Eine Geschichte über Außenseiter

Bad Rappenau - Von Geburt an leidet Irina Knyschow an spinaler Muskelatrophie mit fortschreitendem Muskelschwund. Im Februar hat die 23-Jährige ihren ersten Roman veröffentlicht.

Von Ulrike Plapp-Schirmer

Bad Rappenau - Irina Knyschow steckt voller Überraschungen. Von Geburt an leidet sie an spinaler Muskelatrophie mit fortschreitendem Muskelschwund. Seit acht Jahren kann sie nur noch liegen. Trotzdem liebt sie es, Stöckelschuhe zu tragen und mit ihren Freunden nach Heilbronn ins Kino zu gehen. Im September schließt die 23-Jährige am Berufsbildungswerk Neckargmünd ihre Ausbildung zur Bürokauffrau ab. Im Februar hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht.

Erotik

"ToyBoy" ist ein Liebesroman für junge Leute. Doch gegen jede Erwartung handelt er nicht von romantischer Liebe, sondern von zwei Jungen, die sich auf einem Internat kennenlernen, dort homosexuelle Erfahrungen sammeln und am Ende von der Schule fliegen. "ToyBoy ist in erster Linie ein erotischer Roman", erklärt Knyschow. Veröffentlicht hat sie ihn unter ihrem Pseudonym Irina Meerling.

Irina Knyschow beschreibt die körperliche Liebe zwischen den Protagonisten Alex und Kayen mit klaren Worten. Ihre Eltern hätten ihr daher versprechen müssen, dass sie ihr Buch ungelesen ins Regal stellen. "Die sind stolz auf mich", erzählt die Rappenauerin. Aber es seien eben ihre Eltern. Und viele Stellen in "ToyBoy" seien "wirklich explizit".

Auf ihrer Homepage (www.irina-meerling.de) bewertet ein Rezensent "ToyBoy" als "erotische Gay-Romance mit etwas Magie geschmückt. Herrlich, wer dieses Genre gerne liest. Ich kann es nur empfehlen. Spannend, witzig und an einigen Stellen sehr heiß. Ich freu mich auf die nächsten." Bei Amazon stand Irina Knyschows Erstlingswerk in der Kategorie Homoerotische Literatur wochenlang auf Platz eins. Die Zusage, dass es im Dead-Soft-Verlag verlegt werde, sei an ihrem 22. Geburtstag gekommen: "Das war mit das schönste Geschenk", schwärmt sie noch heute. Dass sie behindert ist, sei kein Geheimnis gewesen, aber auch nicht der Grund, warum das Buch gedruckt worden sei.

Darauf ist sie stolz. Geschrieben wurde "ToyBoy" auf dem Laptop und auf einem Handy, das über eine spezielle Schreibsoftware verfügt, "das geht leichter".

Ein- bis eineinhalb Jahre hat Irina Meerling alias Knyschow an der Rohfassung gearbeitet. Sie schreibe immer parallel an mehreren Büchern und Kurzgeschichten. Warum sich dann eine Geschichte gegen die anderen durchsetzt, wisse sie nicht. Auf die Frage: "Warum gerade Homoerotik?" antwortet sie keck: "Warum nicht?".

Toleranz

Tatsächlich hat es die junge Frau gereizt, eine Geschichte über Außenseiter zu schreiben. Denn, was es heißt, anders zu sein, wisse sie. "Lasst die Leute wie sie sind", fordert sie für sich und andere ein. "Aussehen und sexuelle Orientierung sind doch nur ein kleiner Teil einer Persönlichkeit."

Ihre Geschichten sind reine Fiktion. Und sie sind ein Rückzugsraum, der nur ihr allein gehört. Das Schreiben nennt Irina Knyschow "meine große Leidenschaft". Online-Redakteurin ist ihr Berufsziel. Im Internet bewegt sie sich frei. Die Technik habe sie vorangebracht, schreibt sie auf ihrer Homepage. 100 Seiten eines weiteren Buches sind fertig. Wovon das handeln wird, verrät Knyschow nicht. Nur so viel: Es ist keine Fortsetzung ihres Debüts. Künstlich in die Länge gezogene Mehrteiler mag sie nämlich nicht.

Zur Person: Irina Knyschow

Auf dem Jugendportal der Heilbronner Stimme im Internet, www.stimmt.de, beschreibt Irina Knyschow sich selbst als „albern, verträumt und anders“. Auf die Frage nach Stadtbahn oder Fahrrad schreibt sie: „Rollstuhl“. Die 23-Jährige lebt seit elf Jahren mit ihrer Familie in Bad Rappenau. Aufs Hohenstaufengymnasium wäre sie gern gegangen, doch das scheiterte am Weg. Deshalb hat sie die Wilhelm-Hauff-Realschule besucht und erfolgreich abgeschlossen. Seit September 2008 nimmt sie am virtuellen Unterricht des Berufsbildungswerks Neckargmünd teil und absolviert dort eine Ausbildung zur Bürokauffrau. „Toy Boy – Gefährlich heißes Spiel“ ist ihr erstes verlegtes Buch. Es kostet broschiert 13,95 Euro. rik