Ehemaliger EBM-Papst-Chef: Zurück zu den Wurzeln

Heidelberg/Region  Seit einem Jahr ist Rainer Hundsdörfer Vorstandschef bei Heideldruck. Der ehemalige EBM-Papst-Lenker spricht über den Wandel beim Druckmaschinenhersteller.

Von Heiko Fritze

Zurück zu den Wurzeln

Seit einem Jahr hat Rainer Hundsdörfer bei Heideldruck als Konzernchef das Sagen. Foto: Heideldruck

 

Er ist Maschinenbauer, durch und durch. Beim Gang durch die Halle 11 biegt Rainer Hundsdörfer unvermittelt ab an eine dieser neuen digitalen Anlagen. Soeben ist ein Probelauf gestartet, hinten wird Papier eingezogen, an den tausenden Druckköpfen vorbeigeführt und am anderen Ende die Qualität des fertigen Produkts überprüft.

Hightech vom Feinsten und doch eine riesige Maschine − das liebt der Ingenieur. Er schaut den Technikern über die Schulter, überblickt die Steuerungsmonitore, kurz darauf klettert er die Leiter hoch und beobachtet das digitale Druckwerk bei der Arbeit.

Unter dem Namen Primefire ist diese Druckmaschine, von der pro Monat eine fertig wird, das neue Flaggschiff der Heidelberger Druckmaschinen AG. Ihre kleine digitale Schwester Labelfire ist bereits in Serie gegangen, Primefire soll im April so weit sein. "Gemessen an unseren Kapazitäten haben wir die Produktion der nächsten zwei Jahre schon verkauft", sagt Hundsdörfer. 

Zukunft gehört den Digitaldruckmaschinen

Der Hoffnungsträger, der den digitalen Wandel verkörpert und die Antwort der Heidelberger auf die Krise der vergangenen Jahre ist, kommt an bei der Kundschaft. Der Vorstandschef gibt sich ohnehin keinen Illusionen hin: Das Geschäft seiner Branche wandelt sich, herkömmliche Druckmaschinen werden mittel- und langfristig weniger bestellt werden.

Dass Heideldruck da so konsequent umsteuert − ein Prozess, der unter seinem Vorgänger Gerold Linzbach schon begonnen hatte −, wird von ihm vorbehaltlos mitgetragen. "Nur auf die Vergangenheit zu schauen, hat noch nie funktioniert", sagt er und zeigt auf die Digitaldruckmaschinen, die da gerade zusammengeschraubt werden. "Das hier ist die Zukunft unseres Unternehmens."

Schmerzhafter Stellenabbau am Standort Wiesloch

Heidelberg, so lautet die Marke, hat nach wie vor einen großen Namen unter Ingenieuren. "Wir können alles besser und haben bislang auch alles selbst gemacht", beschreibt es Hundsdörfer. Erst in der Krise, als jahrelang Verluste anfielen, wurde umgedacht. Inzwischen hat der Konzern seinen Sitz am größten Werk in Wiesloch. Noch arbeiten hier knapp 4000 Menschen, gerade erst ist ein schmerzhafter Stellenabbau zu Ende gegangen.

Wenn die Mitarbeiter des Stammsitzes Heidelberg komplett hierhergezogen sind, werden es sogar wieder an die 5000 sein. Dafür wird gerade Halle 10 umgebaut: In dem 3,6 Hektar großen Bau, Deckenhöhe elf Meter, entsteht das neue Forschungs- und Entwicklungszentrum. 1000 Beschäftigte sollen hier ihren Platz finden, in 13 sogenannten Quartieren − in den Raum gestellten Bürobauten − und in der Versuchsabteilung. Heideldruck gibt 50 Millionen Euro aus, Ende 2018 sollen die Bauarbeiten beendet sein.

Kein Wort über den EBM-Papst-Abschied 

Freilich − auch dieses Projekt wurde schon vor seinem Amtsantritt angestoßen. Schließlich ist Rainer Hundsdörfer erst seit einem Jahr Vorstandsvorsitzender. Seine bisherigen Stationen zählt er routiniert auf: 17 Jahre beim Ditzinger Laseranlagenhersteller Trumpf, Stationen beim Tauberbischofsheimer Holzmaschinenbauer Weinig, bei Schaeffler, wo er die Industrieteile-Sparte leitete ("Heideldruck war einer unserer Kunden.") und zuletzt Konzernchef beim Mulfinger Ventilatorenhersteller EBM-Papst. Sein jäher Abgang hatte damals für viel Aufsehen in der Region gesorgt − heute verliert der 59-Jährige kein Wort darüber. Wie gesagt: "Nur auf die Vergangenheit zu schauen, hat noch nie funktioniert."

Inzwischen wohnt Rainer Hundsdörfer in der Region − unter der Woche. In Heidelberg hat er eine Wohnung gemietet. Am Wochenende geht es dann zu seiner Familie, nach Düsseldorf. "Ich ziehe schon lange nicht mehr um", sagt er. "Ich arbeite hier von 7 bis 23 Uhr − da käme ich sowieso nur zum Schlafen nach Hause. Und ich bin ja nicht immer hier, wir sind ja global aufgestellt", erklärt er. "Meine Frau sagt, es ist ihr egal, wo ich nicht nach Hause komme." Managerschicksal. Ein Konzernchef muss stets erreichbar sein, Entscheidungen treffen, den Überblick behalten. Beim Rundgang durch das Werk klingelt mehrfach das Smartphone, dann checkt Hundsdörfer seinen Kalender, was in der nächsten Zeit ansteht. Die vorbeihuschenden Spalten zeigen: Er ist üppig gefüllt.

Unternehmen stellt jetzt auch Ladestation für Elektroautos her

Zeit zum Schwärmen ist dennoch. Nicht nur, wenn der Vorstandschef vom Schwenk der Heidelberger hin zum Digitaldruck erzählt. Das jüngste Kind des Konzerns hat schon gar nichts mehr mit Drucken zu tun: "Wallbox" heißt das Gerät, dass sich jeder Privatmann besorgen kann − eine Ladestation für Elektroautos.

Wie kommt ein Druckmaschinenbauer auf so etwas? "Wir bauen Anlagen, die mit Stromschwankungen der verschiedensten Netze auf der Welt klarkommen müssen", erklärt Hundsdörfer. "Das ist unser elektrotechnisches Knowhow, auf dem wir aufgebaut haben."

Auf dem riesigen Werksgelände ist Platz für Start-Ups 

Und dann ist da noch das riesige, 84 Hektar große Werksgelände selbst. Nach den Streichungen und Rationalisierungen steht inzwischen ein Drittel der Flächen leer. Hier möchte der Konzern vermieten, junge Unternehmen hereinholen. Startups, vielleicht mit Wurzeln an den Universitäten Mannheim, Heidelberg oder Karlsruhe.

Heideldruck könne ihnen auch Hilfe leisten, beim Start der industriellen Fertigung ihrer Ideen unterstützen − auch so ein neues Geschäftsfeld, dass Hundsdörfer heute vorstellt. Vielleicht greift der Konzern auch finanziell unter die Arme, schießt Wagniskapital zu, ergattert eine attraktive Beteiligung. Die Augen des Vorstandschefs blitzen kurz auf: "Da wird es dann richtig interessant." Denn nur auf die Vergangenheit zu schauen, hat ja noch nie funktioniert.