Raußmühle würdigt Kunst der Vagabunden

Vortrag widmet sich dem Maler Hans Tombrock und seinem Kreis − Werke fanden erst spät Anerkennung

Von Nicole Theuer

Raußmühle würdigt Kunst der Vagabunden
Rainer Noltenius ist eifriger Sammler der Werke aus der Vagabunden-Bruderschaft. In der Raußmühle hielt der Fachmann einen Vortrag.Foto: Franz Theuer

Eppingen - Gesellschaftliche Außenseiter aus der Versenkung holen und verkannte Persönlichkeiten würdigen − das will die Eppinger Raußmühle mit ihrer neuen Veranstaltungsreihe. Der vierte Vortrag unter dem Titel "Meine Mutter, die Landstraße − meine Geliebte, die Kunst" stieß am Samstag auf große Resonanz. Rainer Noltenius, der Literatur-, Kunst- und Kulturgeschichte in Freiburg und Dortmund gelehrt hat, gilt als profunder Kenner der Vagabunden-Künstlerszene.

Bewegtes Leben Im Mittelpunkt seines Vortrags stand Hans Tombrock, einer der Könige der Vagabunden. Geboren 1895, lernte Trombock später Berthold Brecht im schwedischen Exil kennen und arbeitete mit ihm unter anderen bei der Illustration des Buches "Das Leben des Galilei" zusammen. Die Auswanderung nach Amerika wurde Tombrock versagt, so dass er nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückkehrte. 1947 gründete er die Hörder Malschule für bildende und angewandte Kunst. Nach einem kurzen Aufenthalt in der DDR kam er nach Stuttgart, wo der 1966 verstarb.

"Die Lebensgeschichte von Hans Tombrock und der Bruderschaft der Vagabunden fand ich sehr interessant. Ich habe irgendwann begonnen, die Werke zu sammeln", erzählte Referent Noltenius. Inzwischen finden sich über 150 Originale in seinem Besitz, die er in mehreren großen Ausstellungen in Berlin und Schweden gezeigt hat. Die Vagabundenkunst wurde im Dritten Reich als entartete Kunst verboten, denn sie ist expressiv. "Die Ausstellungen sehe ich als Wiedergutmachung, denn nur wenige Museen, darunter die Nationalgalerien in Madrid und Oslo zeigen diese Bilder." Etwa 15 Maler umfasste die Künstlergruppe im Bund der Vagabunden, neben Tombrock auch so bekannte Maler wie Hans Bönninghausen, Gerhart Bettermann und Max Ackermann. "Diese Künstler sind heute sehr bekannt, ihr Wert ist um ein Vielfaches gestiegen, während ihre Kunst zu ihrer Zeit als minderwertig galt." Wenig bekannt ist auch, dass Gregor Gog, selbst Vagabund und Gründer der Bruderschaft der Vagabunden, die erste Straßenzeitung der Welt herausgebracht hat. "Der Kunde" hieß sie, später "Der Vagabund".

Stilwandel "Die Bilder waren zunächst beliebig, hübsch und nicht besonders aufregend", so Noltenius über Tombrocks Malerei. "Sie ließen sich gut verkaufen und brachten ein paar Groschen in die Kasse." Nach der Begegnung mit Gog wandelt sich Tombrocks Stil, über eine kurze Phase des Karikierens malte er bis zuletzt expressionistisch und gesellschafskritisch.