Jagst-Katastrophe: Ammonium-Werte sinken rapide

Von unseren Redakteuren Thomas Zimmermann, Jürgen Kümmerle und Christian Gleichauf

Region 

 

>>>Aktuelles von Sonntag, 16.30 Uhr

Die Nachricht klingt wie eine kleine Sensation. Die gefährlichen Ammonium-Werte in der Jagst scheinen rapide zu sinken. „Wir erwarten den Ankunft der Fahne mit einer Verzögerung von 22 Stunden“, sagt Manfred Körner, Sprecher des Landratsamts in Heilbronn. Eigentlich war der kontaminierte Abschnitt am Sonntag gegen 15 Uhr erwartet worden. In die Jagst eingebrachter Sauerstoff von THW und Feuerwehren scheinen ihre Wirkung zu entfalten. Außerdem scheinen Algen in der Jagst das gefährliche Ammonium abzubauen. Im Landkreis Heilbronn seien alle Maßnahmen von THW und Feuerwehren zunächst unterbrochen, heißt es aus dem Landratsamt.
 

 

Die Helfer an der Jagst können die Schäden nach dem Chemieunfall aktuellen Erkenntnissen zufolge eindämmen. Doch die Folgen des Fischsterbens bergen neue Risiken. Die Giftfahne hat mittlerweile den Kreis Heilbronn erreicht.

>>>Aktuelles von Sonntag, 13.30 Uhr

Das verunreinigtes Wasser droht die Jagst im Kreis Heilbronn zu erreichen. Großpumpen seien im Einsatz, um ein Sechstel des Flusswassers umzuwälzen, sagte ein Sprecher des Landratsamts am Sonntag. Zudem würde reiner Sauerstoff in die Jagst gepumpt, was dem Schadstoffabbau dienen soll. Im Nachbarkreis Hohenlohe hatten die Behörden zuletzt ein deutlich schwächeres Fischsterben verzeichnet als erwartet. Hingegen hatte giftiges Ammoniumnitrat im Kreis Schwäbisch Hall fast alle Lebewesen im Fluss getötet. Dort war der Stoff als Dünger-Bestandteil vor mehr als einer Woche beim Löschen eines Brandes in die Jagst gelangt. dpa

>>>Aktuelles von Sonntag, 13 Uhr

Auch am heutigen Sonntag und trotz der hoffnungsfrohen Nachrichten von gestern geht der Kampf gegen die Öko-Katastrophe weiter. In Mockmühl haben Feuerwehr und THW ihr Führungs- und Lagezentrum eingerichtet. Derzeit bespricht der Führungsstab der Feuerwehr Landkreis Heilbronn den weiteren Einsatz.

>>>Aktuelles von Samstag, 20 Uhr

Der Hohenlohekreis hat soeben die aktuellen Messergebnisse veröffentlicht. Stand 29.8. gegen 12 Uhr (Ammonium-Werte in mg pro Liter):

  • Mulfingen, Kläranlage 6,88 mg/l
  • Hohebach, Wehr 9,86 mg/l
  • Dörzbach, Ortsausgang 15,9 mg/l
  • Krautheim, Ortsausgang 8,16 mg/l
  • Krautheim, Firma Rüdinger 7,7 mg/l
  • Marlach 0,69 mg/l
  • Winzenhofen 0,11 mg/l
  • Westernhausen 0,03 mg/l
  • Bieringen 0,02 mg/l

Neben den Werten von Ammonium werden noch weitere Messungen von Stoffen im Wasser vorgenommen und ständig beobachtet.

In Westernhausen stehen die Belüftungsmaßnahmen im Fokus der Einsatzarbeiten der Feuerwehren und des THWs, wie auch am gesamten bisher betroffenen Jagstverlauf. Für Schöntal treffen die Feuerwehren und das THW die Vorbereitungen für den morgigen Tag.

Die ersten Biotope konnten mittlerweile wieder geöffnet werden. Die Landwirte entnehmen aus verschiedenen Seen im Kreisgebiet rund um die Jagst Frischwasser und bringen dieses unter anderem zu den Biotopen. Bislang werden vereinzelt tote Fische im Kreis verzeichnet.

Über 200 Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehren und des THWs waren heute im Einsatz. Darüber stellten unzählige Freiwillige aus Angel- und Fischereivereinen und der Landwirtschaft ihre Hilfe zur Verfügung. Auch das DRK war vor Ort.

>>>Aktuelles von Samstag, 18:45 Uhr

In Mulfingen-Eberbach sind noch zehn Mann der Mulfinger Feuerwehr mit 11 Pumpen im Einsatz. Dort wurde heute Morgen nur noch 0,71 Milligramm Ammonium gemessen. Ziel ist es nach wie vor Sauerstoff in das Jagstwasser zu geben, auch um weiter stabilisierend zu wirken. Inzwischen ist man dazu übergegangen, das Wasser in hohem Bogen einzuspritzen, weil es sich dann besser mit Sauerstoff und CO2 anreichert. CO2 ist wichtig, weil es den pH-Wert drückt und damit dafür sorgt, dass weniger Ammonium in Ammoniak umgewqandelt wird.

„Wir werden noch eine Weile mit diesen Maßnahmen fortfahren, um die hohe Biomasse in der Jagst Sauerstoff entgegenzusetzen“, betont Thomas Raisig, Fachdienstleiter Wasserwirtschaft und Bodenschutz im Landratsamt. In Eberbach sind verstärkt tote Fisch aufgetaucht, allerdings vermuten Experten, dass ein Teil von Ihnen noch aus dem Landkreis Schwäbisch Hall stammt. „Wir glauben im Moment, dass wir 80 Prozent des Fischbestands retten können", verbreitet der Landrat des Hohenlohekreises, Dr. Matthias Neth, Hoffnung.

Großartig ist nach wie vor die Unterstützung der Katastrophenkräfte durch die Bevölkerung. An allen Einsatzstellen Bringen die Menschen Kuchen und Getränke vorbei. Das Unglück schweißt zusammen. In Krautheim-Gommersdorf wo der Kern der Ammoniumfahne zur Stunde ankommt, hat der Fischereiverein Gommersdorf schon seit Donnerstag in Eigenregie ein Zeltlager aufgebaut, um vor Ort zu sein, wenn Hilfe benötigt wird.

Die Freiwillige Feuerwehr Kloster Schöntal belüftet die Jagst mit Sauerstoff. Foto:  Foto: Jürgen Kümmerle

Heute haben die Fischereifreunde damit begonnen, Schlauchleitungen zu legen und Frischwasser aus dem nahegelegenen Zimmerbach in die Jagst zu pumpen. Trotz der überhöhten Werte sind an der Stelle, zahlreiche Jungfische zu sehen, die einen frischen Eindruck machen. 

Inzwischen hat sich auch Schöntal längst auf die Ankunft der Ammoniumfahne vorbereitet. In allen Ortsteilen sind die Feuerwehren im Einsatz um das Wasser mit Sauerstoff anzureichern.  

>>>Aktuelles von Samstag, 16:30 Uhr

Die Schadstofffahne wird den Landkreis Heilbronn am Sonntag gegen 13 Uhr erreichen, teilte das Landratsamt Heilbronn am Samstag mit. Feuerwehren und Technisches Hilfswerk werden bei Eintreffen der Schadstofffahne in Jagsthausen die Jagst massiv belüften. Rund ein Sechstel des Jagstwassers wird dabei dem Fluss entnommen und wieder zugeführt.

Dabei werden auch vier Großpumpen von Berufsfeuerwehren aus ganz Baden-Württemberg eingesetzt. Zudem wird mit Plattenbelüftern an der Wasserkraftanlage in Jagsthausen reiner Sauerstoff eingebracht werden.

Vor dem Eintreffen der Fahne werden die Biotope und andere Rettungsinseln vom Wasserzufluss getrennt. Die Frischwasserversorgung wird dann von außen übernommen. Weiteres Frischwasser wird in die Schadstofffahne eingebracht, um den Fischen ein Überleben in den sich bildenden Frischwasserblasen zu ermöglichen.

>>>Aktuelles von Samstag, 15 Uhr

Der Dauereinsatz zahlreicher Helfer in der Jagst dämmt nach Einschätzung des Landratsamts Künzelsau die Folgen des Chemineunfalls  ein. Im Hohenlohekreis sei vereinzelt Fischsterben zu beobachten, deutlich weniger aber als erwartet, teilte die Behörde am Samstag mit. Ammoniumnitrat aus Düngemitteln war beim Löschen eines Brandes vor einer Woche in Kirchberg an der Jagst (Kreis Schwäbisch Hall) in den Fluss gespült worden und hatte die Tierwelt nahezu ausgelöscht.

Der Kreis Schwäbisch Hall, wo die sogenannte Schadstofffahne inzwischen durch ist, machte jedoch auf mögliche Probleme in der Folge aufmerksam: Durch Verwesungsprozesse toter Fische im Gewässer kann der Sauerstoffgehalt sinken. Bei zu niedrigem Sauerstoffgehalt bestehe die Gefahr, dass sich aus Nitrat im Fluss für Fische tödliches Nitrit bildet.

Seit dem Unglück sind Freiwillige, Angler, Feuerwehr und das Technische Hilfswerk im Einsatz und wälzen das Flusswasser mit Pumpen um, verdünnen die Giftkonzentration durch frisches Wasser zum Beispiel aus Regenrückhaltebecken und erhöhen den Sauerstoffgehalt, indem sie etwa Barrieren in die Jagst bauen, über die das Wasser sprudelt.

Die Arbeit sei organisatorisch eine riesige Herausforderung und auch körperlich und emotional eine heftige Belastung, sagte der stellvertretende Kreischef in Schwäbisch Hall, Michael Knaus, laut Mitteilung. „Ich danke allen Beteiligten deshalb von ganzem Herzen und wünsche mir, dass wir jetzt gemeinsam zuversichtlich den Blick nach vorne richten können.“

Im Hohenlohekreis, wo die mehr als 20 Kilometer lange Giftfahne am Wochenende war, wurden den Angaben nach auch tote Fische aus dem Nachbarkreis angeschwemmt. Die Ammonium-Belastung liegt dort deutlich unter den Anfangswerten aus dem Kreis Schwäbsich Hall.

Laut Umweltministerium ist für das Verenden der Fische Ammoniak verantwortlich, das im Wasser aus Ammonium entsteht. Für den Ammoniak-Gehalt sei Ammonium nur ein Parameter, sagte ein Sprecher. Die Temperatur und der PH-Wert spielten ebenfalls eine Rolle bei der Ammoniakkonzentration. Länger andauernde Ammoniakkonzentrationen von 0,1 bis 0,2 Milligramm pro Liter können demnach tödlich für Fische sein, kurzfristig können sie höhere Werte bis 0,4 überstehen.

Nach dem Hohenlohekreis, wo am Montag ein Runder Tisch „Initiative Zukunft Jagst“ die Arbeit aufnehmen soll, startet auch der Kreis Schwäbisch Hall Pläne zur Renaturierung. Zu einem ersten Treffen eines Arbeitskreises „Unsere Jagst“ am Dienstag hat das Landratsamt betroffene Fischereivereine, Vertreter der Anrainerstädte, von Umweltverbänden, des Regierungspräsidiums und weitere Experten geladen. Die Kosten des Unglücks und der Schadensersatz sind nach Worten von Knaus noch zu klären. dpa

>>>Aktuelles von Samstag, 14:30 Uhr

Der Fischereiverein Öhringen und Pächter Wolfgang Franz aus Eberbach fischen bei Eberbach tote Fische ab. 
Die Feuerwehr bläst hier weiter Sauerstoff in die Jagst.

 

>>>Aktuelles von Samstag, 10 Uhr

Weniger Fische gestorben als befürchtet

Durch das Gift in der Jagst scheinen im Hohenlohekreis weniger Fische zu verenden als befürchtet. Es werde nur vereinzelt ein Fischsterben in dem Fluss beobachtet, „deutlich weniger als erwartet“, teilte das Landratsamt in Künzelsau in einer Pressemitteilung mit. Tote Fische würden immer noch aus dem Kreis Schwäbisch Hall angeschwemmt. Der höchste Wert an Ammonium-Belastung sei am Freitagabend in Dörzbach mit 18,8 Milligramm pro Liter gemessen worden. Als tödlich für Fische gilt eine Konzentration 0,5. Einsatzkräfte belüften die Jagst, um den Giftabbau zu beschleunigen. Die Dünger-Schadstoffe waren nach einem Brand vor einer Woche in den Fluss gelangt.

Belüftung

Wie viele Fische im Hohenlohekreis bereits verendet sind, kann noch nicht abgeschätzt werden, teilte das Landratsamt mit. Wichtig seien jetzt die Belüftungsmaßnahmen: "Zum einen wird unter hohem Druck Wasser aus der Jagst wieder in diese zurück gepumpt und verwirbelt, zum anderen erfolgt die Zugabe von reinem Sauerstoff", erklärt das Landratsamt.

Auf der gesamten Strecke zwischen Mulfingen-Eberbach und Schöntal-Marlach sind die Belüftungsmaßnahmen durch die Freiweilligen Feuerwehren und des THWs in vollem Gange. Heute erreicht die Schadstofffahne die Gemeinde Schöntal (Ortsteil Marlach). Die Einsatzkräfte beginnen dort mit weiteren Belüftungsmaßnahmen.

Landrat Dr. Matthias Neth betont in der Mitteilung seinen Dank für die enorme Hilfsbereitschaft der hiesigen Landwirte, die ihre Gerätschaften und Maschinen zur Verfügung stellen. „Die Landwirte zeigen großes Engagement und bieten ihre Hilfe an. Sie unterstützen die Hilfskräfte, die rund um die Uhr im Einsatz sind, wo es möglich ist. Dafür danke ich ihnen sehr.“

Aktuelle Informationen

Für weitere Informationen ist das vom Landratsamt Hohenlohekreis eingerichtete Bürgertelefon auch am Wochenende unter Telefon 07940 18-300 von 9 bis 18 Uhr besetzt. Auf der Homepage des Hohenlohekreises können sich die Bürger über die aktuellen Messergebnisse und die derzeit laufenden Maßnahmen informieren. Auch das Infotelefon des Landratsamtes Heilbronn ist unter 07131 9948000 - täglich von 9 bis 17 Uhr - erreichbar.

Gewappnet

Jagsthausen ist die erste Gemeinde im Landkreis Heilbronn, durch die die kontaminierte Jagst fließt. Die Giftbrühe wird dort am Sonntagmittag erwartet. Man möchte gewappnet sein. Deshalb haben Carsten Beier, Leiter des THW-Widdern und seine Kollegen am Mittwoch mit dem Bau des Dammes begonnen. Ein Lkw mit Kranaufbau hievt große weiße, mit Split gefüllte Säcke in die Jagst. Es ist eine von vielen Stationen an der Jagst, an denen Freiwillige Hilfe leisten. Die Menschen wollen nicht untätig auf das Eintreffen der vergifteten Jagstfahne warten.

Dabei gibt es Grund zur Hoffnung. In Mulfingen sollen Fische angeblich die Fahne überlebt haben. Das sagt Mulfingens Bürgermeister Robert Böhnel. Aus einem Rückhaltebecken hat man der Jagst 50 000 Kubikmeter Frischwasser zugeführt. An den Uferrändern scheint der Sauerstoff ausreichend. Dorthin sollen die Fische geflüchtet sein. Am späten Freitagabend meldet Böhnel, dass der Ammoniumgehalt auf vier Milligramm pro Liter gesunken sei. 200 Milligramm waren es beim Eintritt in die Jagst in Kirchberg. 0,5 Milligramm können für Lebewesen bereits tödlich sein.

Am Freitag macht sich der Heilbronner Landrat Detlef Piepenburg ein Bild vor Ort. Er ist begeistert von der Motivation der vielen freiwilligen Helfer und der Solidarität der Bevölkerung. Diese Begeisterung ist greifbar.

Die Neuigkeit mit dem zugeführten Frischwasser spricht sich herum. Die Kommunikation unter den Landratsämtern steht. Nun möchte man sich das Phänomen mit dem Frischwasser auch im Landkreis zunutze machen. Gewässerexperten hoffen, dass in die Fahne gepumptes Wasser die Tiere retten könnte. Ein Stab an Mitarbeitern organisiert die Logistik. Landwirte mit geeigneten Gerätschaften sollen Frischwasser von kleinen Quellen oder Brunnen an die Jagst transportieren. Die Solidarität ist groß.

Hoffnung

Davon und von den bisherigen Erfolgen haben sich am Freitag auch Umweltminister Franz Untersteller und Alexander Bonde, Minister für den ländlichen Raum, in Krautheim überzeugen lassen. „Bis gestern habe ich mit schlimmerem gerechnet“, schöpft Untersteller Hoffnung. „Wenn die Krise überstanden ist, müssen wir die Artenvielfalt so gut und so rasch es geht wiederherstellen“, sagt Bonde. Inwieweit sich das Land an den entstandenen Kosten beteiligt, ließen die Minister offen. jükü/zim

Maßnahmen
Seit dem Eintritt des vergifteten Löschwassers in die Jagst werden beim Landratsamt Heilbronn mehrere Maßnahmen diskutiert. Wasser vom Kocher in die Jagst zu pumpen, scheidet aus. Im Kocher herrscht die Krebspest, eine für Krebse tödliche Krankheit. Die Zugabe von Frischwasser scheint erfolgversprechend. Definitiv werden die Wehre des Neckars gestaut. Beim Eintritt der Jagst soll das Neckarwasser die Jagstfahne verdünnen. jükü

 

Hoffnungsschimmer am Horizont

Nach Tagen der Angst steigt an der Jagst die Hoffnung, dass das große Fischsterben verhindert werden kann. Pünktlich zum Besuch von Umweltminister Franz Untersteller und Naturschutzminister Alexander Bonde in Krautheim gingen die Ammoniumwerte auf breiter Front zurück. Der höchste Wert wurde gestern Mittag mit 12,6 Milligramm je Liter Wasser in Mulfingen gemessen. Tags zuvor lag der Höchstwert dort noch bei 36,4 Milligramm. Ab einem Milligramm ist der Ammoniumgehalt für Fische und Wassertiere tödlich. „Wir merken, dass die Maßnahmen greifen und wir haben noch kein kollektives Fischesterben im Hohenlohekreis“, freut sich Landrat Matthias Neth über die deutliche Verbesserung der Wasserqualität.

Artenvielfalt

„Bis gestern habe ich mit Schlimmerem gerechnet“, schöpft auch Franz Untersteller Hoffnung. „Wenn die Krise überstanden ist, müssen wir die Artenvielfalt so gut und so rasch es geht wiederherstellen“, betont Alexander Bonde in Krautheim. Inwieweit sich das Land an den anfallenden Kosten beteiligt, ließen die Minister noch offen. „Im Moment zählen die Maßnahmen vor Ort, über Kosten und Hilfen können wir später reden“, betont auch Matthias Neth. Die deutlich niedrigeren Werte in der Jagst am Freitag begründet Neth mit einem „ganzen Bündel an Maßnahmen.“ Dazu zählt auch die Öffnung der Rückhaltebecken in Zaisenhausen und Mulfingen. Dadurch konnten dem Fluss 50 000 Kubikmeter Frischwasser zugeführt werden. „Das hat eine entscheidende Verbesserung gebracht“, betont Robert Böhnel. Der Mulfinger Bürgermeister glaubt fest daran, dass ein Großteil der Fische überlebt. „Am Abend sanken die Werte bereits auf vier Milligramm Ich habe an allen Stellen in Mulfingen noch viele lebende Fische gesehen“, so Böhnel. „Es ist ein Silberstreifen am Horizont“, sagt Alexander Bonde. Offenbar seien auch die pH-Werte im Fluss besonders günstig, erklärt Alexander Bonde das Phänomen.

Inzwischen kann der Landkreis Schwäbisch Hall Entwarnung geben: Vom Unglücksort bis nahezu an die Kreisgrenze haben sich die Werte von unter 0,2 bis 0,4 Milligramm wieder normalisiert. Auch die Befürchtungen, dass weitere gefährliche Stoffe wie Dioxin in die Jagst geschwemmt wurden, können endgültig ausgeschlossen werden. Allerdings sind von Kirchberg bis Bächlingen rund elf Tonnen Fische verendet.

Trotz der hoffnungsvollen Entwicklungen im Hohenlohekreis wird in den Gemeinden an der Jagst fieberhaft weitergearbeitet. In Krautheim und Klepsau hat das THW die ersten Pumpen aufgestellt, die das Wasser mit Sauerstoff anreichern. Auch in Hohebach und Dörzbach laufen die Pumpen ununterbrochen. Unterhalb der Brücke von Dörzbach wird die Jagst komplett durch den Kanal an der historischen Ölmühle geleitet, um den Nebenarm zu schützen.

Planmäßig

„Bei uns läuft alles nach Plan“, betont Christoph Nicklaß, Feuerwehrkommandant von Dörzbach. Am Nachmittag hat die Ammoniumfahne den Ort erreicht. Am Badeplatz werden 10,3 Milligramm Ammonium gemessen. „Es wäre für die Helfer das größte Lob, wenn es gelänge, die Giftfahne im Hohenlohekreis einzudämmen“, betont Arnulf von Eyb. Der Landtagsabgeordnete aus Dörzbach hat ein ganz besonderes Verhältnis zur Jagst, an deren Ufer sein Schloß steht. Der 60-Jährige schwimmt im Sommer jeden Morgen in dem Fluss, der bis dato als ökologisch bedeutendstes Fließgewässer im Land gilt. zim

 

Grenzenlose Solidarität: Menschen kämpfen für ihre Jagst

Es ist eine Hilfsbereitschaft und eine Solidarität, die greifbar ist. Das schreckliche Unglück, das vergangenes Wochenende seinen Anfang nahm, schweißt die Menschen an der Jagst zusammen. Am 22. August war mit Düngemitteln vermischtes Löschwasser nach einem Großbrand in Kirchberg in die Jagst gelangt. Elf Tonnen toter Fische hat der Landkreis Schwäbisch Hall bis Freitagabend aus der Jagst gefischt. Dort kamen Rettungsmaßnahmen zu spät. Seither schwimmt mit Ammonium verseuchtes Wasser in der Jagst in Richtung Neckar.

In den Landkreisen Hohenlohe und Heilbronn arbeiten seit bekanntwerden des Unglücks die Menschen unermüdlich an der Rettung ihrer Jagst. Teilweise bis spät in die Nacht. Sie wollen nicht tatenlos mit ansehen wie ihr Stück Heimat, durch eine giftige Brühe für vielleicht lange Zeit vergiftet wird. Oft in Eigenregie organisierten die ersten Helfer Material und Freiwillige. Angelvereine, Technisches Hilfswerk, DLRG, Feuerwehr, Mitarbeiter der Gemeinden, Menschen aus den Orten und über die Ortsgrenzen hinaus helfen an den Aktionen mit. Kinder und Senioren packen mit an.

In Mulfingen-Eberbach gelang es mit einer beeindruckenden konzertierten Aktion die aus dem Landkreis Schwäbisch Hall kommenden hohen AmmoniumWerte deutlich zu senken. Dort waren tagelang 35 Feuerwehrleute aus Mulfingen und 40 THWler aus dem gesamten Landkreis ununterbrochen im Einsatz um Sauerstoff in die Jagst zu pumpen und Biotope abzusperren. Angler fischten den Fluss ab, um möglichst viele Tiere zu retten.

In Dörzbach füllten Feuerwehrleute und Freiwillige Dienstagnacht von 17.30 Uhr bis 0.30 Uhr Sandsäcke und Bigpacks mit Schottersteinen, um die Biotope abzudichten. „Ich habe drei Stunden am Stück Sandsäcke geschleppt, das war schon hart aber die Stimmung war gut“, sagt Manuela Pfautz von der Freiwilligen Feuerwehr Dörzbach. Auch gestern war die junge Frau wieder im Einsatz, um die Wasserpumpen zu bedienen.

Spenden

In Ruchsen füllen Flüchtlinge Sandsäcke. Firmen spenden Material, Frauen backen Kuchen für die Helfer, Sach- und Geldspenden gehen ein. Obst und Getränke werden den unermüdlichen Helfern an die Jagst geliefert. In Widdern werfen Menschen kleine Netze aus und kämpfen um jeden einzelnen Fisch.

Seit Freitag geht man davon aus, dass frisches Wasser in der Giftfahne, die Fische möglicherweise retten kann. Kein Bauer habe die Hilfe verweigert. Sie stellen Traktoren und Fassanhänger, um frisches Wasser aus Brunnen zu transportieren, sagt Manfred Körner, Pressesprecher des Heilbronner Landratsamts. Amtsträger sind überwältigt von der Solidarität der Bürger. Roland Halter, Bürgermeister in Jagsthausen sagt: „Es ist niemandem etwas zuviel. Ich bin fasziniert von der Hilfsbereitschaft.“ zim/jükü

 

>>>Aktuelles von Freitag 18 Uhr

Das vergiftete Jagstwasser ist inzwischen in Dörzbach angekommen. Es gibt einen kleinen Hoffnungsschimmer: Fische sollen in Mulfingen überlebt haben.

Es gibt Hoffnung, dass in Mufingen viele Fische die Ammoniumfahne überlebt haben. Außerdem könnten durch die verschiedenen Maßnahmen und die Öffnung der Rückhaltebecken die Werte deutlich gesenkt werden. Die Höchstwerte liegen derzeit in Mulfingen bei 14 Milligramm Ammonium auf den Liter Wasser. Mulfingens Bürgermeister Robert Böhnel hatte bereits am Freitagmorgen berichtet, dass Fische in der Jagst bei Mulfingen die gefährliche Giftfahne überlebt hätten.

„Wir merken jetzt, dass die Maßnahmen greifen“, sagte der Landrat des Hohenlohekreises, Matthias Neth, am Freitag in Krautheim. Er organisiert derweil mit betroffenen Organisationen und Verbänden am kommenden Montag einen Runden Tisch „Initiative Zukunft Jagst“. „Diese Umweltkatastrophe wird das Ökosystem der Jagst auf Jahre hin verändern. Experten gehen davon aus, dass der Fischbestand sich erst in mehreren Jahren erholen wird“, betonte Neth.

>>>Aktuelles von Freitag 17 Uhr

Naturschutzminister Bonde sagte in Krautheim: „Wir haben hier eine veritable Umweltkatastrophe.“ Das genaue Ausmaß des Schadens sei noch nicht absehbar und er könne im Moment nur minimiert werden. „Es ist aber eine gute Nachricht, dass das Fischsterben verlangsamt ist.“ dpa

>>>Aktuelles von Freitag 16:30 Uhr

Zumindest einer scheint sich über die ganze Aufregung um Gift und Staudämme zu freuen.

>>>Aktuelles von Freitag, 14 Uhr

Als Reaktion auf die Umweltkatastrophe an der Jagst will die baden-württembergische Landesregierung im ganzen Südwesten Lagerhallen mit gefährlichen Stoffen entlang von Flüssen überprüfen. Zudem müsse geschaut werden, ob die geltende Rechtslage ausreichend sei, sagte Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) am Freitag in Krautheim (Hohenlohekreis). dpa

>>>Aktuelle Messwerte von Freitag

Das Landratsamt Schwäbisch Hall informiert darüber, dass sich die Schadstoffe Werte im dortigen Landkreis wieder normalisiert haben.

Der Ammonium-Wert ist ab 0,5 bis ein mg/l tödlich für Fische und andere Lebewesen in der Jagst. Normal ist ein Wert in der Jagst mit 0,04 mg/l. Bei Nitrat liegt der Grenzwert für Trinkwasser bei 50 mg/l.

Vom Brandort in Kirchberg-Lobenhausen geht nach jetzigen Erkenntnissen keine Gefahr mehr für das Jagstwasser aus. Die Brandstelle und alle möglichen bekannten bzw. vermuteten Austrittsstellen von Löschwasser sind abgesichert. Mit der vor Ort tätigen Räumungsfirma wurde vereinbart, dass bis spätestens Samstagabend alle noch vorhandenen Brandrückstände und der Brandschutt abtransportiert werden. Die Reinigungsarbeiten werden weiter fortgesetzt.

Welche Bedeutung hat die Jagst?

Die Jagst gilt laut Regierungspräsidium Stuttgart als ökologisch bedeutendstes Fließgewässer im Südwesten. Von der Quelle bei Unterschneidheim (Ostalbkreis) etwa 519 Meter über dem Meeresspiegel bis zur Mündung in den Neckar bei Bad Friedrichshall ist der Fluss 190 Kilometer lang. Er hat ein Einzugsgebiet von mehr als 1840 Quadratkilometern, ein Großteil davon steht unter Naturschutz. Im Gegensatz zu anderen Flüssen wurden an der Jagst keine umfangreichen Ausbaumaßnahmen durchgeführt, sie ist im Regierungsbezirk der Fluss mit der größten Naturnähe. Insbesondere der von der Umweltkatastrophe betroffene Gewässerabschnitt zeichne sich durch große Naturnähe und eine hohe Artenvielfalt aus.
Nach Untersuchungen der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) leben an einigen Stellen der Jagst bis zu 50 verschiedene Arten, meist sind es mehr als 40. Die Fischwelt ist laut Regierungspräsidium mit elf Arten reichhaltig, darunter mehrere gefährdete wie Groppe, Barbe, Hasel, Elritze und Schneider. In der Jagst konnte die Kleine Flussmuschel nachgewiesen werden, die Wasserpflanzenvegetation ist ebenfalls üppig. Biber sind an ihren Ufern ebenso heimisch wie Eisvögel, Zwergtaucher und die Mopsfledermaus. Zudem leben dort geschützte Schmetterlingsarten wie der Dunkle Wiesenknopf-Ameisen-Bläuling und der Große Feuerfalter. dpa

 

>>>Aktuelles von Freitag, 9 Uhr

An der Jagst haben Feuerwehr und Technisches Hilfswerk (THW) auch am Freitag gegen die giftigen Stoffe Ammonium und Ammoniumnitrat im Wasser angekämpft. Nach Auskunft des Landratsamtes im Hohenlohekreis erreichte die Schadstoffwelle Ailringen. Dort lag der zuletzt gemessene Wert am Donnerstagabend um 19.30 Uhr bei 9,27 Milligramm pro Liter. Laut einer Behördensprecherin dürfte sich dieser im Laufe der Nacht erhöht haben.

Freiwillige Feuerwehren folgten der Giftwelle entlang der Jagst. Sie pumpen Wasser ab und spritzen es wieder in den Fluss, dadurch werde dem Wasser Sauerstoff zugeführt. Die Giftfahne fließe weiter in Richtung Neckar. Die Ammonium-Konzentration in Mulfingen lag am Donnerstagabend zwischen 20,5 Milligramm pro Liter und 34,6 Milligramm pro Liter. Zur Einordnung: Eine Dosis von mehr als 0,5 Milligramm pro Liter ist für viele Fische schon tödlich. dpa

>>>Arbeiten in Jagsthausen am späten Donnerstagabend

DLRG und THW-Einsatzkräfte sind in Jagsthausen damit beschäftigt, einen riesigen Damm in die Jagst zu bauen. Ein etwa 300 Meter langer Abschnitt dient als Renaturierungsbereich für Fische und Kleinlebewesen.
Acht Taucher vom DLRG Möckmühl haben den Damm gegen Unterwasser abgedichtet. „Viele von uns haben Erfahrungen beim Elbe-Hochwasser gesammelt“, sagt Vorsitzender Stefan Schmidt.

Etwa 60 Helfer des THW haben die Big Packs ins Wasser befördert und Sandsäcke gefüllt. „Am Anfang mussten wir improvisieren und mit den Materialen arbeiten, die uns zur Verfügung standen“, sagt Carsten Beier, Leiter des THW-Widdern.

Lkw karrten Sand und Split an, Bagger füllten die Big Packs. Bis spät in die Nacht bauten die Helfer den Damm auf. Am Donnerstag gegen 23 Uhr war zunächst Schluss. Der Damm war dicht. Seit Freitagmorgen sind die Helfer wieder im Einsatz

 

 

>>>Aktuelles von Donnerstag, 21:41 Uhr

 

Asylbewerber füllen Sandsäcke. Foto:  Foto: Jürgen Kümmerle

Mit vereinten Kräften gegen die Giftfahne

Emil Leist ist 77 Jahre alt. Vor 35 Jahren war er einer der Gründungsmitglieder des Fischereivereins Ruchsen. Der Möckmühler Teilort liegt an der Jagst. Für die Vereinsmitglieder ist die Jagst ihr Paradies. Hier sitzen sie im Sommer, angeln Hechte und Welse. Jetzt steht Leist am Jagstufer. „Dass ich das noch erleben muss. Es ist eine Schweinerei.“

Es ist Tag fünf, nachdem in Kirchberg-Lobenhausen mit Ammonium verseuchtes Löschwasser in die Jagst floss. Zig Tonnen Fische und Kleinlebewesen sind seither verendet. Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller bezeichnet das Unglück als ökologische Katastrophe. Ein Ende ist nicht in Sicht. Er und Naturschutzminister Alexander Bonde wollen sich heute in Krautheim ein Bild vor Ort machen. Unterdessen fließt die rund 17 Kilometer lange Ammoniumfahne in der Jagst unaufhaltsam flussabwärts in Richtung Neckar.

Erloschen

In den letzten Tagen ist viel von Versagen die Rede. Dem Landratsamt in Schwäbsich Hall wird vorgeworfen, das Unglück unterschätzt zu haben. Auf dem Jagst-Abschnitt bis zur Kreisgrenze nach Hohenlohe ist alles Leben erloschen. In den vergangenen Tagen haben die Menschen dort tonnenweise tote Fische aus dem Wasser geholt. Das Sterben an der Jagst geht weiter. Welche fatale Wirkung der belastete Abschnitt entfaltet, soll Verantwortlichen zu spät klar geworden sein, so der Vorwurf.

Trotz vielfältiger Versuche durch Feuerwehr und THW, das Wasser mit Sauerstoff anzureichern, wurden gestern in Mulfingen-Heimhausen 36,4 Milligramm Ammonium pro Liter Wasser gemessen. Damit sinkt der in Kirchberg gemessene Ausgangswert von 200 Milligramm zwar kontinuierlich. Bereits ein Wert zwischen 0,5 Milligramm und einem Milligram pro Liter ist aber für Fische und Kleinlebewesen im Wasser tödlich. „Wir kommen runter, aber zu langsam“, sagt Matthias Neth, Landrat des Hohenlohekreises. Das Wasser der Jagst kennt keine Grenzen.

Am Wochenende wird der kontaminierte Abschnitt im Landkreis Heilbronn erwartet, irgendwann fließt das Jagstwasser in den Neckar. Das Landratsamt Heilbronn hat einen zeitlichen Vorlauf. Dort überlegt man bereits, den Neckar an den Wehren aufzustauen, sagt Landratsamt-Sprecher Manfred Körner. Außerdem fällt der Neckarpegel. Sollte es nicht gelingen, den Ammoniumwert bis zum Eintritt in den Neckar auf unter ein Milligramm zu senken, trifft die vergiftete Jagst auf zu wenig Neckarwasser.

Aufstauen

Auch der Breitenauer See und die Ehmetsklinge könnten aufgestaut werden, so die Überlegungen. Beide Seen sind bei Badegästen im Sommer beliebt. Am Sonntag will man in Jagsthausen Wasser aus dem Kocher in die Jagst pumpen. Schweres Gerät der Berufsfeuerwehren aus Heilbronn, Mannheim, Stuttgart und Karlsruhe steht bereit. 16 000 Liter pro Minute sauberes Kocherwasser sollen die Giftfahne der Jagst verdünnen.

Gestern Nachmittag teilt die Polizei mit, dass man davon ausgeht, dass das Feuer in Lobenhausen von Menschenhand verursacht wurde. Man sucht eine noch unbekannte Person, heißt es im Polizeibericht. Ob der Brand vorsätzlich oder fahrlässig gelegt wurde, ist Teil der Ermittlungen.

Zu diesem Zeitpunkt sind in Ruchsen freiwillige Helfer am Jagstufer im Dauereinsatz. Bürger, Mitarbeiter der Gemeinde, der Fischereiverein, sie alle krempeln die Ärmel hoch. Not schweißt zusammen, heißt es. Asylbewerber helfen mit, füllen Sandsäcke. Einer sagt, wenn das hier gelingt, gehören die Jungs dazu. Aufopferungsvoll füllen sie die Säcke. Als gehe es um ihren Fluss.

Eingesetzt

Mit Big-Packs will der Fischereiverein einen Teil der Jagst abriegeln. Bis zu 45 Big Packs gefüllt mit 1,3 Tonnen Sand werden verbaut, sagt Jochen Reichert vom Bauhof in Möckmühl. Trifft der kontaminierte Abschnitt in Ruchsen ein, soll die Jagst über einen Kanal vorbeigeleitet werden (siehe Grafik). Die geretteten Tiere sollen nach Abzug der Fahne wieder in ihren ursprünglichen Raum zurückversetzt werden. „Wir tun alles, was wir können, um die Fische zu retten“, sagt der Fischereivereins-Vorsitzende Ralf Mayer.

In Kirchberg-Lobenhausen ist man bemüht, das Einfließen von weiterem Giftwasser zu verhindern. „Die Mühle ist noch nicht sicher“, sagt Michael Knaus, Erster Landesbeamter des Landkreises Schwäbisch Hall. „Es kommt immer noch Wasser.“ Noch habe man keinerlei Erkenntnisse, warum das Rückhaltebecken an den Lagerhallen dem Löschwasser nicht standhalten konnte. Es sei unklar, ob das Becken undicht war oder übergelaufen ist. jükü/zim

 

>>>Aktuelles von Donnerstag, 21:19 Uhr

HIer spricht Landrat Matthias Neth über die Rettungsmaßnahmen an der Jagst.

 

>>>Aktuelles von Donnerstag, 17:40 Uhr

Über mehrere Tage untersuchten Techniker und Brandermittler der Kriminalpolizei sowie Brandsachverständige den Brandort. In der äußerst stark zerstörten Lagerhalle der Lobenhauser Mühle konnte eine Ursache für den Ausbruch des Feuers nicht festgestellt werden. Technische Ursachen oder eine Selbstentzündung sind nach den Untersuchungen sehr wahrscheinlich auszuschließen. Es ist daher derzeit davon auszugehen, dass menschliches Verhalten den Brand ausgelöst haben muss. Ob ein fahrlässiges oder vorsätzliches Handeln brandursächlich war, ist offen. Die kriminalpolizeilichen Ermittlungen dauern an.

Die Kriminalpolizei bittet in diesem Zusammenhang die Bevölkerung um ihre Mithilfe. Personen, die am Samstag - 22.08.2015 - zwischen 20 und 22 Uhr im Bereich des Brandortes unterwegs waren, werden gebeten, Kontakt mit der Polizei aufzunehmen. Für diese Meldung ist es unerheblich, ob dabei verdächtige Wahrnehmungen gemacht wurden oder nicht. Sämtliche Meldungen und Hinweise werden jederzeit unter der Rufnummer 0791/4000 entgegen genommen. red

>>>Aktuelles von Donnerstag, 14:15 Uhr

Eine mögliche Maßnahme gegen die Katastrophe: Der Neckar könnte gestaut werden. In dem Moment, in dem das verseuchte Wasser aus der Jagst im Neckar eintreffen würde, würde die gesammelte Wassermenge freigegeben werden.

Der Landkreis Heilbronn bereitet sich auf das Schlimmste vor. Da der Neckarpegel fällt und der Schadstoffgehalt in der kontaminierten Jagst nicht wie gewünscht abnimmt, gibt es die Überlegung die Neckar-Zuflüsse zu stauen. Das teilte das Landratsamt Heilbronn auf Anfrage mit. „Wir können nicht mehr ausschließen, dass es auch zu einem Fischsterben im Neckar kommen könnte“, sagt Manfred Körner, Sprecher des Landratsamts Heilbronn.

Experten vom Landratsamt und vom Landesamt für Umwelt, Messungen und Naturschutz berechnen im Moment den Eintritt des verunreinigten Wasser aus der Jagst in den Neckar. Genau zu diesem Zeitpunkt, so die Überlegung, soll der Neckar mit der größtmöglichen Wassermenge auf die kontaminierte Jagst treffen. Gestaut wird aktuell aber noch nicht.

Während sich der Hohenlohekreis und Gemeinden im Landkreis Heilbronn gegen die Giftfahne stemmen, ist man in Kirchberg bemüht, das Einfließen von weiterem Giftwasser zu verhindern. „Die Mühle ist noch nicht sicher“, sagt Michael Knaus, Erster Landesbeamter des Landkreises Schwäbisch Hall. „Es kommt immer noch Wasser.“ Nach einem Großbrand mehrere Lagerhallen hatte sich Kunstdünger mit Löschwasser vermischt. Das kontaminierte Wasser ist über ein Rückhaltebecken die Jagst gelangt und sorgt seit Sonntag für ein verheerendes Fischsterben.

Noch immer habe man keinerlei Erkenntnisse, warum das Rückhaltebecken an den Lagerhallen dem Löschwasser nicht standhalten konnte, sagt Knaus. Es sei noch nicht klar, ob das Becken undicht war oder ob es übergelaufen ist. „Man kann den Brandort nicht überall ungehindert betreten. Zum Teil hängen dort noch Eisenteile herum. Da geht es auch um Eigenschutz.“

Unklar ist nach wie vor, was sich neben Ammonium und Ammoniumnitrat noch im kontaminierten Wasser befinden könnte. Wasserproben seien bei der Analyse. Davon könnte auch abhängen, wann eine Ansiedlung der Fische wieder möglich ist. Der Betreiber der Mühle erklärte, dass etwa 80 bis 100 Tonnen Stickstoffdünger gelagert gewesen seien. Damit hatte sich das Löschwasser verbunden.

Eine Abdichtung bei Dörzbach um ein Biotop vor den Schadstoffen zu schützen. Foto:  Foto: Thomas Zimmernnn

 

>>>Aktuelles von Donnerstag, 13:00 Uhr

Am Wehr in Mulfingen wird Sauerstoff zugeführt. Gleichzeitig haben Experten von der Fachberatung für das Fischereiwesen des Bezirks Mittelfranken versucht abzufischen. Die Aktion musste aber vor kurzem abgebrochen werden, weil die Fische bereits in schlechtem Zustand waren.

>>>Aktuelles von Donnerstag, 12:00 Uhr

Umweltminister Franz Untersteller und Naturschutzminister Alexander Bonde kommen am Freitag gegen 12.30 Uhr nach Krautheim. „Mit der Jagst ist ein ökologisch höchst wertvolles Gewässer betroffen“, sagt Bonde.

Untersteller ergänzt. „Wir müssen nun alles Machbare versuchen, um diese ökologische Katastrophe in der Jagst so gut es geht zu bewältigen.“

>>>Aktuelles von Donnerstag, 11:15 Uhr

Zum Hintergrund der Schadstofffahne:

In der giftigen Blase sind zwei gefährliche Stoffe bislang nachweisbar: Ammoniumnitrat und Ammonium. Ammoniumnitrat wird vor allem als Dünger oder in Sprengstoff verwendet, sagt Adrian Klug, Mitarbeiter beim Studiengang Verfahrens-und Umwelttechnik der Hochschule Heilbronn. Nitrat werde im Körper in Nitrit umgewandelt. Dies wirke sich negativ auf die Sauerstoffaufnahme im Blut aus. Ammoniumnitrat könne sich zudem im Gewebe der Fische ablagern und über die Nahrung vom Menschen aufgenommen werden.

Ammonium sei nicht direkt giftig. Der Stoff werde im Wasser unter Sauerstoffverbrauch zu Nitrit und dann zu Nitrat umgewandelt. Das ist ein Grund, warum Fische verenden. Durch Beigabe von Natriumbikarbonat könnten Stoffe in der Jagst gebunden und der pH-Wert neutral gehalten werden. Vom auf die Felder ausgebrachten Jagstwasser geht nach Angaben von Rudolf Kohler, Chemiker aus Heilbronn, keine Gefahr aus. Das enthaltene Ammonium werde im Boden gebunden. Das ausgebrachte wirke wie ein Dünger. jükü

>>>Aktuelles von Donnerstag, 11 Uhr

Die Schadstofffahne hat seit Mittwoch auch den Hohenlohekreis erreicht. Das Landratsamt Hohenlohekreis führt an mehreren Stellen Messungen durch und verfolgt den Verlauf der Schadstofffahne durchgängig, so das Amt in einer Mitteillung von Donnerstag.

Messungen am 27.8. gegen 6 Uhr haben folgende Werte ergeben:

  • Mulfingen-Eberbach 36,0 mg/l
  • Unterregenbach (Landkreis Schwäbisch Hall) 13,7 mg/l
  • Mulfingen-Berndshofen 36,6 mg/l
  • Mulfingen-Heimhausen 28,3 mg/l
  • Mulfingen (Wehr) 5,98 mg/l
  • Mulfingen (Kläranlage) 0,922 mg/l

Alle ergriffenen Maßnahmen zum Schadstoffabbau in der Jagst werden weiterhin fortgesetzt, heißt es in der Mitteilung weiter. In Mulfingen-Heimhausen wurde im Laufe der gestrigen Nacht mit einer Zugabe von reinem Sauerstoff durch eine vom Hohenlohekreis beauftragte Fachfirma begonnen.

Am frühen Morgen wurde zusätzlich teilweise Frischwasser aus den Hochwasserhaltebecken der Gemeinde Mulfingen zugeführt, um einen möglichst großen Verdünnungsfaktor zu erzielen. Die Maßnahme wurde gemeinsam mit dem Wasserverband Ette-Kessach und dem Fischereiverein Mulfingen abgestimmt.

Weiter ist geplant, dass im Lauf des Tages die Freiwilligen Feuerwehren und das THW der Welle entlang der Jagst folgen und die Wasserpumpen zur Belüftung umsetzen.

>>>Aktuelles von Donnerstag, 8:30 Uhr

Der Hohenlohekreis hat seit Dienstagabend alles aufgeboten, um zu retten, was zu retten ist. Liefen die Maßnahmen im Kreis Schwäbisch Hall in den ersten Tagen nach dem Fischesterben noch zögerlich an, so haben in Mulfingen-Eberbach, wo das mit Ammonium verseuchte Wasser gestern Nachmittag ankam, Feuerwehr und THW schweres Gerät aufgefahren.

Voller Einsatz

Mit zwölf Pumpen wird Wasser aus der Jagst entnommen, mit Sauerstoff angereichert und wieder zurückgeführt. Rund 40 000 Liter pro Minute – eine unglaubliche Leistung. Damit soll die Ammoniumblase, die sich auf über 17 Kilometer Länge durch die Jagst zieht, aufgelöst werden. Das gelingt aber nur langsam. Um 7.30 werden an der Kreisgrenze 28,7 Milligramm Ammonium je Liter Wasser gemessen. In Eberbach liegt der Messwert am Nachmittag bei 17 Milligramm, zu hoch, um die Fische zu retten.

Am Unglücksort Kirchberg waren es zwar noch mehr als das Zehnfache, aber schon ein Milligramm reicht aus, um die Fische und alle anderen Lebewesen in der Jagst zu töten. „Wir versuchen alles Menschenmögliche, um wenigstens die Biotope zu retten und möglichst viele Tiere abzufischen. Parallel dazu reichern wir das Wasser mit viel Sauerstoff an“, betont Landrat Matthias Neth in der Einsatzleitstelle im Mulfinger Feuerwehrmagazin.

Chemiker und Biologen

Gewässerschutzmaßnahmen an der Jagst
Mitglieder des Fischereivereins Künzelsau bergen Fische aus der Jagst. Foto:  Foto: Wolfram Kastl (dpa)

Dort werden alle Maßnahmen koordiniert. Hier wird auch die Größenordnung des Einsatzes augenfällig: Feuerwehrfahrzeuge aus Künzelsau und allen Mulfinger Teilorten sind zu sehen, ebenso Einsatzfahrzeuge der THW-Ortsgruppen Künzelsau, Igersheim, Pforzheim, Mannheim, Schorndorf und Aalen. Das belegt die überregionale Zusammenarbeit – und den Ernst der Lage. „Wir stehen mit Chemikern und Biologen in Kontakt, aber so einen Fall gab es noch nie und es gibt keine eindeutige Lösung des Problems“, muss Regierungsvizepräsident Christian Schneider feststellen. Selbst ein Schwerlaster des Sauerstoffspezialisten Linde ist angefordert, um einen großen Anteil an Sauerstoff in die Jagst einzubringen.

So versucht man mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen die Auswirkungen des ökologischen Desasters an der Jagst einzudämmen. „Man muss froh sein, dass Ammonium keine Auswirkungen auf den Menschen hat“, sagt Matthias Neth. Am Freitag werden Umweltminister Franz Untersteller und Naturschutzminister Alexander Bonde in den Hohenlohekreis kommen. Ob bis dahin die Ammoniumblase aufgelöst ist?

Kleine Erfolge

Vor Ort setzt man auf kleine Erfolge. Viele Biotope sind bereits mit Sandsäcken gesichert, Lastwagen fahren Frischwasser heran, um die Wasserzufuhr zu gewährleisten. In Mulfingen-Heimhausen holen die Fischereivereine Künzelsau und Öhringen Fische aus der Jagst und bringen die Tiere im Kocher in Sicherheit. „Alle helfen zusammen, wir fischen die Abschnitte ab, so gut es geht“, erklärt Peter Butz, zweiter Vorsitzender des Fischereivereins Künzelsau. „Was hier geleistet wird ist einzigartig“, so Christian Schneider beeindruckt.

In Eberbach bringt Caroline Baumann Kuchen für ihren Mann und seinen Kollegen. Zur Mittagszeit haben Dagmar Prümmer, Saskia Strecker und Marion Metzler leckere Spaghetti Bolognese gekocht und die Männer von THW und Feuerwehr damit versorgt. „Die sind vom Gassenfest noch perfekt organisiert“, scherzt Joachim Baumann. Doch die Szene ist typisch für den ersten Tag der Katastrophenhilfe im Hohenlohekreis. Helfer und Bevölkerung stehen zusammen und tun alles, um ihre lieb gewonnene Heimat zu schützen. Das ist die erfreuliche Erkenntnis an einem ansonsten traurigen Tag.

>>>Aktuelles von Mittwoch, 19:30 Uhr

Behutsam führt Peter Schiele den Elektrokescher durch die Jagst, die in Widdern hüfthoch steht. Die durch den Stromschlag kurzzeitig gelähmten Fische gibt Schiele in einen großen Behälter. Es ist der verzweifelte Versuch des Fischereivereins Widdern, lebende Tiere zu retten, bevor die für Fische giftige Blase der Jagst Widdern erreicht. „Wir wissen selbst: Das hier ist ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Achim Walch, Vorsitzender des Fischereivereins. Natürlich könnte man Fische irgendwo kaufen, nachdem die Giftblase alles Leben in der Jagst zerstört hat. „Aber das wollen wir nicht. Wir möchten, dass die Fische von hier auch hier wieder angesiedelt werden.“

Dazu braucht’s viele Freiwillige. Die haben sich spontan beim Verein gemeldet. Dienstagabend hatten sie bereits begonnen, den Nebenfluss Kessach mit großen Säcken aufzustauen. Dorthin werden einen Tag später auch die Fische eingesetzt. Um die Helfer zu versorgen, bringen Frauen selbst gebackenen Kuchen, ein Bäcker im Ort spendiert Brötchen und der Raiffeisenmarkt stellt Getränke. „Es ist eine große Hilfsbereitschaft im Ort“, sagt Walch.

Dazwischen informiert die Pressestelle des Landkreises Hohenlohe die Medienvertreter immer wieder über den aktuellen Messwert. Rund 100 Einsatzkräfte sind laut Landratsamt Hohenlohe rund um Mulfingen damit beschäftigt, die Jagst mit Sauerstoff zu versorgen. Auch werden Fisch- und Muschelbestände eingesammelt und oberhalb von Kirchberg in die Jagst oder andere Gewässer gesetzt. Dort, wo die Werte unbedenklich sind.

Die Werte sind für die freiwilligen Helfer in Widdern nicht vorrangig. Sie haben sich entschieden, selbst Hand anzulegen. Von den Ämtern hätte man sich mehr Informationen gewünscht. „Es hätte sofort geklärt werden müssen, was im Wasser ist“, sagt Walch. Auch weiß er nicht, ob man ohne Spezialanzug in die Giftblase steigen darf oder nicht. „Wir wissen nicht einmal, wann wir die Fische wieder einsetzen können“, sagt Jugendleiter Dieter Stammer.

Walch rechnet am Wochenende mit der Ankunft des kontaminierten Bereichs. Bis dahin wolle man so viele Fische wie möglich aus der Jagst fischen. Rund sechs Kilometer hegt der Widderner Verein. Mehrere tausend Euro seien es jährlich, die man an Fischbestand einsetze. „Es geht aber doch auch um die Altbestände“, sagt Walch. Die großen Fische gehen dem Elektrokescher gar nicht ins Netz.

 

Schiele, der die Fische einfängt und selbst beim Verband für Fischerei und Gewässerschutz in Stuttgart arbeitet, ist überrascht über die Vielfalt in der Jagst. „Schneider und Bitterlinge sind da drin. Das sind Fische, die unter Artenschutz stehen.“ Das Ausmaß sei verheerend. Für viele Vereine entlang der Jagst sind die Elektrofischer im Moment die letzte Hoffnung. Doch auch Schiele betätigt: „Wenn wir vier oder fünf Prozent der Fische fangen, ist es viel.“

>>>Aktuelles von Mittwoch, 18:30 Uhr

Der Konstanzer Gewässerökologe Dr. Stefan Werner befürchtet im Gespräch mit der Heilbronner Stimme, dass sich die Jagst von der Katastrophe nicht mehr komplett erholen wird. Sofern der Bestand der Tierwelt nicht komplett vernichtet wurde, könne innerhalb eines Jahres zwar viel passieren. "Vor allem die häufigen Arten siedeln sich wieder an", so der Wissenschaftler. Problematischer sei es mit den Arten, die kritische Bestände hätten: "Die Zusammensetzung der Tierwelt im Fluss wird sich durch so einen Vorfall wohl für längere Zeit verändern."

Karpfen, Hecht und Zander - wer lebt in der Jagst?

In der Jagst findet sich vor allem bei den Fischen ein großes Artenspektrum. „Das liegt an der bislang sehr guten Wasserqualität“, sagte der Vorsitzende des Angelsportvereins Jagst Langenburg, Achim Thoma. Neben Karpfen, Zander, Aalen und Bachforellen gebe es beispielsweise Braxen, Döbel, Rotaugen sowie kleinere Fische wie Schmerle, Gründling, Mühlkoppe und Schneider. Gerade Fische wie die letzten beiden seien sehr abhängig von der Wasserqualität.

Ab wann der Fluss nach der Kontamination durch Ammonium wieder zum Angeln genutzt werden könne, lasse sich nur schätzen, sagte Thoma. „Ich denke, frühestens nach fünf Jahren.“ Berufsfischer gebe es an der Jagst nicht, dazu sei der Fluss zu klein. Allerdings gebe es eine sehr große Anzahl von Vereinen mit Hobbyfischern, die den Fluss nutzten. dpa

>>>Aktuelles von Mittwoch, 13 Uhr

Für den Landkreis Heilbronn hat Landrat Detlef Piepenburg die Führung des Krisenstabs übernommen. Am Nachmittag wird er in Jagsthausen gemeinsam mit Bürgermeister Roland Halter und den Einsatzkräften vor Ort die Vorbereitung koordinieren. Derzeit wird erwartet, dass das Fischgift am Samstagvormittag den Landkreis Heilbronn erreicht.

Auch hier soll Sauerstoff ins Wasser gepumpt werden, wie es auch schon in Hohenlohe zuvor geschehen ist. Verschiedene weitere Gegenmaßnahmen würden aber noch geprüft. Geklärt werden muss beispielsweise, ob durch das Ausbringen von Chemikalien wie Natriumbicarbonat das Ammoniumnitrat gebunden beziehungsweise unschädlich gemacht werden könnte. Die Fischereiforschungsstelle in Langenargen am Bodensee überprüfe derzeit diese Möglichkeit.

Leider nicht umzusetzen sei die Idee, Seckach und Kessach aufzustauen, um dann beim Eintreffen des Ammoniums das Jagst-Wasser zu verdünnen. „In diesen Nebenflüssen herrscht leider auch Niedrigwasser und Staumöglichkeiten sind nicht in ausreichender Form vorhanden“, erklärt Piepenburg.

Noch hoffen die Verantwortlichen aber darauf, dass die fortlaufende Verdünnung ausreicht, dass die tödliche Wirkung auf die Fische mit der Zeit nachlässt. Das Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) hält es offenbar für möglich, dass kurzfristige Überschreitungen des Grenzwerts nicht mehr automatisch gravierende Folgen für die Tierwelt haben. Noch liegen die gemessenen Höchstwerte aber wohl in einem Bereich, für den noch keine Entwarnung gegeben werden kann.

In Mulfingen-Eberbach fährt die Feuerwehr und das THW derweil einen Großeinsatz. Hier sind zwölf Pumpen im Einsatz. Tote Fische sind am Mittwochmittag noch keine zu sehen, angeblich wurden welche in Oberregenbach, der Ortschaft vor Eberbach, gesichtet. Die Pumpen reichern 44800 Liter Wasser in der Minute mit Sauerstoff an.

>>>Aktuelles von Mittwochmorgen, 9 Uhr

Die nach dem Großbrand in Kirchberg-Lobenhausen  ausgetretene Schadstoffmenge wird alsbald auch im Hohenlohekreis erwartet. Das Landratsamt Hohenlohekreis führt kontinuierlich an mehreren Stellen Messungen durch. Gemessen wurden in der Schadstofffahne bei Unterregenbach (Landkreis Schwäbisch Hall) am Mittwoch um 5.45 Uhr bis zu 35,1 mg/l. In Mulfingen-Eberbach liegen Messwerte von bis zu 0,054 mg/l vor.

Die Freiwillige Feuerwehren des Kreises und das THW stehen seit Dienstagabend zur Belüftung des Wassers mit Hilfe von Wasserpumpen zur Verfügung. Mit acht Pumpen werden derzeit 400 Liter pro Sekunde umgewälzt. Weiter Standorte für Pumpen entlang der Jagst sind vorbereitet.

Umliegende Fischereivereine sind ebenfalls informiert. Oberste Priorität hat auch der Schutz der Biotope. Diese wurden unter anderem mit Hilfe von Sandsäcken abgedichtet und werden belüftet. An den Wasserkraftwerken wird versucht, die Schadstofffahne an den ökologisch hochwertigen Strecken über die Wasserkraftanlagen und Mühlkanäle vorbeizuleiten.

Am Mittwochmorgen gab das Landratsamt Heilbronn bekannt, dass die Entnahme von Wasser aus der Jagst im Landkreis Heilbronn "zum Baden, Schöpfen mit Handgefäßen, Tränken, Schwemmen sowie in geringen Mengen für die Land- und Forstwirtschaft und den Gartenbau" untersagt wird. Auch solche Verordnung gibt es auch im Hohenlohekreis.

>>>Was passierte am Dienstag?

Die Menschen in Bächlingen sind aufgebracht. „Es ist einfach ein Chaos, hier es gibt keine Entscheidungsträger“, ruft Katharina Ziegler vom Restaurant Mosesmühle direkt am Wehr. „Wir warten darauf, dass wir was tun können und keiner sagt uns irgendwas“, klagt Brigitte Wolf.

Seit neun Uhr spritzt die Feuerwehr Frischwasser in die Jagst, um den Sauerstoffgehalt anzureichern. Damit hoffen die Experten, die ammoniumverseuchte Wasserblase aufzulösen, die seit Samstagnacht in der Jagst treibt und den gesamten Fischbestand tötet. Gleichzeitig wird versucht, über die Kläranlagen so viel Wasser wie möglich aus dem Fluss zu nehmen und durch Frischwasser aus dem Kocher zu ersetzen. Doch auch dabei sind die Kapazitäten begrenzt. Das aktuelle Niedrigwasser erschwert die Situation.

Bereits 0,5 bis ein Milligramm Ammonium sind tödlich für die Fische. Am Dienstag hatte das giftige Nass Bächlingen erreicht. In dem nur zwei Kilometer entfernten Nachbarort Hürden wurden die ersten toten Fische gesichtet.

Nach Auskunft des Landratsamts Schwäbisch Hall habe der Ammonium-Gehalt an der Brandstelle rund 200 Milligramm pro Liter betragen. Verseuchtes Löschwasser war Samstagnacht bei einem Brand in Kirchberg-Lobenhausen in die Jagst gelangt. Dort waren in einer Holzstoffe und Industriedünger gelagert. Der für die Fische hochgefährliche Stoff geriet durch eine undichte Stelle im Auffangbecken ins Wasser.

Das Landratsamt Schwäbisch Hall spricht von einer ökologischen Katastrophe. Die Naturschutzreferentin beim BUND sagte im SWR: „Es ist die größte Flusswasservergiftung in Baden-Württemberg seit Jahrzehnten, wahrscheinlich seit dem Chemieunfall 1986 bei Sandoz bei Basel, als im Rhein auf 400 Kilometern der Aalbestand ausgelöscht wurde.“

In Bächlingen trifft am Dienstag gegen 13 Uhr der Schwäbisch Haller Landrat Gerhard Bauer ein. Die Abgeordneten Christian von Stetten und Arnulf von Eyb sind bereits seit Stunden vor Ort und diskutieren mit den Menschen. Bauer muss sich heftige Vorwürfe gefallen lassen. „Das ist doch kein Krisenmanagement, die Verantwortlichen müssen zur Verantwortung gezogen werden“, schreit Frieder Ziegler aus Bächlingen.

Auch heftige Kritik über die Informationspolitik von Regierungspräsidium und Landratsamt muss sich der Landrat anhören. „Wir haben noch keine Ergebnisse der Wasseruntersuchung, deshalb zögern wir noch, das Wasser auf die Felder auszubringen“, versuchte Bauer die aufgebrachten Menschen zu beruhigen. Rund 20 Kilometer der Jagst waren da bereits kontaminiert.

Nie gesehene Katastrophe

„Die Ammoniumwerte gehen nur sehr langsam nach unten, so eine Katastrophe hat es in Baden-Württemberg noch nicht gegeben“, sagte der erste Schwäbisch Haller Landesbeamte Michael Knaus sorgenvoll. Ein Hoffnungsschimmer liegt darin, dass der Wert am Ausgangspunkt in Kirchberg an der Jagst nur noch bei 1,1 Milligramm liegt. Als wenig später auch in Bächlingen die ersten toten Fische auftauchten, entschied Bauer dann doch, das Wasser auf die Felder auszubringen, um zu retten was zu retten erst.

Inzwischen geht man fest davon aus, dass das verseuchte Wasser spätestens am Mittwochmorgen mit Mulfingen auch den Landkreis Hohenlohe erreicht. Die aktuelle Fließgeschwindigkeit beträgt 400 Meter in der Stunde. Auch im Landkreis Heilbronn werden Vorkehrungen getroffen weil man zusehends skeptischer wird. „Nach der derzeitigen Einschätzung muss man fast damit rechnen, dass das Wasser mit einem erhöhten Wert bei uns ankommt“, sagt Manfred Körner, Pressesprecher beim Landratsamt.

Vor dem Baden in der Jagst wird vorsorglich gewarnt, im Hohenlohekreis ist es untersagt.

Rettungsaktionen laufen

Erste Vorsichtsmaßnahmen seien im Gespräch. So habe man mit den Kraftwerksbetreibern besprochen, das Wasser nicht über die Turbinen zu leiten, sondern über die Wehrkante fließen zu lassen. Damit werde der Jagst Sauerstoff beigefügt, der durch das Ammoniumnitrat entzogen wurde. Außerdem seien Feuerwehren in Bereitschaft, um Fremdwasser beizumischen. Den Fischereivereinen ist das nicht genug. Sie haben angefangen, lebende Fische einzusammeln und in Nebenflüssen auszusetzen. Dort sollen sie so lange bleiben, bis das giftige Jagstwasser vorbeigeflossen ist.

In Mulfingen-Buchenbach stehen am Dienstagnachmittag die Jungfischer im Wasser und breiten ihre Netze aus. „Wir haben gesagt, wir müssen was tun“, betont Peter Ebert. Vom Landratsamt fühlen sich die Mulfinger im Stich gelassen. „Es gibt keine Infos und wenn man anruft heißt es, die sind in einer Besprechung“, klagt Bernd Krusche. Vor Ort herrscht eine gedrückte Stimmung. „Das wird zehn Jahre dauern bis die Fische wieder da sind. Ich werd hier wohl nie mehr fischen können“, sagt Peter Ebert traurig.

Fließgeschwindigkeit

Im Landkreis Schwäbisch Hall fließt die Jagst derzeit mit einer Geschwindigkeit von rund 400 Metern pro Stunde in Richtung Neckar. Laut Pressemitteilung des Landratsamts benötigt der vergiftete Abschnitt demnach rund neun Tage, bis er am Neckar angekommen ist. Das Landratsamt Heilbronn rechnet mit einem Eintritt in die Kreisgrenze zwischen Donnerstag und Samstag. Während die Jagst im Hohenlohekreis rund 1000 Liter pro Sekunde führt, sind es im Landkreis Heilbronn 6000 Liter. Größere Nebenströme speisen dort den Fluss mit Wasser. jükü