FOC schadet Heilbronner Einzelhandel nicht

Von Peter Boxheimer

So könnte ein Fabrikverkauf in den Sinsheimer Messehallen von außen aussehen. Angestrebt werden 10.000 QuadratmeterVerkaufsfläche mit dem Schwerpunkt Bekleidung und Sportartikel.


Sinsheim - DIe Phalanx der Gegner reicht von der Metropolregion Rhein-Neckar über Eppingen, Bad Rappenau und Heilbronn bis zu Ministerpräsident Stefan Mappus. Ihnen will die Stadt Sinsheim jetzt mit Argumenten entgegentreten. Ein von ihre in Auftrag gegebenes umfangreiches Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass das geplante Designer Outlet Center auf dem Messegelände den Einzelhandel in den benachbarten Innenstädten nicht maßgeblich beeinträchtigen werde. Laut der Studie des Wiesbadener Forschungsinstituts Ecostra sind die Auswirkungen „als verträglich zu bewerten“.

Details

Auf den Tisch gelegt wurden am Freitag im Sinsheimer Rathaus die Details zum vorgesehenen Fabrikverkauf: Danach wird eine Verkaufsfläche von 10.000 Quadratmetern angestrebt. Davon sollen knapp zwei Drittel auf Bekleidung und Sportartikel entfallen. 1500 Quadratmeter sind für Schuhe und Lederwaren vorgesehen, 2000 für sonstige Sortimente wie Glas, Porzellan, Haushaltsartikel, Schmuck und Uhren. „Wir denken an zirka 50 Markenjobs – nicht mehr und nicht weniger“, erläuterte Lorenz Glück, Syndikus der Familie Layher, der die nicht mehr genutzten Messehallen gehören.


Umsatzverluste

Welche Auswirkungen hätte eine solche Einkaufadresse? Annähernd 5000 Läden im potenziellen Einzugsgebiet haben die Wiesbadener Experten untersucht – von der kleinsten Boutique bis zum städtischen Kaufhaus. Entsprechend detaillierte Zahlen legten sie vor. So hat Heilbronn durch das Outlet Center mit einem jährlichen Umsatzabzug von 5,3 bis 5,4 Millionen Euro zu rechnen, was einer Umverteilungsquote von 1,5 Prozent entspricht.

Aus Bad Rappenau fließen demnach 700.000 bis 800.000 Euro (3,7 Prozent) ab, aus Eppingen 500.000 bis 600.000 Euro (3,9 Prozent). Naturgemäß am stärksten betroffen wäre die Sinsheimer Innenstadt: Hier müssten die Einzelhändler mit Einbußen von 3,7 bis 3,8 Millionen Euro oder 5,6 Prozent rechnen.

Kein Erdbeben Erst bei einem Schwellenwert von zehn Prozent Umsatzminus gehe die Rechtssprechung von Beeinträchtigungen aus, argumentiert Ecostra. „Es wird rundherum kein Erdbeben geben“, folgerte Rechtsanwalt Glück.


FOC Ein Vorteil für den Fabrikverkauf auf dem Messegelände wäre die direkte Anbindung an die Autobahn Mannheim – Heilbronn. Innerhalb von 90 Autominuten rund um den Standort wohnen 9,8 Millionen Menschen.


Sinsheims Oberbürgermeister Rolf Geinert sieht das Projekt sogar als „touristischen Leuchtturm“, von dem die Nachbarschaft profitieren könne. Wenn Menschen durch den Fabrikverkauf Sinsheim ansteuerten, müssten gemeinsam Anstrengungen unternommen werden, diese zum Wiederkommen zu animieren und hier einige Tage zu verbringen. Eppingen als Fachwerk- und Bad Rappenau als Kurstadt könnten da mit Pfunden wuchern, die Sinsheim nicht habe. „Für den Kraichgau begeistern und dadurch Kaufkraft in der Region zu binden“ – das ist für den Rathauschef eine Chance, die ein Outlet Center eröffnet.

Mit dem Gutachten im Rücken will Sinsheim nach der Sommerpause das planungsrechtliche Genehmigungsverfahren einleiten. „Die Zahlen sind sehr eindruckvoll“, findet der OB. Er hofft mit dieser Grundlage auf eine neue Diskussionskultur und wünscht sich, dass „die eine oder andere Barriere aufgebrochen wird“.

Standort-Fragen

„Outlet ist ein Nischenmarkt innerhalb des Einzelhandels“, sagt Ecostra-Chef Joachim Will. Es gehe um eine touristische Attraktion und nicht um eine tägliche Bedarfsdeckung, meint Rechtsanwalt Lorenz Glück. „Hier ist ein Markt, und der wird auch bedient werden“, erwartet Will. Offen sei nur die Frage der Standorte. Von den Niederlanden bis nach Tschechien siedelten sich in den Nachbarstaaten Fabrikverkäufe an der deutschen Grenze an. „Wir verlieren Kaufkraft ins Ausland“, warnt Layher-Syndikus Glück.

Schon allein von seiner Lage her biete sich Sinsheim für einen Fabrikverkauf an, findet Will: eine mittelgroße Stadt, weit genug entfernt von den benachbarten Oberzentren, verkehrsgünstig gelegen an der Ost-West-Achse A 6, mit einem Einzugsgebiet, in dem viele Menschen leben. Dazu kämen bundesweit bekannte Einrichtungen, ergänzt Projektleiter Jan Schwarze: die Auto- und Technik-Museum und die Rhein-Neckar-Arena.

Stichwort: Designer Outlet Center

Sie sind eine Weiterentwicklung der klassischen Fabrikverkaufsflächen.Hersteller oder autorisierte Einzelhändler vertreiben in verschiedenen Ladeneinheiten Auslaufmodelle, Überschussproduktion oder Zweite-Wahl-Produkte direkt an den Endkunden. Die Preise müssen mindestens 25 Prozent unter dem Ladenverkaufspreis liegen. Koordination, Organisation und Marketing übernimmt ein Centermanagement.

Die ursprünglich aus den USA stammenden DOC etablierten sich ab Mitte der 1980-er Jahre in Europa. Die meisten Center gibt es mit 40 Standorten in Großbritannien. Italien hat 25 und steht somit kontinental an zweiter Stelle. Deutschland bildet mit lediglich sechs Standorten in der Relation zu Kaufkraft und Einwohneranzahl bislang das europäische Schlusslicht.

Auffällig ist nach Angaben von Ecostra-Geschäftsführer Joachim Will, dass sich die Hauptzielgruppe geändert hat: weg von Familien, hin zu Touristen. red




 




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