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Faszination Berlin
„Es gibt einen Grund, warum man Berlin anderen Städten vorziehen kann: weil es sich ständig verändert“
Dieser Satz von Bertolt Brecht charakterisiert die einstmals geteilte Stadt heute treffender denn je. Berlin, die Stadt der Kontraste, ist auf einem guten Wege, eine Metropole von europäischem Rang zu werden. Dieses neue Hauptstadt-Gesicht, das auf einer Prognose von einmal acht Millionen hier lebender Menschen entsteht, erkundeten für vier Tage Leser unserer Zeitung.
Veränderung An 40 Jahre Teilung erinnern nur noch wenige Mauerstücke. Die kahlen Flächen des Todesstreifens sind verschwunden. Aber noch immer kreisen über Berlin die Baukräne. Die Stadt, so hat man den Eindruck, will vergessen machen, dass sie einmal geteilt war. Ein Stück authentische Geschichte erleben die Berlin-Fahrer aus der Region an der Bernauer Straße, der wichtigsten Mauer-Gedenkstätte. Bedrückt stehen sie wenig später vor dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas, dem Holocaust-Mahnmal.
Mit viel Geld erwächst in den Jahren nach der Wende am Potsdamer Platz ein neues Stück Stadt. 1998 eröffnet hier als erster Komplex die Daimler-Chrysler-City, ein aus 19 Gebäudeblöcken bestehendes Viertel. Neues Leben zieht in der Linnéstraße ein. Dort, wo 45 Jahre lang ein Mauerstreifen stand, dominieren prächtige Neubauten.
Der neue Hauptbahnhof, der Glockenturm des Olympiastadions, das Rote Rathaus, das Brandenburger Tor, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, das Bodemuseum, der Kurfürstendamm, das KaDeWe, der Alexanderplatz – Stationen einer interessanten Stadtrundfahrt, die Kondition erfordert.
Ein Beispiel für tolles Durchhaltevermögen ist Hildegard G. Die 88 Jahre alte rüstige Dame ist mit Aufmerksamkeit dabei. Aber auch sie freut sich wie viele andere auch nach anstrengenden Stunden im Bus oder zu Fuß auf die Annehmlichkeiten des Fünf-Sterne-Hotels Hilton am Gendarmenmarkt. Überhaupt: Die beiden Gruppen machen den beiden Gross-Reiseleitern Stefanie und Dominik Sapara sowie den Busfahrern Rainer Dickemann und Marinko Mijic das Leben einfach: Immer pünktlich, stets freundlich – rundum pflegeleicht.
Regierungsluft Kurzweilig ist die Diskussion mit den vier Bundestagsabgeordneten aus der Region Heilbronn im Reichstag. Im Frak-
tionszimmer der Bundes-CDU stellen sich Thomas Strobl, Christian von Stetten (beide CDU), Josip Juratovic (SPD) und Michael Link (FDP) den Fragen. Richtig zur Sache geht es beim Thema Renten und den jüngsten Äußerungen von Alt-Bundespräsident Roman Herzog. Wolfgang Ullrich (Neckarsulm) stört in diesem Zusammenhang, von Politikern als „Absahner dargestellt zu werden" und Barbara Bürkert (Pfedelbach) missfällt das „Ausspielen von Alt gegen Jung".
Mehr Zurückhaltung in Sachen Finanzleistungen an Drittländer mahnt der Heilbronner Bernd Gottschalk an („…wir sind doch nur deshalb überall gut Freund, weil wir schnell den Geldbeutel aufmachen") und Dietmar Senghas (Untergruppenbach) gibt zu verstehen, dass „Entwicklungshilfegelder nicht immer richtig verteilt werden". Humorvoll zu Ende geht die kleine „Bundestagsdebatte", als Christian von Stetten mit einem Augenzwinkern darauf verweist, dass Josip Juratovic auf dem Stuhl sitzt, von dem aus sonst Bundeskanzlerin Angela Merkel Politik macht.
Zu einem nicht alltäglichen Erlebnis wird eine Schifffahrt durch das nächtliche Berlin. Auf der Spree-Comtess erleben die Leser die Millionenstadt und ihre Sehenswürdigkeiten von einer ganz anderen Seite: Die dreieinhalbstündige Rundfahrt führt sie in einem 23 Kilometer großen Kreis vorbei an historischen und modernen Gebäuden, grünen Uferbereichen, dichten Stadtlandschaften und Industriegebieten. Trotz der kühlen Abendtemperaturen lassen sich die meisten von dieser Komposition auf Deck gefangen nehmen. Eines aber lässt sich auch ablesen: Die Stadt hat es versäumt, ihre Flüsse und Kanäle stärker in das Stadtgeschehen einzubeziehen.
Labsal Zur Wohltat wird nach diesen rastlosen Tagen auf der Heimfahrt ein Abstecher in den schönen Wörlitzer Park. Die Ruhe, die einen in diesem Teil des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs berührt, macht die Hektik der Bundeshauptstadt vergessen. Bei Kaiserwetter lassen sich die Berlin-Fahrer vom Reiz eines der ersten und größten deutschen Landschaftsparks nach englischem Vorbild inspirieren. Die Begeisterung über die Anlage war noch lange Thema in den Bussen.
Vieles in diesem Teil des Landes Sachsen-Anhalt erinnert noch immer an die ehemalige DDR. Die kleinen Häuschen an den schmalen Straßen und Gassen tragen meistens noch ihr tristes Grau. Vielerorts scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Aber man sieht auch das: neues Pflaster, junge Bäume und gestaltete Dorfkerne. Es tut sich was. Langsam eben. Berlin und sein Umland sind eine Reise wert.
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