Fluchtpläne im Unrechtsstaat

Sinsheim - Christine und Holger Friedrich wurden in der DDR bespitzelt. In ihrem Büro im historischen Sinsheimer Museum blickt das Ehepaar zurück. Der Kraichgau und auch dieses Haus, in dem sie Arbeit und Leben oft nicht strikt trennen können, sind den Friedrichs zur Heimat geworden.

Von Annette Gast-Prior

Museum und Lokalhistorie aus dem Dämmerschlaf geholt

C. Friedrich

Foto: Archiv

Sinsheim - Im Mai 1989 war Holger Frieddrich Assistent an der Pädagogischen Hochschule Köthen, seine Frau Christine arbeitete als Pressereferentin am Anhaltischen Theater in Dessau. „Wir haben damals jederzeit ein Berufsverbot befürchtet, dass man uns einsperrt und die Kinder zur Adoption freigibt“, erinnert sich Christine Friedrich an diese Zeit, in der sich alles zu einer „merkwürdigen Endzeitstimmung“ zu verdichten begann.

Beobachtet

In seinem Büro im historischen Sinsheimer Museum blickt das Ehepaar zurück. Der Kraichgau und auch dieses Haus, in dem sie Arbeit und Leben oft nicht strikt trennen können, sind den Friedrichs zur Heimat geworden, seit sie sich 1990 entschlossen haben, hier neu anzufangen. Reif war die Zeit dafür schon in jenem Frühjahr, in dem ihre Lebens- und Arbeitssituation in der DDR zunehmend unerträglich wurde. Am Theater war Christine Friedrich damals ständig im Visier der Stasi, durfte nichts veröffentlichen, was die Intendanz nicht akribisch geprüft hatte. Und war angesteckt von der Leidenschaft der jungen Regisseure, die Glasnost und Perestroika auf die Bühne bringen wollten - dabei galt schon Romeo und Julia als systemfeindlich.

Fluchtpläne im Unrechtsstaat
Noch zu DDR-Zeiten: 1979 haben sich Holger und Christine Friedrich als Studenten in Meißen kennengelernt.Foto: privat
Holger Friedrich, der als Diplomkulturwissenschaftler promovieren wollte, beobachtete, dass sich die DDR immer deutlicher gegen die neue Offenheit der Sowjetunion abgrenzte: „Egon Krenz hat sogar das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens gutgeheißen“, erinnert er sich an die Eskalation der Studentenbewegung Anfang Juni in Peking. „Wir hatten Angst, dass die die DDR weiter zumauern“, begründet seine Frau den immer klareren Wunsch, das Land zu verlassen. Die alten Glaubenssätze zerbrachen: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen, das galt nicht mehr“, beschreibt Holger Friedrich, wie sich sein Bild von der DDR als „Friedens- und Gerechtigkeitsstaat“ veränderte. „Man wird ja nicht als Feind des Systems geboren“, erklärt er eine lange Entwicklung, die er seit der Ausweisung des Schriftstellers Wolf Biermann 1977 als „gefährlich“ einstufte.

Vorbereitet

Dass sie die Flucht herbeisehnten und doch bis zum Herbst 1989 hinauszögerten versteht sich: Schließlich waren die Kinder Eric und Franziska erst sieben und vier Jahre alt, die Gefahren einer Flucht nicht abschätzbar, das Ziel völlig ungewiss. Aber die Familie lebte in einer verwanzten Wohnung, sah sich von Spitzeln umgeben, wurde in sogenannten Kadergesprächen ständig verhört, hatte Freunde, die in Haft saßen. Nur auf Spaziergängen konnte das Paar die Flucht vorbereiten. Eine Hochzeitseinladung in Ungarn war bei Antragstellung im September der offizielle Reisegrund. Am 7. Oktober endete der angebliche Ausflug im Trabi via Österreich im bayerischen Auffanglager Grafenau. „Es ist nicht einfach, zu gehen, das passiert unter Schmerzen. Du verlässt deine Heimat, an der du hängst“, fasst Holger Friedrich zusammen, was dem Neuanfang im Westen vorausging.