Hexen aus Kraichtal hatten Wurstkessel beim Nachtumzug dabei

Eppingen  Nachdem eine 18 Jahre alte Frau beim Eppinger Umzug verletzt wurde, ergibt sich nach und nach ein Bild vom Geschehen, auch wenn sich Zeugenaussagen weiterhin widersprechen. Ein Sprecher der Kraichtaler Narren äußert großes Bedauern und Betroffenheit.

Von Heike Kinkopf und Alexander Hettich

In diesem Hexenkessel verbrühte sich die Zuschauerin. Foto: dpa

„Wir alle sind von dem, was passiert ist, sehr, sehr betroffen. Das Thema ist bei uns zu jeder Tageszeit in jeder Minute präsent bis hin zum ins Bettgehen und am Morgen bei Aufwachen“, schreibt der Sprecher der Bohbrigga Hexebroda aus Kraichtal-Banhnbrücken in einer E-Mail an Stimme.de. Er ist Organisator und Ansprechpartner der Narren, die das Wägelchen mit dem Wurstkessel hinter sich herzogen.

Der psychische Druck, der durch die Medien auf die Narren ausgeübt werde, sei enorm, so der Sprecher. „Doch all dies ist alles zweitrangig. Viel schlimmer ist, dass eine junge Frau mit schweren Verletzungen zu Schaden gekommen ist, was wir sehr, sehr bedauern. Wir hoffen und wünschen, dass die junge Frau bald wieder genesen ist und keine bleibenden körperlichen und psychischen Schäden davonträgt.“

Ermittlungen der Polizei

Auch weil die Polizei noch mit der Klärung des Vorfalls beschäftigt ist, äußert sich der Sprecher nur schriftlich. Die Ermittlungen der Polizei laufen weiter. „Es gibt unterschiedliche Zeugenaussagen“, sagt Achim Küller am Dienstagvormittag auf Anfrage von Stimme.de.

Mehr zum ThemaPolizei sucht weitere Zeugen des Kessel-Unglücks

Geriet die 18-Jährige aus Rheinstetten bei Karlsruhe bis zu den Kniekehlen ins heiße Wasser oder verbrühte sie sich am Wasserdampf? Hielten eine oder zwei Hexen die Frau über den Wurstkessel? Küller kündigt an, dass die Polizei am Nachmittag mit der Frau spricht, die sich in einer Hautklinik befindet. Nach derzeitigem Kenntnisstand geht die Polizei davon aus, dass die Frau vermutlich bis zu den Knien in den Wasserkessel eintauchte. 

Die Polizei ermittelt wegen fahrlässiger Körperverletzung. Im Raum steht zudem der Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung. Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen schrie die 18-Jährige. Daraufhin sei sie am Straßenrand abgesetzt worden, teilt Achim Küller mit. Vermutlich haben sich die Freunde und Bekannten um die verletzte Frau gekümmert.

Die Personalien der am Umzug beteiligten Personen liegen der Polizei laut Küller vor, die Vernehmungen dauern an. Zudem werden Bilder und Videoaufnahmen vom Umzug ausgewertet.

Oberbürgermeister: Fortführung des Nachtumzugs nicht ausgeschlossen

Die Vorkommnisse beim Nachtumzug waren am Dienstagabend auch Thema im Eppinger Gemeinderat. „Wir unterstellen niemandem, dass die junge Dame absichtlich in den Bottich gestellt worden ist“, sagte  der Leiter des Eppinger Polizeireviers Jens Brockstedt, der die Ermittlungsergebnisse zusammenfasste. Man gehe „von einer Verkettung unglücklicher Umstände“ aus.

Eppingens Oberbürgermeister Klaus Holaschke ließ die Zukunft des Nachtumzugs offen, schloss eine Fortführung aber zumindest nicht aus.  „Wir hatten zuvor 15 Umzuge, bei denen die Veranstalter stets auf verschiedene Situationen reagiert haben.“  Jetzt müsse man die Ermittlungen abwarten. Bengalos, Fackeln oder heißes Wasser seien „ein Gefahrenpotenzial“, das man in jedem Fall ausschließen müsse.  „Da muss Vorsorge getroffen werden, dass so etwas nicht mehr vorkommt.“ 

Artikel zum ThemaEppingen lässt Zukunft des Faschingsumzugs offen

Narren aus Kraichtal

Den Kessel mit integriertem Holzfeuer und heißem Wasser führte die Narrengruppe Bohbrigga Hexebroda mit sich. Die Teilnehmer gehörten zu den Schlusslichtern des Umzugs und zogen den Kessel auf einem Wägelchen mit Rädern hinter sich her. Nach wie vor ist aber unklar, ob die Hexen, die die 18-jährige Frau schnappten und über den Kessel hielten, überhaupt zur etwa 20-köpfigen Gruppe der Kraichtaler Narren gehörten. Im Laufe des Umzugs vermischen sich die einzelnen Gruppen, so Polizeisprecher Küller.

Wurstkessel ist erlaubt

Die Kraichtaler Narrengruppe gehört nicht dem Landesverband Württembergischer Karnevalsvereine an. Dies bestätigt dessen Präsident Bernd Lipa. „Ich kenne die Gruppe vom Hörensagen.“ Lipa zufolge handelt es sich bei den Narren um eine Freigruppe,  auch wilde Gruppe genannt. „Diese Gruppen wollen nicht in einen Landesverband eintreten. Sie wollen nicht gegängelt werden. In einem Verband gibt es natürlich bestimmte Regeln“, sagt Lipa.

Bei einem Umzug des Württembergischen Landesverbands sei es zwar erlaubt, einen Wurstkessel mit sich zu führen. Aber: „Der darf kein heißes Wasser enthalten und er muss oben mit einem Gitter verschlossen sein.“ So sollen Unfallgefahren ausgeschlossen werden. Der Wurstkessel gehöre zum Brauchtum.

Wer verantwortlich ist

Bei Umzügen und anderen Karnevalsveranstaltungen tragen die jeweiligen Vereine und Zünfte die Verantwortung. „Jeder Verein ist autonom“, sagt Lipa. Dessen Masken- oder Zunftmeister sollen auf die Einhaltung von Bestimmungen achten.  Sie seien zusammen mit der Polizei oder dem Ordnungsamt für die Kontrolle von Umzugswagen mit verantwortlich, sagt Lipa. Zu den Aufgabe der Zunft- und Maskenmeister gehört es weiter, angetrunkene Teilnehmer von der Veranstaltung auszuschließen.

Die wilden Gruppen sieht Lipa „mit einem weinenden Auge“. „Die meisten freien Gruppen wollen nur Party machen.“ Sie hätten häufig nichts mit dem althergebrachten Brauchtum, das es seit dem Mittelalter gibt, zu tun.

Hetze im Netz

In den sozialen Netzwerken lösen die Medienberichte über den Vorfall beim Eppinger Nachtumzug zum Teil heftige Reaktionen aus. Auch der Sprecher der Kraichtaler Narrengruppe erhält nach eigenen Angaben „Hass-Anrufe und Hass-Mails“, die sich gezielt gegen ihn als Ansprechpartner der Gruppe richten. 

Wer zu Straftaten oder gar einem Mord aufruft, macht sich strafbar. Die Polizei reagiert, wenn Anzeige erstattet wird oder wenn die Polizei den Hinweis auf strafrechtlich relevante Inhalte erhält, teilt Sprecher Frank Belz mit.  

Kommentar zum Thema: Fünfte Jahreszeit außer Kontrolle