Beim Lesen gilt das Prinzip der Freiwilligkeit

Gemmingen - Barbara Knieling hat in der Gemminger Bücherei für das Vorlesen plädiert. Wie ein gutes Kinderbuch den Nachwuchs zum Genussleser machen kann, erklärt die Referentin im Gespräch mit Tanja Ochs.

Beim Lesen gilt das Prinzip der Freiwilligkeit
Schmökerstunde mit Papa: Studien haben gezeigt, dass Jungen männliche Lesevorbilder brauchen, um sich später für Bücher zu begeistern.Foto: dpa

Gemmingen - Die Liebe zum Buch entsteht früh, Eltern können sich deshalb gar nicht genug Zeit fürs Vorlesen nehmen. Das hat Barbara Knieling bei einem Vortrag in der Gemminger Bücherei deutlich gemacht. Wie ein gutes Kinderbuch den Nachwuchs zum Genussleser machen kann, erklärt die Referentin im Gespräch mit Tanja Ochs.

Lassen sich die Karrierechancen unserer Kinder anhand der Anzahl der Bücher im Elternhaus vorhersagen?

Barbara Knieling: Die Rechnung "viele Bücher − gute Bildung − steile Karriere" wäre zu einfach, aber ein bisschen stimmt es natürlich schon. Trotzdem gibt es immer wieder arbeitslose Akademiker.

Warum sollen Eltern dann überhaupt vorlesen und ab wann?

Knieling: So früh wie möglich. Schon mit einem Jahr kann man Kinder an Bücher heranführen. In einem Bilderbuch können sie Gegenstände aus ihrem Alltag, zum Beispiel einen Apfel, wiedererkennen und ihn benennen. Dadurch wird ihr Wortschatz gestärkt, sie haben Spaß. Hinzu kommt der Zeitaspekt, wenn Mama nichts anderes gleichzeitig macht. Kinder lieben das.

Woran erkenne ich eigentlich ein gutes Buch?

Knieling: Ein gutes Kinderbuch spricht auch Erwachsene an und gibt Kindern über eine lange Zeit Impulse. Darin kann man auch nach einem Jahr noch Neues entdecken.

Kann man Kindern auch zu viel vorlesen und sie überfordern?

Knieling: Das passiert selten. Zum Beispiel, wenn die Bücher zu anspruchsvoll sind und zu wenig Bilder haben. Aber das signalisieren die Kinder durch Desinteresse.

Apropos Überfordern: Sind Märchen zu brutal für Kinder?

Knieling: Kinder freuen sich über Märchen, weil sie ein klares Wertegerüst haben, zeitlos und lebensbejahend sind und immer ein gutes Ende haben. Außerdem wird nie beschrieben, wie jemand leidet. Kinder orientieren sich an dem, was sie kennen, womit sie keine Erfahrung haben, wird ausgeblendet. Ungerechtigkeit empfinden Kinder stärker als Gewalt. Haben Eltern Probleme mit Märchen, sollten sie es lassen. Wer Märchen als Kulturgut betrachtet, kann sie ruhig vorlesen.

Wie gelingt der Sprung vom Vorlesen zum Selberlesen?

Knieling: Da gibt es leider kein Patentrezept. Mit fünf oder sechs Jahren haben Kinder ein starkes Interesse an Buchstaben, sie wollen selbstständiges Lesen lernen. Trotzdem passiert das nicht automatisch, es ist individuell verschieden. Manche Kinder, denen viel vorgelesen wurde, reagieren manchmal frustriert, weil sie zuerst nur einfache Texte selbst lesen können. Vor allem, wenn sie es nicht so schnell lernen, wie sie es sich wünschen. Auf jeden Fall sollte man weiter vorlesen, bis die Kinder neun oder zehn Jahre alt sind. Das hilft über die Hürde des Lesenlernens hinweg.

Aber am Ende lesen trotzdem oft nur die Mädchen. Warum?

Knieling: Das hängt mit der hirnorganischen Struktur zusammen. Lesenlernen fällt Mädchen leichter. Man weiß nicht, warum das so ist. Das Genusslesen kommt erst, wenn der Prozess automatisiert ist, deswegen darf man − nicht nur bei Jungen − nicht zu früh die Flinte ins Korn werfen. Eine Studie hat gezeigt, dass Jungen männliche Lesevorbilder brauchen. Nur wenn Opa oder Papa lesen, bleibt der Sohn dabei. Wichtig ist, Grundlagen zu legen. Spätestens in der Pupertät gilt, je weniger Druck, umso entspannter ist das Verhältnis zum Lesen. Es gilt das Prinzip der Freiwilligkeit.

Könnte man nicht einfach das Buch durch eine Hörspiel-CD ersetzen?

Knieling: Nein. Bei der CD kann man nebenbei spielen oder Hausaufgaben machen. Aber auf das Lesen muss ich mich ausschließlich konzentrieren. Außerdem kann ich bei einem Buch nachfragen oder einen Absatz zurückgehen. Der Hörspielerzähler spricht immer weiter, auch wenn man den Anschluss verpasst.

Gibt es weniger Leser wegen der Konkurrenz von Fernsehen und CD?

Knieling: Die Zahlen sind seit Jahren gleich. Aber es wird bei Kleinkindern beobachtet, dass viele zu früh ans Fernsehen und zu wenig ans Buch herangeführt werden. Bei beidem ist die Sichtweise völlig gegensätzlich, beim Lesen bewegen sich die Augen, beim Fernsehen nicht. Bei moderatem Fernsehkonsum ist es aber keine Konkurrenz

Haben Sie ein Lieblingskinderbuch?

Knieling: "Der überaus starke Willibald" ist eine wunderschöne Geschichte über den Wert des Lebens. Im Kleinkindbereich gefällt mir besonders "Meine große kleine Welt".

Beim Lesen gilt das Prinzip der Freiwilligkeit
"So früh wie möglich vorlesen": Barbara Knieling in Gemmingen.Foto: Tanja Ochs