Scheuerle baut 125 Stellen ab

Pfedelbach  Trotz Abfindungsangeboten gibt es beim Pfedelbacher Unternehmen 28 Entlassungen. Eine Transfergesellschaft soll die Folgen für die Betroffenen abfedern.

Von Manfred Stockburger

Scheuerle baut 125 Stellen ab

355 Arbeitsplätze bleiben bei dem Pfedelbacher Unternehmen nach dem Personalschnitt übrig. Stichtag für die meisten ist der 1. November.

Foto: Yvonne Tscherwitschke

 

Tiefe Einschnitte ins Personal sollen den Pfedelbacher Schwertransporter-Hersteller Scheuerle wieder zurück auf die Straße des Erfolgs bringen. Ende Mai, als das Unternehmen einen Personalabbau ankündigte, hatte die Firma 480 Mitarbeiter. Knapp 50 von ihnen haben das Unternehmen, das zur TII-Unternehmensgruppe des Heilbronner Unternehmers Otto Rettenmaier gehört, seither verlassen: Etwa weil sie ohnehin in Rente gingen oder weil ihre befristeten Verträge ausliefen.

Weitere 50 haben eines von drei für unterschiedliche Zielgruppen ausgearbeiteten Abfindungspaketen in Anspruch genommen. Unter anderem können sie bis zu einem Jahr in einer sogenannten Transfergesellschaft sozialversicherungspflichtig weiterbeschäftigt und qualifiziert werden.

Darüber hinaus haben am Freitag 28 Mitarbeiter eine betriebsbedingte Kündigung erhalten. Ohne Entlassungen hat die Firma ihr Ziel nicht erreicht, auf eine neue Personalzahl von 355 Beschäftigten am Standort zu kommen. "Wir sind stolz darauf, dass wir es geschafft haben, dass alle Azubis übernommen werden", betont Firmensprecher Christopher Rimmele. Den Betroffenen steht nach langen Verhandlungen mit dem Betriebsrat und der IG Metall der Weg in die Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft ebenfalls offen.

Kritik an Informationspolitik

Deutliche Kritik übt Uwe Bauer von der Schwäbisch Haller IG Metall am Vorgehen des Unternehmens und an der Informationspolitik, die bei der Belegschaft für große Verunsicherung gesorgt habe.

Mit der Ausstattung der Transfergesellschaft (siehe Hintergrund) und der Höhe der Abfindungen, die am Ende herausgekommen sind, kann Uwe Bauer leben - auch wenn er es schwierig finde, in diesem Zusammenhang von einem Erfolg zu sprechen. Die Stimmung im Unternehmen beschreibt der Gewerkschafter allerdings nach wie vor als sehr schlecht.

 

Hintergrund: Transfergesellschaft

Den 50 Mitarbeitern, die Scheuerle freiwillig verlassen haben, und den 28 Entlassenen steht der Wechsel in eine Transfergesellschaft offen. Dienstleister ist die Firma Refugio, die in der Region auch schon bei Stahl, Then und Helios daran mitgewirkt hat, die Folgen von Personalabbau abzumildern. Geschäftsführerin Manuela Eschenbächer ist zuversichtlich, dass bis zu 80 Prozent der Betroffenen, die von Scheuerle zu Refugio kommen, innerhalb der Laufzeit in eine neue Stelle vermittelt werden können. "Sie sind gut qualifiziert. Wenn die Bedingungen stimmen, wird sie der Arbeitsmarkt schnell aufnehmen." An den Kosten beteiligt sich die Arbeitsagentur. 

 

Insgesamt 125 Scheuerle-Mitarbeiter aus allen Abteilungen quer durchs Haus müssen oder mussten ihr Schicksal mehr oder weniger freiwillig in die eigene Hand nehmen. Aber auch für die 355 Beschäftigten, die im Unternehmen verbleiben, stehen große Veränderungen an. Zumal die Firma, wie Rimmele betont, viele Aufträge abzuarbeiten hat: "Fakt ist, dass wir im Moment voll ausgelastet sind. Wir produzieren in allen Hallen und die Fahrzeuge verlassen auch den Hof." Strategisches Ziel sei es, die sogenannten SPMTs, also die selbstfahrenden Schwerstlast-Modulfahrzeuge, kostengünstiger herzustellen, um wettbewerbsfähiger zu werden.

Der Wettbewerbsdruck komme daher, erklärt Rimmele, dass in den SPMT-Abnehmerbranchen Öl, Stahl und Schiffsbau momentan wenig investiert werde. In den vergangenen Jahren hatte das Unternehmen genau in diesem Segment seine Kapazitäten aufgebaut. Nach Uwe Bauers Ansicht allerdings wisse man in vielen Abteilungen nicht, wie der laufende Geschäftsbetrieb mit der reduzierten Mannschaft aufrecht erhalten werden soll.

Bekentnis zum Standort Deutschland

Eine Verlagerung der Produktion etwa nach Indien, wo die Unternehmensgruppe ebenfalls vertreten ist, stehe nicht zur Debatte, betont Rimmele: "Es gibt ein ganz klares Bekenntnis der Familie Rettenmaier zu den Standorten in Deutschland." Er gehe davon aus, dass Pfedelbach nach dem jetzigen Personalschnitt "ohne weitere Kürzungen" weiterbetrieben werden könne.

Beim Schwesterunternehmen Kamag in Ulm wird ebenfalls über einen deutlichen Personalabbau verhandelt. Dort stehen die Gespräche laut Rimmele kurz vor dem Abschluss. Wie viele Stellen dort gestrichen werden, stehe noch nicht fest, sagt der Scheuerle-Sprecher.

 

Kommentar: Vertrauen

Die Wahrheit ist bitter genug. Taktieren macht Einschnitte für die Betroffenen noch schlimmer.

Manfred Stockburger

Mit schweren Lasten, sollte man meinen, kennt sich Scheuerle aus. Bei den Spezialfahrzeugen mag das der Fall sein. Bei der Art und Weise, wie das Unternehmen den Personalabbau in den vergangenen Monaten gehandhabt hat, hat sich das Management aber eher als Leichtgewicht gezeigt. Nicht die bittere Wahrheit der Entlassungen, aber so manche Träne bei den Betroffenen hätte vermieden werden können. Warum etwa wurde nicht gleich gesagt, dass die Transfergesellschaft nicht nur für Freiwillige offensteht, sondern auch denjenigen, die eine betriebsbedingte Kündigung erhalten? Solches Verhalten dient allein dazu, maximalen Druck zu erzeugen. Dabei hätte es durchaus die Möglichkeit gegeben, statt dessen auf eine Versachlichung der Diskussionen hinzuwirken.

Aber das ist jetzt Vergangenheit. Beim Blick in die Zukunft bleibt die Hoffnung, dass die Unternehmensberater gute Arbeit geleistet haben und dass Scheuerle der von ihnen geschneiderte, deutlich kleinere Anzug tatsächlich passt. Nichts wäre schlimmer, als wenn auf diese Kündigungswelle bald die nächste folgt. Oder wenn das Unternehmen mangels Beschäftigten seine Aufträge nicht mehr abarbeiten könnte. Beide Szenarien werden in Pfedelbach diskutiert − zumal sich das Management mit Informationen über die Details des Zukunftskonzepts zurückhält. So, wie sich die Kunden auf die Produkte verlassen können müssen, brauchen die Beschäftigen klare Aussagen. Gerade wenn die Last wirklich schwer wird, ist Vertrauen ein hohes Gut.