Zum Lesen verurteilt

Richterin in Sachsen konfrontiert Jugendliche mit Büchern eines Hohenlohers

Von unserer Mitarbeiterin Ana Kreysing

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Simone Schneider vom Verein Oase im sächsischen Mittweida betreute die beiden straffällig gewordenen Jugendlichen. Die Arbeit mit Texten der Polizei-Poeten änderte deren Haltung zu den Ordnungshütern.Fotos: privat

Justiz - Vor acht Jahren gründete der aus Ernsbach stammende Kriminalbeamte Volker Uhl die Webseite der Polizei-Poeten, auf der Polizisten persönliche Gedichte und Kurzgeschichten veröffentlichen. Jetzt sind die Geschichten dort angekommen, wo sie etwas bewirken können: bei jungen Straftätern.

"Faschismus trägt Uniform!" Der Satz rutscht Christians (Name von der Redaktion geändert) biervernebeltem Gehirn nur so heraus an diesem Nachmittag am Marktbrunnen von Rochlitz in Mittelsachsen. Seit Stunden schon hängt der 19-Jährige mit seinem Kumpel Marcel und ein paar anderen Punks dort ab, um seinen Realschulabschluss zu feiern.

Handgemenge Dann kommt die Polizei und macht Stress. "Die wollen mich doch nur ärgern", denkt Christian. Er will sich nichts gefallen lassen, schon gar nicht seine Personalien preisgeben, schließlich gehört er zu den Guten, den linken Jugendlichen. Die Bösen, das sind für ihn die Neonazis. Die Polizisten, die mit acht Mann angerückt sind, finden Christians Bemerkung nicht witzig.

Es folgt ein Handgemenge. Christian und sein Freund Marcel (Name von der Redaktion geändert) werden aufs Revier gebracht. Der Vorfall wird Folgen haben in Form einer Anzeige wegen Beamtenbeleidigung und Widerstandes gegen die Staatsgewalt.

Respekt Ein Jahr später sitzt Martina Stein, Richterin am Amtsgericht Hainichen, nachdenklich in ihrem Büro. Für beide Angeklagte scheint ihr ein Arbeitseinsatz oder die Teilnahme an einem Anti-Aggressionstraining wenig sinnvoll. Beides würde sie nicht dazu veranlassen, etwas über Respekt und Akzeptanz gegenüber Beamten zu lernen.

Auf vier Verhandlungstage ist der Prozess gegen Christian und Marcel angesetzt. In den ersten Verhandlungstagen zeigen sich die beiden Angeklagten uneinsichtig und suchen die Schuld bei den Polizeibeamten. Simone Schneider vom Verein Oase in Mittweida interessiert sich für den Prozess.

Seit Mitte der 90-er Jahre arbeitet sie mit straffälligen Jugendlichen. In der Pause macht sie der Richterin einen Vorschlag, der zu einem ungewöhnlichen Urteil führt. Die beiden Angeklagten müssen lesen: Kurzgeschichten der Polizei-Poeten.

Beim ersten Termin bekommen die Verurteilten den zweiten Band: "Jeden Tag den Tod vor Augen". Zum zweiten Treffen erscheinen sie überpünktlich. In einer Prüfungssituation lässt Simone Schneider ihre Schützlinge Fragen beantworten, am Ende sollen sie die Geschichte ihrer Verhaftung aus Sicht der Polizisten aufschreiben.

"Ich hätte ehrlich nicht gedacht, dass mich das so begeistern wird", schreibt Christian. Als Vater eines dreijährigen Kindes hat ihn die Geschichte aufgewühlt, in der eine Polizeibeamtin ein verwahrlostes Kind in ihre Obhut nimmt. "Ich habe noch nie so hinter die Kulissen geschaut", schreibt er und: "Man sollte jedem guten Polizisten seinen Respekt erweisen." Auch Marcel ist beeindruckt: "Das Buch stellt gut dar, dass Polizisten Menschen sind."

Erfolg "Man muss die jungen Leute ernst nehmen, ihnen ihre eigene Entwicklung zutrauen. Dann kommen sie zu erstaunlichen Ergebnissen", fasst Simone Schneider ihre Erfahrungen zusammen. Richterin Martina Stein freut sich über den Erfolg des Experiments. "Die Beschäftigung mit den Geschichten der Polizei-Poeten war in diesem Fall ein guter Weg, die Täter dazu zu bewegen, ihr Verhalten zu reflektieren."

Ein paar Monate nach der Urteilsverkündung treffen Christian und Marcel in der Oase auf Volker Uhl. Der Hauptkommissar spricht den jungen Männern seine Anerkennung aus: "Ihr habt eine wichtige Erfahrung gemacht: Ich kann den anderen oder die Situation nicht ändern. Was ich ändern kann, ist meine innere Einstellung und Haltung. Dadurch eröffnet sich immer eine Möglichkeit des Handelns, die weniger Leid für alle verursacht."

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Volker Uhl, Initiator der Polizei-Poeten, stammt aus Ernsbach.