- Artikel
- 20 Kommentare
- Versenden
Reinhold Würth rügt Merkel-Kurs
Künzelsau - Seine mehr als 400 Firmen in 84 Ländern sind nicht nur Reinhold Würths wirtschaftliche Basis, sie geben dem Milliardär auch tiefe Einblicke ins Weltgeschehen. 2009 warnte er vor einer neuen Weltwirtschaftkrise, inzwischen blickt er ausgesprochen gelassen in die Zukunft. Warum, erklärt er im Gespräch mit unserem Redakteur Manfred Stockburger.
Reinhold Würth: In Fernost wachsen wir natürlich am schnellsten. Das hat aber praktisch keinen Einfluss auf unsere Resultate, weil das noch kleine absolute Zahlen sind. Aber wenn man zehn Jahre mit 30 oder 40 Prozent wächst, dann gibt das auch einen schönen Batzen.
Wie läuft es in Südamerika?
Würth: Sehr gut. Letztes Jahr habe ich die Firmen dort ja besucht. Das nützt dann schon immer was...
Und Brasilien?
Würth: Da bin ich auch sehr zufrieden. Wie die Welt dort aussieht, das können sich die meisten Leute gar nicht vorstellen: Sao Paulo oder Rio sind richtige Ungetüme. Ein nicht enden wollendes Häusermeer. Das ist gewaltig.
Was bedeutet das für ein Unternehmen wie Würth? Kann man dort als Europäer überhaupt Fuß fassen?
Würth: Wir haben ja in 90 Prozent der Gesellschaften Landesbürger als Geschäftsführer. Das habe ich ganz früh schon gelernt, dass es nicht gut geht, wenn man Deutsche irgendwo hinsetzt, weil sie die Kultur des Gastlandes nicht kennen. Selbst zwischen den USA und der EU funktioniert das nicht. Deswegen hat Barnes sein Geschäft in Europa an Berner verkauft. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel.
Auch bei Ihnen wird nicht alles zu Gold: In die Produktion von Solar-Modulen hatten Sie viel Geld und auch viel Herzblut investiert. Warum hat es am Ende nicht geklappt?
Würth: Ganz einfach, weil die Chinesen die Preise so runtergehauen haben, dass wir mit jedem Panel zehn oder 15 Euro zum Kunden mitgeschickt haben. Wir hätten uns schon leisten können, die Fabrik zu subventionieren. Das wollte ich mir aber nicht antun.
Der Reutlinger Maschinenbauer Manz hat die Produktionsstätte trotzdem gekauft.
Würth: Für Manz kam das wie ein gemähtes Wiesle. In unserem Drang, möglichst viel zu produzieren, haben wir nur wenig Produktionszeit für die Forschung abzweigen können. Im Labor wurden mit der Technologie ja schon Wirkungsgrade von 20 Prozent erreicht, in der Serienfertigung waren wir immer noch bei zwölf oder dreizehn Prozent. Wenn es Manz mit ein bisschen Ausprobieren schafft, in der Serie einen Wirkungsgrad von 20 Prozent zu garantieren, dann ist er mit seinen Maschinen zur Solarzellenherstellung der King.
Wo sind die Schattenseiten in der Würth-Welt − konjunkturell gesehen?
Würth: Unser "Club Med" mit Griechenland, Italien, Portugal und Spanien ist schon ein ungelöstes Problem. In Spanien ist jeder zweite Mensch zwischen 18 und 25 arbeitslos. Ich weiß nicht, wie lange das sozialpolitisch gut gehen kann.
Wie werden Länder wie Spanien und Griechenland wieder auf die Füße kommen?
Würth: Zunächst ist natürlich Sparen angesagt. Der überdimensionierte Staatssektor muss verkleinert werden. Mit den niedrigen Zinsen durch den Euro hat man dort noch mehr auf Pump gelebt als bisher, das rächt sich jetzt natürlich. Gleichzeitig war der Produktivitätszuwachs in den Südländern einfach zu klein, die Nordländer rennen davon. Früher hat man das über Währungsabwertungen geregelt, das geht im Euro nicht.
Was heißt das für die Unternehmen?
Würth: In Griechenland haben die Firmen zum großen Teil die Arbeitszeiten verlängert und die Löhne gekürzt, bei uns waren das zum Beispiel 20 Prozent, um das Auseinanderlaufen der Produktivität zu kompensieren.
Wird das ausreichen?
Würth: Ich weiß es nicht. Mir wäre es am liebsten, wenn Griechenland einfach aus der Eurozone ausscheiden würde. Die sollen ihre Drachme wieder einführen.
Würth: Ich weiß nicht, ob die Drachmen schon gedruckt sind. Aber es gibt ja nichts, was es nicht gibt...
Aber der Euro wird die überleben?
Würth: Daran habe ich keinen Zweifel: Er wird eine der stärksten Währungen bleiben. Die Wirtschaftskraft, die da dahinter steht, ist gewaltig. Das Griechenlandproblem muss eben gelöst werden.
Welche Auswirkungen haben die aktuellen wirtschaftlichen Probleme in Ihrem "Club Med" auf die Geschäfte im Würth-Konzern?
Würth: In Spanien haben wir weiter kleine Umsatzrückgänge. Und Italien stagniert, das gefällt mir auch nicht. Die Italiener haben letztes Jahr ihren Umsatz aus dem Vorjahr fast auf den Euro genau wiederholt. Ich gehe davon aus, dass wir in Italien dieses Jahr wieder einen Gewinn machen. In Spanien wird es nochmal einen kleinen Verlust geben, so im Bereich von drei oder vier Millionen Euro. Im Gesamtkontext ist das keine große Sache. Aber früher haben die in Spanien im Jahr bis zu 50 Millionen Euro verdient. Das Delta von 54 Millionen Euro gefällt mir natürlich nicht.
Wie läuft es in den USA?
Würth: Dort haben unsere Firmen teilweise Umsatzsteigerungen von 40 oder 50 Prozent. In den USA wurde ja fast nichts mehr produziert, weil man alles nach China verlagert hatte. Jetzt holen die Firmen die Produktion zum großen Teil wieder zurück. Das hilft uns.
Die Amerikaner haben ja auch ein Verschuldungsproblem.
Würth: Klar, die hacken auf uns rum, um von der eigenen Misere abzulenken. Amerika kann kein Interesse daran haben, den Euro und Europa zu stärken. Schließlich entwickelt sich Europa toll. Es ist nur schade, dass die Bürger das nicht so realisieren. Für die EU wird einfach viel zu wenig Werbung gemacht.
Was hat sich durch die europäische Integration verbessert?
Würth: Wir konnten früher mit unseren Flugzeugen nur Zollflugplätze anfliegen, jetzt dürfen wir auch auf den hinterletzten Plätzen landen. Das ist eine tolle Erleichterung für uns. Auch dass es keine Passkontrollen mehr gibt und dass wir überall mit dem gleichen Geld bezahlen können. Das sind Dinge, auf die die EU-Bürger nicht mehr verzichten wollen.
Wenn man sich überlegt, dass vor 25 Jahren der Eiserne Vorhang noch stand...
Würth: ...ich hätte nicht daran gedacht, dass es so kommt. Man muss sehen, dass Helmut Schmidt ganz entscheidend mitgewirkt hat − mit dem Nato-Doppelbeschluss, den er gegen seine eigene SPD und gegen die Grünen durchgesetzt hat. Im Grunde haben wir die Sowjetunion zu Tode gerüstet. Die ist dann einfach in sich zusammengefallen.
2009 gehörten Sie zu den Pessimisten, was die wirtschaftliche Entwicklung angeht. Befürchten Sie, dass Sie doch noch Recht behalten?
Würth: Das glaube ich nicht. Die Konjunktur in Deutschland läuft wie wild, die Handwerker haben Aufträge bis oben hin. Auch unser Industriegeschäft läuft gut: Alleine in den ersten drei Monaten stellt die Würth Industrie in Bad Mergentheim 100 neue Kunden auf unser Kanban-System um. Die verzeichnen bei den Aufträgen nur eine ganz moderate Abflachung. Selbst die Leiterplattenproduktion der Würth-Elektronik, wo man im Oktober und November noch pessimistisch war, hat wieder genügend Aufträge, so dass die Produktion ausgelastet ist.
Und wie ist es im Ausland?
Würth: Da ist es nicht überall so gut. Deutschland ist nun mal die Lokomotive. Dass es in manchen Ländern eine moderate Rezession geben wird, kann ich mir schon vorstellen, aber es wird nicht wieder kommen wie 2009. Und selbst wenn es so wäre, dann bleibe ich recht gelassen: Wir haben aus 2009 gelernt und haben jetzt das Knowhow, wie wir selbst dann in den schwarzen Zahlen bleiben.
Wie erklären Sie sich, dass die Konjunktur in Deutschland vergangenes Jahr so gut war?
Würth: Das haben wir eindeutig Gerhard Schröder und seiner Agenda 2010 zu verdanken und auch den Gewerkschaften, die ihre Forderungen vernünftig stellen. Bei den Lohnstückkosten hat uns das enorme Vorteile gebracht. Dazu profitieren wir vom schwachen Euro. Wir können jetzt so billig anbieten, dass wir teilweise sogar mit den Chinesen konkurrieren können.
Wo sehen Sie derzeit Risiken für Deutschland?
Würth: Kurzfristig sehe ich keine. Bei der nächsten Bundestagswahl kann ich mir aber schon vorstellen, dass es ähnlich wird wie hier in Baden-Württemberg, also Rot-Grün. Das ist für die Wirtschaft nicht ideal. Aber Angela Merkel mit ihrer Machtsucht bastelt ja schon jetzt an einer schwarz-roten Koalition. Das ist ihr lieber als die FDP. Sie ist halt einmal links, weil sie den Sozialismus schon mit der Muttermilch eingesaugt hat. Da können wir nicht erwarten, dass sie auf dem konservativen Flügel der Union Hurra schreit. Die Politik wird also mit Sicherheit nach links driften.
Was bedeutet das?
Würth: Ich würde die These aufstellen, dass das Erbschaftssteuergesetz für Betriebsvermögen in der nächsten Legislaturperiode als erstes gekippt wird. Deshalb habe ich auch einen vorgezogenen Erbgang gemacht: Bei einem Stiftungsunternehmen ist ja alle 30 Jahre eine Ersatzerbschaftssteuer fällig. Bei uns wäre das 2017 gewesen, aber ich habe den Erbgang auf 2011 vorgezogen und dem Staat damit sieben Jahre geschenkt. Dafür ist jetzt wieder 30 Jahre lang Ruhe. Und was dann ist, das interessiert mich nicht mehr. So versucht man als Kaufmann, die richtigen Weichen zu stellen...
Mit dem Logistikneubau in Künzelsau (weitere Infos hier) stellen sie die Weichen im Unternehmen auf Wachstum. Kommt dann auch die Veranstaltungshalle?
Würth: Da wollen wir noch bis Mai abwarten, wie das Geschäft läuft. Wenn dann einigermaßen erkennbar ist, dass es positiv bleibt, dann machen wir das Ding.
Mit Museum?
Würth: Viele Menschen, die zu uns nach Hall kommen, sind enttäuscht, dass sie nur einen ganz kleinen Ausschnitt von dem sehen können, was wir im Depot haben. Es ist mir schon ein Anliegen, dass man die besonders wertvollen Stücke zusammenfasst und permanent zeigt. Damit würden wir in Künzelsau auch wieder ein gewisses Gegengewicht zu Schwäbisch Hall schaffen.
Zur Person: Reinhold Würth
Er ist der Chef. 1935 in Öhringen geboren, hält Reinhold Würth bis heute als Stiftungsaufsichtsratsvorsitzender seiner Unternehmensgruppe alle Fäden in der Hand. Mit 19 übernahm er nach dem Tod seines Vaters die Verantwortung für die kleine Schraubenhandlung. 2011 erwirtschaftete der Konzern mit 66 113 Mitarbeitern einen Umsatz von 9,7 Milliarden Euro. Hauptsitz ist Künzelsau, ein Nebensitz in der Schweiz. Der Kunstmäzen und Jachtbesitzer ist verheiratet mit Carmen Würth und hat drei Kinder. Seit 2009 ist das frühere FDP-Mitglied auch Österreicher.
Aktienkurse Regional
Aktienindizes
Wirtschaftsticker Deutschland & Welt
New York (dpa)09:15 Uhr
Facebook liebäugelt angeblich mit Börsenwechsel
Düsseldorf/München (dpa)09:12 Uhr
Berichte: Evonik plant Börsengang für 25. Juni
Berlin (dpa)09:04 Uhr
Wirtschaft Südwesten
Wirtschaft Heilbronn
Wirtschaft Kraichgau
Nützliche Links
2672 mal gelesen
Schlag gegen mutmaßlich kriminelle Gruppe
654 mal gelesen
644 mal gelesen
Kathrin Köster legt Amt nieder
432 mal gelesen
Keine langen Kneipennächte mehr
418 mal gelesen









