Was sonst noch beim Nachtumzug schief lief

Eppingen  Die schwere Verletzung einer jungen Frau, die im Hexenkessel verbrüht wurde, hat Eppingen sogar international unrühmliche Schlagzeilen eingebracht. Auch sonst lief beim Nachtumzug vieles daneben.

Von Alexander Hettich

Nachtumzug: Was sonst noch Sorgen macht

Viele Besucher, überwiegend gute Stimmung − am Ende ein Scherbenhaufen für die Veranstalter. Der Eppinger Nachtumzug hat ein Nachspiel.

Foto: Seidel

 

Augenzeugen berichten von minderjährigen Betrunkenen, Müll, Prügeleien und Diebstählen. Kommunalpolitiker sprechen sich für eine unaufgeregte Bestandsaufnahme aus - und wenn nötig für einschneidende Konsequenzen.

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Dass das nächtliche Faschingstreiben unappetitliche Begleiterscheinungen hat, ist nicht neu. Möglicherweise wäre es ohne den Hexenkessel-Fall auch nicht in den Fokus gerückt. Aber die Debatte ist eröffnet. "Unabhängig von dem Vorfall muss man überlegen, wie es mit dem Umzug weitergeht", sagt der Eppinger Stadtrat Georg Heitlinger. "Das kann man eigentlich nicht mehr verantworten."

Räte wollen unaufgeregte Bestandsaufnahme

Auch sein Ratskollege Hartmut Kächele, der wie Heitlinger nicht selbst vor Ort war, stimmt nachdenkliche Töne an. "Man muss sich zusammensetzen und darüber reden." Nach der Gemeinderatssitzung am Dienstagabend, die auf ungewohnt großes Medieninteresse stieß, war Kächele auf Bernd Henke zugegangen, um ihm seine Unterstützung zu signalisieren. Der Vorsitzende der Eppinger Hexenzunft und seine Mitstreiter sind seit dem Wochenende das Ziel übler Hetze im Internet.

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Vereinzelte Handgreiflichkeiten hatte es am Rand der Großveranstaltung mit rund 2000 Teilnehmern und mehr als 10 000 Zuschauern immer wieder gegeben. Laut Polizei fiel der diesjährige Aufmarsch der Maskierten hier nicht aus dem Rahmen. Zwei Brüder, beide Mitglieder derselben Faschingsgruppe, bekamen sich in die Haare und prügelten aufeinander ein. Zwei Unbekannte haben an der Stadtbahnhaltestelle einen 17-Jährigen mit der Faust geschlagen. Er erlitt eine Platzwunde am Hinterkopf. Die Polizei sucht die Täter. Das sind die aktenkundigen der Schläger-Vorfälle.

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"Was aber extrem war", berichtet Revierleiter Jens Brockstedt, "war der Alkoholismus am Rande." Schwer angetrunkene Personen seien schon am frühen Abend in der Stadt unterwegs gewesen. Brockstedt sieht darin eher "ein gesamtgesellschaftliches Problem".

DRK behandelt betrunkene Zwölfjährige

Das örtliche DRK bestätigte auf Nachfrage, was mehrere Beobachter erzählten: Die ehrenamtlichen Sanitäter waren häufiger als sonst im Einsatz, um Betrunkenen zu helfen - darunter auch auffallend viele Minderjährige, wie es hieß. In einem Fall brauchte eine alkoholisierte Zwölfjährige Beistand. Wie in den anderen Fällen mit Heranwachsenden wurden die Eltern verständigt, um ihre Sprösslinge abzuholen. Bei der in zwei Hallen gefeierten Party gebe es zwar eine Altersgrenze. Sich am Rande des Zuges mit Alkohol zu versorgen, sei aber kein Problem, hieß es aus Helferkreisen.

Besucher berichten von Diebstählen in der Stadthalle, wo der Narrentross im Anschluss feierte. Hier seien Jacken von der Garderobe gestohlen worden. Besucher, die auf der Suche nach ihren Klamotten die Halle verlassen hätten, seien nicht mehr eingelassen worden und hätten in der Kälte warten müssen. Revierleiter Brockstedt liegt eine Anzeige wegen Diebstahls vor. Seiner Ansicht nach haben die privaten Sicherheitsleute in den Hallen einen guten Job gemacht.

Der Bahnhof völlig vermüllt

Voller Einsatz wurde auch dem Bauhof abverlangt. Die Mitarbeiter hatten einzusammeln, was vom Gelage übrig blieb. "Am Bahnhof stapelte sich am Montagmorgen noch der Müll", berichtet ein Augenzeuge, "die Bahnsteige waren übersät von kleinen Likörflaschen."

Viele Eppinger erzählen, dass immer mehr Einheimische den Nachtumzug in ihrer Stadt meiden und das Feld den Auswärtigen überlassen. Möglicherweise war der 16. der letzte Eppinger Nachtumzug.

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