Am Tresen der Wahrheit

Kraichgau  Thomas Lang meint das alles nicht bierernst, aber es ist ihm schon Ernst mit dem Bier. Der Stuttgarter Anwalt und Kolumnist, aufgewachsen in Kirchardt-Berwangen, hat mit "Goldbergs Liste" einen außergewöhnlichen Regiokrimi geschrieben.

Von unserem Redakteur Alexander Hettich

Regiokrimi: Von Bierpanschern und Bananenweizen

Die "ehrliche Eckkneipe" liegt Krimiautor Thomas Lang am Herzen. In seinem Erstling spielt auch die Kraichgauer Brauerszene eine Rolle.

Fotos: Fotolia/Hettich

 Hettich

Es ist ein Plädoyer für ehrliche Braukunst, ein Tour durch die real existierende Kneipen-Halbwelt und ein schräges Verschwörungsmärchen. Mittendrin: der Kraichgau.

Regiokrimi? Den Verlagsmanagern ringen Autoren damit meist ein müdes Lächeln ab. Das Feld der Heimat-Thriller scheint abgegrast, die Polizeireviere zwischen Tübingen und Heilbronn, Bad Saulgau und Südschwarzwald in festen Händen. Regionalkrimi klingt nach Regionalliga. "Der Trend ebbt schon wieder ab", weiß Thomas Lang.

Der 47-Jährige hat es trotzdem getan und meint, seine Nische gefunden zu haben. "Ironisch-satirisch, nicht so ernst" sollen die "Zufälle" des Ermittlers Minkin daherkommen. Und dann ist da das Leitthema: Bier.

Für Minkin, den schnoddrigen Ex-Staatsanwalt, der Radler und Systemgastro verachtet, ist der Weg zur Wahrheit gesäumt von so manchem Pils. Er holt sich Tipps am Tresen von ähnlich skurrilen Typen. Oft spielt die Handlung in realen Kneipen der Landeshauptstadt, die Thomas Lang in seiner "Schräggastro"-Kolumne für ein Szenemagazin weidlich vorgestellt hat. Untertitel: "Wir gehen da hin, wo Sie sich nicht hintrauen."

Gerne traut sich Thomas Lang in den Kraichgau. Hier, in Kirchardt-Berwangen, ist er aufgewachsen, hier besucht er regelmäßig seine Mutter. "Der Kraichgau ist stolz auf sein Getreide, es gibt gutes Bier", sieht er den perfekten Steilpass für seinen Brauer-Plot. Der Wahl-Stuttgarter und Vater von vier Kindern hat die Realschule Eppingen besucht, als sie noch in Elsenz untergebracht war.

Regiokrimi: Von Bierpanschern und Bananenweizen

Beim Kraichgau-Raiffeisen-Zentrum absolvierte er eine Ausbildung zum Kaufmann, bevor er mit Anfang 20 zum Studium nach Tübingen ging und die Juristenkarriere einschlug. Schwerpunkt: Arbeitsrecht. Nebenher nimmt er die eigene Zunft auf die Schippe, seit 20 Jahren tritt Lang mit dem Stuttgarter Juristenkabarett auf. Die Juristen in "Goldbergs Liste" sind oft dem schönen Leben zugeneigt: "In dubio Prosecco".

Jugend im Kraichgau der 80er Jahre: "Da gab es nicht viel", meint Lang. Die jungen Leute zog es ins Gemminger Freibad, zum Minigolf nach Leingarten oder zum Autohof nach Sinsheim. "Dort", erinnert er sich, "gab es 24 Stunden Schnitzel." Heute fällt sein Urteil weit wohlwollender aus: "Der Landstrich hat sich gemacht, auch Eppingen hat sich toll entwickelt."

Im Buch ist der Kraichgau Hort generationstypischer Gruseldrinks wie Bananenweizen oder Korea (Wer sich nicht erinnert: Cola mit Wein), aber auch Refugium gewissenhafter Kleinbrauer, die auf handwerkliche Kunst Wert legen und sich den Werbeversuchen der Panscher-Mafia schmallippig entziehen. Eppingen, Zuzenhausen, Bad Rappenau - sie schmeicheln Minkins Genießerseele, bevor er bei einer wüsten Schlägerei am Gemminger Bahnhof aufgemischt wird.

Das Ganze ist ein Mords-Lesespaß, augenzwinkernd vorgetragen, aber doch mit einem Funken Ernsthaftigkeit. Schon bei seiner "Schräggastro"-Kolumne ging es Lang nicht darum, Pinten in die Pfanne zu hauen: "Das war eher positiv, ein Plädoyer für die ehrliche Eckkneipe." Die sieht er vom Trend zum Immergleichen bedroht, nicht nur in der Landeshauptstadt, sondern auch auf dem Land. Ein Hoffnungsschimmer ist für ihn der Trend zum Craft-Bier, handgemacht, regional verwurzelt - so wie Minkin, der vielleicht bald wieder durch den Kraichgau streift. Der zweite "Zufall" ist in Arbeit.