Der Berg ruft

Yvonne Tscherwitschke

Der Berg ruft
Das Einbinden muss sitzen: Der gesteckte Achter und der doppelte Bulin sind zwei wichtige Kletterknoten.

Das Herz klopft bis zum Hals. "Spring!", ruft Erich unten an der Wand. "Nein, ich trau mich nicht", brülle ich zurück und klammere mich verzweifelt an dem kleinen gelben Griff fest. Doch Erich hat das Seil längst weiter ausgegeben. Schlaff hängt es zum Boden. Die Hände werden schwitziger. Die Kraft lässt nach. Auch wenn ich es nicht wollte: Ich muss springen. Ich habe keine andere Wahl. Und ich jauchze: Eigentlich ist Fallen gar nicht so schlimm.

Fallen ist nur dann nicht schlimm, wenn es in der gesicherten Umgebung der Kletterhalle passiert. Hier zeigt uns Erich Resch (52) heute all die Dinge, die für unser morgiges Abenteuer wichtig sind: Wir wollen mit ihm den Masare-Klettersteig in den Dolomiten machen. Ein Klassiker unter den seilgesicherten Steigen. Doch zuvor will Erich Resch wissen, mit wem er unterwegs ist, was wir können. Und so machen wir fleißig Knoten und klettern erst sanfte Routen im Top-Rope, also gut gesichert. Und erfahren so ganz nebenbei, wie man die kleinen Griffe besser packt, wie man die Arme in kraftraubenden Stellen schont, welchen Unterschied es macht, wenn der Körperschwerpunkt nicht optimal ausbalanciert ist. Und hören immer wieder: "Arsch an die Wand!"

Die Routen werden schwerer. Der 4b+ folgen 5a-, 5b+. Das italienische Bewertungssystem unterscheidet sich etwas von dem deutschen, wie wir es von der Kletterhalle Heilbronn beispielsweise kennen. Erich Resch, Leiter der Alpinschule Rosengarten in Welschnofen, verweist auf die unterschiedlichen Tabellen. Und beglückwünscht uns: Wir sind nach deutschen Verhältnissen gerade eine VII- geklettert. Yeah!

Und weil es so gut läuft, geht es mit dem Vorstieg weiter. Sprich: Es hängt kein Sicherungsseil von der Decke herab. Wir nehmen es nun selbst mit hoch und klippen das Seil in die Haken (in die Exen) ein, die schon an der Wand sind. Das setzt nochmal mächtig Adrenalin frei. Denn im schlimmsten Fall (im Wortsinn) geht es über zwei Meter abwärts. Dann nämlich, wenn man es nicht schafft, das Seil einzuhängen und keine Kraft mehr hat, sich zu halten und die letzte Exe schon um einiges überklettert hat.

Deshalb ist es Resch auch wichtig, dass seine Kletterer keine Angst vor dem gesicherten Fall haben. "Spring!", fordert er noch einmal auf. Und freut sich, dass seiner Aufforderung Folge geleistet wird. Wenn auch mit Zögern. Und weil letztlich keine Wahl blieb. Von der Halle geht es am nächsten Morgen an den Fels. Helm, Klettersteigset, Mütze und Handschuhe sind im Rucksack. Und Regenmontur. Über dem Rosengarten, dem Unesco-Welterbe, hängen an diesem Morgen dicke Wolken. In der Nacht hat es den ersten Schnee gegeben. Vom Dorf aus sehen wir das Latemar weiß gezuckert.

Erich Resch drängt auf einen frühen Start. Im Laufe des Tages soll es kräftig regnen im Eggental. Doch gleich zu Beginn der Tour kommt alles anders: Die Bahn ist defekt. Um zum Masare-Steig zu kommen, müssten wir zwei Stunden zusätzlich zusteigen. "Das macht keinen Sinn", sagt unser Guide, greift zum Handy und tüftelt Plan B aus.

Resch kennt den Rosengarten wie seine Westentasche. 530 Kilometer Wandewege gibt es hier. Und viele Kletterrouten. Einige Erstbegehungen vor allem an der Laurinswand gehen auf Erich Reschs Konto. Er hat sie "Zentralfriedhof" oder "Schweißspur" aber auch einladender als "Carpe diem" benannt. Sein Plan B für heute: der Santnerpaß-Steig. Dorthin bringt uns eine andere Gondel. Die Fahrt endet auf 2300 Metern bei der Kölnerhütte. Hier ist es frostig kalt. Gut, dass es gleich richtig anstrengend wird. Wir laufen uns warm. Die Helme sind auf dem Kopf, das Steigset mit den beiden Karabinern ist im Klettergurt eingebunden. Die ersten Felsen kommen.

"Passt auf, wo ihr eure Füße setzt", warnt Erich Resch. Und fügt hinzu: "Stürzen ist im Steig absolut keine Option." Denn anders als in der Halle steht da keiner, der straff sichert. Im Fall des Falles geht es abwärts, gebremst vom Steigset, das aber nur einmal dynamisch bremst. Bei einem zweiten Sturz müsste der Körper die volle Wucht des Falls aushalten.

Bald schon liegt die Hütte weit unter uns und verschwindet bald völlig hinter den Felsen. Die Sicht ist trotz Nebel ganz gut. Wir überholen eine Dreier-Seilschaft aus Bozen. Auch hier ist ein Bergführer mit zwei Frauen unterwegs. Aber deutlich langsamer. Beide Frauen gehen am Seil. Erich Resch schüttelt einige Schritte weiter den Kopf. Zu wenig trittsicher und zu langsam war ihm die Gruppe für diesen Tag und diese Wetterbedingungen unterwegs. "Hoffentlich dreht er um, ehe es noch schwieriger wird", brummelt Erich Resch. Kraft, Ausdauer und Technik richtig einschätzen, dabei vor allem auch das Wetter im Blick haben, das sind wichtige Punkte der Tourenplanung, erklärt Resch. "Das ist anders als in der Halle". Der Nebel wird dichter. Die kalten Finger suchen Halt am zerklüfteten Fels. Wir zwängen uns durch einen engen Felsspalt. ´Blut läuft vom Knöchel. Die Knie zittern, als es ungesichert um den Bauch des Berges herumgeht. Ein zaghafter Blick nach unten. Oh. Das ist tief. Also lieber wieder nach vorne schauen.

Jetzt, im obersten Drittel sichern durchgehend Seile den Weg. Die Kraxelei ist anstrengend, macht aber riesig Spaß. Und dann stehen wir oben, am höchsten Punkt des Steiges. Auf 2745 Metern. Neuschnee zu unseren Füßen, dichter Nebel hinter uns. Wir beglückwünschen uns, wie es sich auf dem Gipfel des Berges gehört. Und sind aber auch ein bisschen traurig, dass es jetzt wieder abwärts geht. Wobei: eine heiße Tasse Kaffee in der Vajolettahütte, das klingt schon verlockend.Nur zu lange dürfen wir die Hüttengemütlichkeit nicht genießen: der angekündigte Regen trommelt auf das Hüttendach. Also Regenjacke an und schnell hinab Richtung Gardecciahütte. Dort, im dem Eggental gegenüberliegenden Fassatal, wartet unser Rücktransfer. Trotz des schlechten Wetters sind wir nicht allein in der Hütte: die Steige in den Dolomiten sind beliebt. "Es sind alte, logisch angelegte Steige", kritisiert Erich Resch moderne Steige, die viel Eisen in senkrechte Felswände bohren. Immer wieder werden derzeit neue Klettersteige im Allgäu und dem Lechtal beispielsweise eröffnet. Dass immer mehr Menschen das (Sport-)Klettern für sich entdecken, zeigen auch die Besucherzahlen der Kletterhalle Heilbronn deutlich: 50 000 Menschen hingen im vergangenen Jahr an den Wänden. Wenn es von der Halle an den Fels gehen soll, bietet der DAV Lehrgänge in Arco an. Dorthin fährt auch Erich Resch gern. Vom Eggental aus ist das nur ein Katzensprung. Und doch liegt Arco weiter südlich und bietet neue Perspektiven. Und Sonne statt Schnee.

www.eggental.com

Der Berg ruft
Erich Resch (52) hat vor einigen Jahren seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Nun bringt er Kletterer wie mich (rechts) nach oben.
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Helm und Steigset schützen im Steig vor Steinschlag und Sturz.
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