software. Im Herbst soll ein Kinofilm erscheinen. Über die Reise ihres Lebens.

Los ging die vierwöchige Reise am 10. November 2017. Davor lagen gut ein Jahr an Vorbereitungen, eine Art Crowdfunding und die Suche nach Sponsoren. Erster Zwischenstopp nach fast 14 Stunden Flug dann: Buenos Aires in Argentinien. In der Hauptstadt des Landes herrschten angenehme 25 Grad. Es schien also alles paletti, es fühlte sich fast wie Urlaub an. Fast: Denn der Zoll am Flughafen kassierte aus heiterem Himmel die Koffer mit den Kameras und dem Zubehör ein. Ohne nähere Begründung. Trotz aller benötigten Papiere. Ihr eigentlich geplanter Flug nach Ushuaia, auch das "Ende der Welt" genannt, startete ohne sie in die südlichste aller Städte Argentiniens. Das fängt ja gut an..! So mussten die Drei zwei Tage in der südamerikanischen Metropole ausharren, ohne zu wissen, ob sie ihre Koffer rechtzeitig wieder bekommen würden, um den letztmöglichen Flug nach Süd-Patagonien zu erreichen, der sie noch zum Expeditionsschiff bringt. War das schon das Ende der besonderen Reise? Gegen eine saftige, ungerechtfertigte Gebühr gab es die Koffer schließlich doch noch zurück − und am 15. November saßen Tim, Dennis und Michael im Flugzeug in Richtung "Ende der Welt", nach Ushuaia. Das war knapp!

Im Sommer um die null Grad

Wenn die Sonne scheint, da unten am südlichen Polarkreis, ist es von der Temperatur gut auszuhalten. Im Sommer sind es sogar um die null Grad. "Bei Wind und schlechtem Wetter aber auch mal schnell minus 20 bis 30 Grad", erzählen die Drei. Dies hielt die jungen Filmemacher von der Nordsee dennoch nicht davon ab, sich ihren Lebenstraum zu erfüllen. Warum gerade die Antarktis? "Weil sie so unerreichbar scheint, so weit weg ist. Für uns alle war das eine Gegend, die wir uns nicht vorstellen konnten. Die Antarktis ist noch absolute Wildnis, ohne Menschen. Dies mit eigenen Augen zu sehen, war unser Traum und unser Ziel." Insgesamt haben sie rund 30?000 Kilometer zurückgelegt. Ohne Sponsoren wäre es ein Traum geblieben. "Das hätten wir uns so niemals leisten können", sagt der 23-Jährige.

Kurs Antarktis! Dazu mussten sie noch mehrere Tage auf See im Expeditionsschiff "Ortelius" verbringen und die sogenannte Drake-Passage, eine der wildesten und gefährlichsten Wasserstraßen der Erde, durchfahren − bei bis zu 15 Meter hohen Wellen. "Das Ganze war insgesamt schon eine krasse Herausforderung und hat uns wirklich auch an unsere Grenzen gebracht." Seekrankheit und nervöse Mägen inklusive. Nach drei Tagen auf See erblickten die jungen Filmemacher dann plötzlich die ersten Eisbrocken im Meer schwimmen! Und es war schon seltsam, zu hören, wie plötzlich Eisschollen die Bordwand des Schiffes touchierten und es klang, als streife die eiserne Schiffshaut an überdimensionalem Schleifpapier vorbei. Dann die ersten amtlichen Eisberge: die antarktische Halbinsel war in Sichtweite! Antarktis, voraus! Endlich da, endlich am Ziel der Träume. Doch Sonne und blauer Himmel hießen die Abenteurer nicht willkommen, stattdessen tagelang dicke Suppe, Wind, immer wieder Schneeschauer. Der von den drei Filmemachern so heiß ersehnte Flug mit dem Helikopter zu einer Pinguin-Kolonie muss deshalb warten. Klappt er überhaupt noch? Wieder einmal rennt die Zeit davon. Doch dann kommt das Kaiserwetter, und der Flug auf die Halbinsel zu den Kaiserpinguinen kann starten.

"Der Flug zu dieser Kolonie war ein unglaublicher Moment und ein absolutes Highlight unserer Expedition. Das war sehr, sehr beeindruckend", sagt Tim. Doch Moment mal, dachten sich die Drei, als der Helikopter minutenlang in 20 Meter Höhe über dem Eis schwebte, ohne zu landen. An der Landestelle stand ein Kaiserpinguin und hatte es überhaupt nicht eilig. Man muss wissen: In der Antarktis hat die Natur immer Vorfahrt. Also auch die Pinguine. Fünf Meter Abstand − mehr darf man sich keinem Tier nähern. Dass in der Antarktis der Naturschutz absolut Vorrang hat und die riesige Fläche politisch neutral ist, das wird bis heute durch den "Antarktis-Vertrag" der Vereinten Nationen gewährleistet. Und die Auflagen sind sehr streng. "Wir mussten vorher alle unsere Klamotten mit einem speziellen Staubsauger absaugen, damit keine Pollen, die hier nicht hingehören, Flora und Fauna verändern können und die Lebensbedingungen beeinträchtigen."

Das übergeordnete Ziel der jungen Filmer war, dieses Abenteuer überhaupt durchzuziehen und diesen besonderen Fleck der Erde zu erleben. "Es ging auch darum, zu zeigen, dass man es in unserem Alter schaffen kann, so ein Ding zu machen", betonen sie. "Es war dann aber schon krass, zu sehen, wie klein und unbedeutend man als Mensch in dieser unfassbaren Landschaft ist." Die Einmaligkeit, und damit auch diese Verletzlichkeit der Natur in einer Dokumentation festzuhalten, war der größte Teil der Motivation für den Film. "Das Storytelling wird vor allem auf die ewige Schönheit der Antarktis eingehen." Es wird aus Sicht der drei jungen Norddeutschen aber gleichzeitig auch dokumentieren, dass es sich lohnt, sich für diese zerbrechliche Natur und das weltweite Klima einzusetzen.

Extreme Drehbedingungen

In der dritten Woche ging es dann an die Westseite der antarktischen Halbinsel. Dort mussten die Drei im Wortsinne erfahren, wie es ist, unter Extrembedingungen zu filmen. Dies war ebenfalls eine Motivation für den einmaligen Film gewesen. "Wir wissen gerade nicht, was atemberaubender ist: die Landschaft oder unser Husten", schrieben sie zu der Zeit in ihr Logbuch. Deshalb wird der Film auch Sequenzen der jungen Filmemacher selbst zeigen, sie nehmen den Zuschauer mit hinter die Kulissen und lassen sich bei den extremen Drehbedingungen über die Schulter schauen. Doch als sie dann bei freundlicherem Wetter in dieser gewaltigen Natur mit riesigen Bergen standen und die kalte Schönheit der Eisgiganten sahen, wurde ihnen doch warm ums Herz.

Die jungen Filmemacher hielten, ausgelaugt und überwältigt, bis zum Schluss durch, um das "Projekt Antarktis", das in der Heimat von vielen Freunden über die sozialen Medien verfolgt wurde, zu realisieren. Denn wenn man als Kind der Nordsee schon mal im Leben am südlichsten Zipfel der Erde ist, dann muss man die filmreife Grenzerfahrung auch irgendwie versuchen zu genießen. Schließlich machen die drei Jungs nicht jeden Tag die Reise ihres Lebens.

Vom Norden an den südlichsten Zipfel
Vom Norden an den südlichsten Zipfel

Die drei Abenteurer von der Nordseeküste am südlichsten Zipfel der Erde: Tim David Müller-Zitzke, Michael Ginzburg und Dennis Vogt.

 
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