Kurzfilmprojekt: 15 Minuten gegen den Hass

Interview  Die Eppinger Raußmühle wird zur Kulisse: Der Mannheimer Florian Erker dreht dort noch vor Weihnachten einige Szenen seines Kurzfilms gegen Fremdenfeindlichkeit. Stimme.de hat sich mit dem 30-jährigen Filmemacher unterhalten.

Kurzfilmprojekt: 15 Minuten gegen den Hass
In der wildromantischen Eppinger Raußmühle spielen die Anfangsszenen des Films, den der Mannheimer Florian Erker dreht. Fotos: Archiv/privat

Mit unserem Redakteur Alexander Hettich sprach Erker über den 15-minütigen Film mit dem Titel "Keine Kanaken an Bord", über täglichen Wahnsinn und ein prägendes Ereignis an der Supermarktkasse.

 

Der Film soll, wie Sie sagen, ein Zeichen sein gegen den "aktuellen Wahnsinn". Wie nehmen Sie die Stimmung gegenüber Flüchtlingen derzeit wahr?

Florian Erker: Das Wort Wahnsinn trifft es gut. Ich empfinde vieles von dem, was man hört, als recht unreflektiert. Von rechts kommt der Aufschrei gegen Flüchtlinge. Es verwundert doch, wenn etwas in Dresden Leute gegen Ausländer brüllen, wo es kaum Ausländer gibt. Da sehe ich eine große Gefahr von Mitläufertum. Dann gibt es den Gutmenschen, der von der anderen Seite vom Pferd fällt - etwa mit Sprüchen, dass wir alle 60 Millionen Uno-Flüchtlinge aufnehmen könnten und immer noch eine Bevölkerungsdichte hätten wie die Niederlande.

Die Extreme dominieren?

Kurzfilmprojekt: 15 Minuten gegen den Hass

Erker: Genau, es gibt einen Drift nach rechts und links. Es fehlt die Mitte, der gesunde Menschenverstand. Vieles hat auch mit der Angst vor dem Unbekannten zu tun.

Sie haben sich als Drehort die Raußmühle in Eppingen ausgesucht, eher ein wildromantischer Ort. Warum?

Erker: In der Raußmühle spielt die Ouvertüre. Das Rohe, Ursprüngliche der mittelalterlichen Anlage ist als Kulisse perfekt. Der Film befasst sich mit der Frage: Wo begegnet uns Fremdenfeindlichkeit im ursprünglichsten Zustand, schon bei Kindern. Es geht um einen Jungen, der mit seinem Vater auf dem Hof lebt. Dann kommt ein anderes Kind als Nachbar dazu, und der "Erstling" ist nicht mehr der einzige, er fühlt sich vom "Neuling" bedroht. Sie teilen sich den Hof, was für mich Sinnbild für eine Kommune ist.

Sagen Sie ein paar Worte, wie die Handlung weitergeht.

Erker: Der Junge, der "Erstling", erwacht als Erwachsener in einem Reisebus. Von da wird es sehr kafkaesk. Er weiß nicht, wie er in den Bus kam und wohin er fährt. Dann arbeiten wir viel mit Symbolik, der Bus steht für unser Land. Es begegnen ihm die skurrilsten Gestalten, die für Typen stehen - aus dem linken oder rechten Spektrum. Und der Mann möchte nur wissen: Wohin fährt der Bus, in dem er gefangen ist? Die Botschaft ist: Erinnere dich an die Wurzeln, den Konflikt hast du als Kind schon mal ausgestanden.

Sie machen den Film ja nicht für sich, sondern als Debattenbeitrag. Wie wollen Sie Publikum erreichen?

Erker: Wir sind an zwei Sendern dran, die das Projekt sehr interessant finden. Eine Zusage gibt es noch nicht, deshalb will ich mich nicht aus dem Fenster lehnen. Es sieht aber gut aus. Der Film wird wohl 2016 ausgestrahlt. Ich möchte ihn aber auch kostenlos im Internet zeigen. Weil es am Schluss etwas brutaler wird, gibt es auch eine "Lightversion" für Youtube.

Christian Birko-Fleming und Massoud Baygan, die Hauptdarsteller, sind Profis, die Produktion ist aufwendig. Wie finanzieren Sie den Film?

Erker: Zum Teil über Crowdfunding im Internet, da sind etwas mehr als 1000 Euro zusammengekommen. Ziel sind 3000 Euro, die kompletten Kosten gehen aber ins Fünfstellige. Ich habe selbst investiert, viel Equipment wurde mir kostenlos zur Verfügung gestellt, auch der Reisebus. Mit dem Crowdfunding wollen wir die grundlegenden Kosten begleichen, etwa Spritgeld. Die Tontechniker kommen extra aus Berlin, die haben andere Projekte abgesagt. Wir brauchen 30 Komparsen, alle zusammen sind 40 Leute am Set. Das ist ein großer Aufwand, es gibt aber auch viel Unterstützung.

Reaktionen waren nicht nur positiv.

Erker: Gleich nachdem das Projekt auf Facebook publik wurde, gab es innerhalb von zwei Stunden 70 Hassmails, da waren üble Sachen dabei wie "Pass auf, wo Du in Zukunft hinläufst". Das ist etwas ausgeartet, dabei ist der Film noch gar nicht produziert. Die heftigen Dinge hab ich gelöscht. Wie gesagt: Es ist Wahnsinn.

Letzter Auslöser, den Film zu drehen, war ein Erlebnis in ihrer Heimatstadt Mannheim. Erzählen Sie mal.

Erker: Ich stand an der Supermarktkasse. Vor mir war eine türkische Dame, die mit voll bepackten Einkaufswagen zurück zur Kasse kam und dem Kassierer eine Packung Kekse hinhielt. In der Schlange entstand der Eindruck, sie drängelt sich vor. Es gab die heftigsten fremdenfeindlichen Kommentare von Leuten, die völlig unscheinbar aussahen. Letztlich stellte sich heraus, dass die Frau bemerkt hat, dass die Kekse an der Kasse vergessen wurden. Sie war aus Ehrlichkeit zurückgekommen. Just am selben Tag sah ich eine Mutter, die auf einen Ausländer zeigte und zu ihren zwei Kindern sagte: "Schau, die nehmen uns die Jobs weg." Da dachte ich: Du musst was machen.

 

Zur Person

Florian Erker ist unter anderem in Gemmingen und Sulzfeld aufgewachsen. Er lebt und arbeitet in Mannheim. Der 30-Jährige dreifache Vater dreht mit seiner Produktionsfirma hauptberuflich Werbefilme. Den Kurzfilm gegen Fremdenfeindlichkeit finanziert er zum Teil über Spender im Netz. Wer einen Beitrag leisten will, kann das unter www.startnext.com/kurzfilmgegenrechts tun.