Echte Gefühle statt Gangster-Rap

Von unserer Redakteurin Vanessa Müller

 

Eppingen - Den schwarzen Pullover an den Ärmeln hochgekrempelt steht Viktor Reisenhauer in der Boof-Box im Eppinger Jugendzentrum. In der engen, schallisolierten Kabine mit dem Mikrofon ist es dunkel, nur durch eine schmale Scheibe hält der 17-Jährige Blickkontakt zu Shahir Bashir und Tarik Salkim, die vor der Kammer am Computer sitzen. "Ich brauch das, verdammt. In der Zeit, in der mich keiner versteht, greif ich zum Stift und werd’ zum Poet", rappt Reisenhauer. Die Jungs nicken im Takt. "Wenn ich neue Texte schreibe, sitze ich meistens in meinem dunklen Zimmer, höre mir die Beats an, die Viktor im Internet rausgesucht hat. Dann kommen die Gedanken ganz von alleine", sagt Salkim. Er und seine beiden Kollegen bilden zusammen die Rap-Gruppe Sincera. "Echt" bedeute der Name, erklärt der 16-jährige Gymnasiast.

Dönerladen

Seit über zwei Jahren machen die Eppinger zusammen Musik. Geboren wurde die Idee − wie man es von echten Rappern erwarten kann − nicht in irgendeiner Musikschule. "Wir haben uns in einem Dönerladen getroffen und darüber geredet, wie wir was zusammen aufziehen können", erinnert sich Salkim und grinst. Ansonsten wollen sich die Jungs aber eher abgrenzen von den typischen Rap-Attitüden.

Echte Gefühle statt Gangster-Rap
Gangster-Getue oder Songs ohne realen Hintergrund sind nichts für die Eppinger Rapper Sincera. Viktor Reisenhauer, Shahir Bashir und Tarik Salkim (von links) stehen auf ehrliche Texte. Foto: Vanessa Müller 
Der Gangster-Style, das scheinbar coole Leben in Vorstadt-Gangs oder pseudo-traurige Lieder à la Bushido, das alles finden sie ziemlich verlogen. "Wir wollen auf Dinge hinweisen, die uns in der Gesellschaft stören", sagt Bashir. "Zum Beispiel, dass junge Leute keine Werte mehr vermittelt bekommen und in Depressionen verfallen." Außerdem sei die Musik auch ein guter Kanal, wenn es einem von ihnen schlecht gehe.

Das bei Sincera-Auftritten jeder Zuhörer so einiges aus ihrem Seelenleben mitbekommt, stört sie nicht. "Die Probleme, die wir haben, kennt doch jeder Jugendliche", sagt Salkim. "Und Musik kann schließlich auch trösten."

CD und Video

Rund zwei Mal im Monat stehen die Jungs mittlerweile auf kleinen Bühnen. Hauptsächlich in Eppingen, aber auch mal in Kirchardt oder andernorts. Der nächste Auftritt soll die Release-Party zu ihrem ersten Album werden. Acht Stücke sind darauf zu hören, alle selbst am Computer produziert. "Alle, die unsere Musik mögen, können sie kostenlos im Internet downloaden. Wer möchte, kann auch bei uns die CD kaufen", erklärt Salkim. Irgendwann mal wollen sie die Scheibe vielleicht an eine der großen Plattenfirmen schicken. "Wenn das klappen würde, das wäre schon megageil", überlegen die Jungs. "Aber wir wissen, dass wir uns noch verbessern müssen und die Chance relativ gering ist." Immerhin besuchen sie noch die Schule, beziehungsweise sind auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

Bis es soweit ist, arbeiten sie kräftig an ihrem Bekanntheitsgrad. Shirts und Pullis mit dem Sincera-Logo kann man bei ihnen kaufen. Und seit Anfang des Monats gibt es sogar ein Musikvideo zum Song "Holt mich hier raus", den sie zusammen mit Kumpel und Sänger Jetmir Hajolli aufgenommen haben. Rund fünf Tage haben sie gedreht, alles mithilfe von Freunden. 18 000 Klicks hat das Video bei Youtube, in dem man die Jungs bei strömendem Regen durch Eppingen und Heilbronn laufen sieht, mittlerweile erzielt. "Eine tolle Bestätigung" , freut sich Reisenhauer.




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