Locomore: Im Du-Zug nach Berlin

Stuttgart  Und sie rollen wieder: Nach einer insolvenzbedingten Zwangspause macht der orangefarbene Zug namens Locomore der Deutschen Bahn auf der Strecke zwischen Stuttgart und Berlin Konkurrenz. Aber nur dort. Eine Reportage.

Von Alexander Hettich

Im Du-Zug nach Berlin

Orange, günstig, kommunikativ: Das schätzen Fans an Locomore, hier bei Ankunft in Stuttgart.

 

Tickets gibt es ab 19 Euro, das locker-schnodderige Ambiente gratis dazu. In zwei Monaten haben bereits 50.000 Reisende das Angebot genutzt, vermeldet der Kooperationspartner Flixbus.

Zugbegleiterin würde das wohl in der Deutsche-Bahn-Welt heißen. Das hier ist Locomore. "Mehr Bahn" lautet der Werbespruch. Die Zugbegleiterin ist ein Kumpel, zumindest legt das der Umgangston nahe. Die Dame mit der Berliner Schnauze bleibt auch dann noch beharrlich beim "Du", als sie dem russischen Fahrgast zunehmend verzweifelt nahebringen will, dass er doch bitte den Zug zu verlassen hat.

"Du hast ein Deutsche-Bahn-Ticket." Großer Fehler, das gilt hier nicht. Man hätte es wissen können. Geschätzte einhundert mal kam seit der Abfahrt im Berliner Hauptbahnhof die Durchsage: "Keine Fahrkarten der Deutschen Bahn." So oft, dass man schon geneigt war, das Ganze für eine Slapsticknummer zu halten. Aber offenbar ist die Botschaft noch nicht bei jedem angekommen.

Betrieb durch Leo Express

Es ist aber auch gewöhnungsbedürftig: Da fährt ein Zug von Berlin nach Stuttgart, und es ist nicht die Deutsche Bahn, die ihre Fahrgäste begrüßt. Der private Anbieter Locomore war im Dezember 2016 mit großem Tamtam gestartet und meldete im Mai 2017 Insolvenz an. Seit 24. August sind die orangefarbenen Wagen wieder unterwegs. Den Betrieb hat Leo Express übernommen, ein tschechisches Eisenbahn- und Busunternehmen.

Den Vertrieb erledigt der Fernbusriese Flixbus über seine Website. Vier- bis fünfmal pro Woche fährt der Zug frühmorgens in Stuttgart ab, am Nachmittag geht es von Berlin retour. "Die Kooperation mit Locomore läuft sehr erfolgreich und wir sind sehr zufrieden mit den Ticketverkäufen", vermeldet Flixbus-Sprecher David Krebs. Bis Ende Oktober wurden demnach 50.000 Fahrkarten verkauft. Dass der Laden läuft, ist nicht zu übersehen.

Als der Zug an diesem Sonntag etwas verspätet am Berliner Hauptbahnhof einfährt, ist das Gedränge groß. Ein etwas unwürdiges Rennen auf die Plätze beginnt. Sitzplatzreservierungen gibt es bei Locomore nicht, das soll sich bald ändern, versichert Sprecher Krebs. Zum Glück gibt es auch die Themenabteile aus der euphorischen Anfangszeit nicht mehr. Sie sollten gewährleisten, dass sich Fahrgäste mit gleichen Interessen im Plausch zusammenfinden. Noch mehr Kumpels also.

Start-Up-Ambiente stimmt milde

Der Zug ist voll, trotzdem findet jeder einen Sitzplatz in den modern ausgestatteten Wagen. Die Situation entspannt sich zusätzlich durch jene, die auch die zweihundertste Ansage überhört haben und mit DB-Ticket in der Hand aussteigen − wenn sie nicht zähneknirschend beim Personal nachlösen. "Du musst aber bar zahlen."

Willkommen im Du-Zug, der indes schneller als ein D-Zug unterwegs ist. Knapp sieben Stunden dauert die Fahrt von der Bundes- in die Landeshauptstadt. Etwas eng geht es zu in den Sitzreihen, die Verpflegung beschränkt sich auf einen netten Herrn, der eifrig Kaffee und Häppchen aus einer Art Kiosk im letzten Wagen verkauft. Geduldig stehen die Fahrgäste Schlange. Bei der Deutschen Bahn wären jetzt vermutlich die ersten wütenden Facebook-Posts über den langsamen Service fällig. Aber die Stimmung ist prächtig, trotz Verspätung.

Der Charme eines studentischen Start-Up-Unternehmens, der durch die Wagen weht, macht nachsichtig. Außerdem gibt es WLAN und Steckdosen − essenziell für die überwiegend junge Zielgruppe.

Rund ein dutzend Stopps

"Es ist immer schön, wenn es mehr Angebot gibt", begrüßt Stefan Buhl vom Fahrgastverband Pro Bahn die Locomore-Offensive. Allerdings bestehe die Gefahr, "dass sich Einzelanbieter die Rosinen herauspicken". Von der Deutschen Bahn erwarte man einen Taktfahrplan bis in den letzten Winkel der Republik.

Locomore fährt vorerst nur von Berlin nach Stuttgart und retour, mit rund einem Dutzend Stopps unterwegs. Am Zielbahnhof ist die Verspätung weitgehend reingeholt. Zum Abschied gibt es einen freundlichen Gruß von der neuen Duz-Freundin.

 

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