Unbekannte Schönheit

Zwischen Adria und Apennin: Der Name klingt deutsch, doch die Marken sind so typisch italienisch wie kaum eine andere Region

Von Hubert Kemper

Unbekannte Schönheit

Der Rügen erfahrene Urlauber reibt sich verwundert die Augen: Steil abstürzende Kreidefelsen, türkisgrünes Wasser, schneeweiße Sandstrände. Doch das ist nicht der Königsstuhl, das Wahrzeichen der Ostseeinsel, sondern Sirolo. Den besten Blick genießt man von der Balkon-Piazza Vittorio Veneto, unter der sich einladend die Strände Sasse Neri, Grotta Urbani und Due Sorelle ausbreiten. Willkommen an der Conero-Küste in einer der schönsten und weitgehend unbekannten Regionen der italienischen Adria.

Fantastische Ausblicke

Conero ist nicht die einzige Überraschung in Marken, doch eine der reizvollsten. Denn in der Vorstellungswelt der meisten Italien-Urlauber präsentiert sich die Adria flach − und im Sommer mit dicht an dicht liegenden Strandurlaubern. Wer sich jedoch über Badeorte wie Rimini, Cesenatico und Riccione weiter Richtung Süden bewegt, stößt hinter Ancona auf eine hügelige Küstenlandschaft. Ihr Highlight ist der Monte Conero.

"Auf geht"s", ermuntert Sergio seine kleine Wandergruppe. Der Gipfel des Conero-Naturparks ist nur 572 Meter hoch, doch der Anstieg beginnt auf Meereshöhe. Als Entschädigung für die schweißtreibende Kraxelei winken immer neue fantastische Ausblicke auf das leuchtend grüne Meer und mit einer 180-Grad-Drehung auf das Weinanbaugebiet des Rosso Conero. Wer hätte gedacht, dass die Adria solch herausfordernde Wandergebiete in einem botanischen Paradies anbieten kann?

Sirolo ist ein hübscher Ort, der sich gut 100 Meter auf einem von Pinienwäldern bestandenen Kreidefelsen über die Riviera del Conero erhebt. In der Vorsaison bummelt man ohne Gedränge durch die engen Gassen, genießt die Gastlichkeit gemütlicher Locandas und mag sich nicht entscheiden, ob man den Blick auf das Meer oder lieber auf das Hinterland richten soll, wo sich auf jedem Hügel die Silhouette eines mittelalterlichen Ortes abbildet.

Wer es lebhafter mag, wird in Senigallia, nördlich von Ancona gelegen, auf seine Kosten kommen. Der Sand ist samtweich, ein weit ins Wasser ragender Pier erinnert an englische Seebäder. "Im Sommer schläft hier niemand", sagt Ernesto, der sich als "Urgestein" von Sengigallia bezeichnet. Ernesto hält sich lieber in der Altstadt auf. Die Piazza Garibaldi, umsäumt von Palästen, ist sein Lieblingsplatz.

Fort von der Küste, eingetaucht in die Wunderwelt des wohl faszinierenden Höhlensystems der Welt. Von Senigallia ist es nicht weit nach Frassasi. Das im Inneren des Apennin verborgene Höhlensystem erstreckt sich über eine Länge von insgesamt 30 Kilometern. Zugänglich ist eine Strecke von 1,5 Kilometern. Die Zauberwelt der Stalaktiten und Stalagmiten ist professionell ausgeleuchtet und verschlägt sogar Höhlen-Profis den Atem − vielleicht auch der Ruhe wegen, die eine Besichtigung ohne große Touristenscharen erst zum wahren Erlebnis macht.

Raffaels Geburtsstadt

Urbino gilt als Perle der Marken. Wer die Geburtsstadt des Malers und Architekten Raffael nicht im Gedränge erleben will, sollte seine Reise in die Semesterferien legen. Denn Italiens drittälteste Universitätsstadt nach Bologna und Perugia zählt mit 15?000 Einwohnern ebenso viele Studenten. "Außerhalb der Studienzeit ist das eine Geisterstadt", untertreibt Peter Aufreiter. Denn die von dem Österreicher geleitete Nationalgalerie der Marken ist zu jeder Jahreszeit ein Besuchermagnet. Aufreiter residiert im Palazzo Ducale, einem mittelalterlichen Stadtschloss, das seit der Herrschaft von Frederico da Montafeltro (1444-82) das Wahrzeichen von Urbino ist.

"In dieser Atmosphäre ist Raffael aufgewachsen", erklärt Aufreiter, wenn er Besucher durch die heiligen Hallen der neu konzipierten Ausstellungen führt und im Sala degli Angeli, im Engelsaal, das berühmte Gemälde Citta" Ideale zeigt, das wie die perfekte Umsetzung der Utopie der idealen Renaissancestadt wirkt. 200?000 Besucher empfängt die Kunstsammlung im Jahr. "Urbino ist das Herz der Marken", schwärmt Aufreiter "und hier in Marken findet man noch das richtige Italien", meint der Österreicher, "weil die Bedürfnisse der Touristen nicht an erster Stelle stehen." Sehr wohl an den Wünschen seiner Kunden muss sich jedoch Antonio Terni orientieren. Seine Familie bewirtschaftet seit 1882 unweit des berühmten Wallfahrtsortes Loreto ein Weingut in den Hügeln der Conero-Küste. "Urwüchsig und authentisch", beschreibt Terni den Charakter der Marke. "So wie unser Wein", ergänzt er und schenkt unter einer uralten Linde einen Chardonnay ein. Die Meeresluft sei es, die den Wein zu etwas Besonderem mache, sagt der Winzer. Wer wollte ihm widersprechen.

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Renaissance-Pracht: Der Innenhof des Palazzo Duccale in Urbino.

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Dicht an dicht: Im Sommer drängen sich die Urlauber unter Sonnenschirmen vor dem Pier in Senigallia.

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Eine Stadt in einem Palast: Der Palazzo Ducale in Urbino überragt Raffaels Geburtsstadt. Fotos: Region Marken/Fotoarchiv

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Kreidefelsen und tükisgrünes Wasser: Die Conero-Küste erinnert an die Kreidefelsen auf Rügen. Foto: Kemper