An den Grenzen der Zuträglichkeit

Von unserem Mitarbeiter Michael Dignal

An den Grenzen der Zuträglichkeit

Öhringen - Der Kabarettist Thomas Reis gehört zu den Menschen, die an ihre Arbeit höchste Ansprüche stellen. Nur so ist es zu erklären, dass seine Programme immer komplexer, vielschichtiger und umfassender werden. Mit "Reisparteitag", das er rund einhundert Besuchern in der Öhringer Kultura vorstellte, hat er den bisherigen Gipfelpunkt erreicht.

Interessante Parole Einfallslosigkeit kann man dem Wahl-Kölner, der seit 30 Jahren "im vertikalen Gewerbe" tätig ist, nicht vorwerfen. Aus Eitelkeit eine Partei zu gründen, die daher nur ein Mitglied hat, klingt so interessant wie deren Parole: "Ich will die Schuld nicht bloß bei anderen suchen − sondern finden." Doch als Titelthema ist es zu dünn aufbereitet, denn es geht in zahllosen anderen Themen nahezu unter.

Da sind die Bundespräsidenten, die nicht erst seit heute unter partieller Cerebralsklerose leiden. Da ist der Papst, der es als dritter nach Joseph Goebbels und Mario Barth geschafft hat, das Berliner Olympiastadion zu füllen. Da ist die FDP, die es dem Kabarettisten schwer macht, denn "Gewalt gegen Kinder bringt nichts". Da sind die Raucher die "letzten Stützen einer Gesellschaft, die vom Überleben bedroht ist", und da ist ein Pfarrer, der von seinen liebestollen Ministranten vergewaltigt wird.

Es scheint, als habe Reis die ganze Welt in sich aufgesogen, aber nicht vertragen, und müsse sie nun wieder von sich geben − was für das Publikum nicht nur angenehm ist. Wenn er von Playmobil-Paralympics oder von der "Verklappung" von Schwarzafrikanern an europäischen Küsten erzählt, herrscht erschrockenes Schweigen vor, bestenfalls von einem verlegenen Hüsteln durchsetzt. Und wenn er die Bundesregierung als Musterbeispiel für Behindertenintegration darstellt, ist man fast schon froh, dass es nicht noch schlimmer kommt.

Mehrdeutiges Das intellektuelle Niveau dieses bitterbösen Kabarettisten ist hoch. Mehrdeutige Wortschöpfungen und Assoziationen schleudert er nur so aus sich heraus, ist sich aber auch für manche Zote oder wild grimassierende Parodie nicht zu schade, die er wohl als Ausgleich eingebaut hat. Dennoch huscht er durchs Programm wie ein Lichtstrahl durch einen dunklen Keller, alles kurz und grell beleuchtend, aber offensichtlich ziellos.

Wer den Irrsinn der Welt widerspiegeln will, geht ein hohes Risiko ein. Thomas Reis ist an die Grenze des Zuträglichen gelangt, an die Grenze auch zwischen Unterhaltung und Bedrängnis. Der Beifall an diesem Abend ist zumindest anerkennend und respektvoll.




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