Drogen-Prozess: Zu heiße Marihuana-Plantage

Eppingen - Fernsehen macht doch schlau. Und bringt manch bösen Buben ins Gefängnis. Eine TV-Reportage wurde jedenfalls einem notorischen Marihuana-Plantagenbetreiber aus Eppingen zum Verhängnis, den die Polizei schon seit Jahren vergeblich suchte.

Von Helmut Buchholz

Eppingen - Fernsehen macht doch schlau. Und bringt manch bösen Buben ins Gefängnis. Eine TV-Reportage wurde jedenfalls einem notorischen Marihuana-Plantagenbetreiber aus Eppingen zum Verhängnis, den die Polizei schon seit Jahren vergeblich suchte. Der 51-Jährige, der sogar seinen Sohn zum Verkauf der Ernte eingespannt hatte, wurde gestern vom Heilbronner Landgericht zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt.

Verdacht

Die Justiz war seiner nur habhaft geworden, weil ein aufmerksamer Nachbar Verdacht schöpfte. Der 51-Jährige hatte sich zuletzt ein einsames, bäuerliches Anwesen nahe eines Dorfes in Niedersachsen gekauft, wo er fröhlich seine Indoor-Plantage aus Eppingen kopierte. Aus dem Kraichgau hatten ihn die Ermittlungen der Polizei vertrieben. In Rinteln wollte er nochmal neu anfangen − und züchtete mehrere hundert Cannabis-Pflanzen unter dem Dach des vorher leer stehenden Gebäudes.

Eine Kripo-Beamtin attestierte dem gärtnerisch begabtem Familienvater vor Gericht professionelles Vorgehen. "So wie er es gemacht hat, ist es ein Vollzeitjob", sagte die Heilbronner Rauschgiftfahnderin. "Da muss man sehr diszipliniert sein." Er hatte seine Kulturen über ein ausgeklügeltes Bewässerungs- und Düngesystem gehegt und gepflegt. Die Vegetationsschritte wurden minutiös auf einem großen Wandkalender dokumentiert. Was der Polizei am Ende so ganz nebenbei die Aufklärungsarbeit ziemlich erleichterte.

Der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann war während der öffentlichen Verhandlung sichtlich bemüht, seine Neugier zu zügeln. Zu gerne hätte er gewusst, wie man den Stromzähler so clever manipuliert, wie es der Angeklagte für seine Plantage getan hatte. Winkelmann wollte keinen Nachahmern Lust machen. Dennoch: Der Marihuana-Anbauer gab frank und frei zu, dass sein Know-how von Holländern stamme, die er zu Anfang seiner Karriere zu Rate gezogen habe. Diese Experten hätten ihm erklärt, wie man den Stromzähler frisiert, damit er es mit den Unmengen von Kilowattstunden nicht so genau nimmt. Im Klartext: Der Cannabis-Züchter verbrauchte Strom ohne Ende, ohne dass es der Energieanbieter merkte.

Kein Schnee

Vielleicht wäre der florierende Handel noch länger unbehelligt geblieben. Wenn, ja wenn nicht dieser Nachbar im TV gesehen hätte, dass Cannabis-Indoor-Plantagen durch ihr stromfressendes künstliches Licht einiges an Wärme ausstrahlen. Es war zu dieser Zeit Winter, es lag Schnee − nur nicht auf dem Dach des Nachbarhauses. Darum schöpfte er Verdacht, benachrichtigte die Polizei, die das Anwesen mit dem Hubschrauber überflog und mit einer Wärmebildkamera inspizierte, die ziemlich viel Rot anzeigte. Fazit der Drogenfahnderin: "In Niedersachsen sind Nachbarn wachsam."