Einer, der mehr Profil für die Kirche fordert

Von unserer Redakteurin Barbara Griesinger

Einer, der mehr Profil für die Kirche fordert
Dass die Kirche nicht von dieser Welt ist, dafür steht der Totenschädel im Bücherregal von Friedemann Richert. Der Hausabendmahlkelch dagegen erinnert daran, dass gerade die Kirche eine "Arznei der Unsterblichkeit" zu bieten hat.Foto: Griesinger 

Künzelsau - Der Künzelsauer Hausabendmahlkelch aus dem 17. Jahrhundert hat im Büro des Dekans wieder einen Ehrenplatz. Im Zentrum der Bibliothek steht der kleine Kelch, den Dr. Friedemann Richert im Inventar des Dekanats neu entdeckt hat. "Das ist doch ein wundervolles Stück", sagt er und dreht den kleinen Kelch in der Hand. Er ist nicht nur Zierde im Arbeitszimmer, das der Dekan vor rund 100 Tagen bezogen hat, er ist auch wieder in Benutzung. Denn für Friedemann Richert ist die seelsorgerische Begleitung der Gemeindemitglieder von großer Bedeutung.

Luthertum

Das Interieur des Arbeitszimmers spiegelt viel von dem wider, was dem Dekan wichtig ist. Ein bekannter Stich, der Martin Luther zeigt, hat seinen Platz hinter Richerts Schreibtisch. Ein Porträt des Reformators in Öl, das aus der Johanneskirche stammt, dort aber keinen Platz mehr gefunden hat, erblickt der Dekan, sobald er von der Arbeit aufsieht. "Das Luthertum ist mir in die Wiege gelegt worden", sagt Friedemann Richert und erzählt von einer glücklichen Kindheit im mittelfränkischen Wilhermsdorf, einem rein lutherisch geprägten Dorf, wo er als Sohn des Lehrers und Organisten jeden Sonntag in der Kirche saß. Werke von Platon bis Spaemann finden sich in seiner Bibliothek und charakterisieren Friedemann Richert als einen philosophischen Kopf, einen, der in der Theologie Luthers verwurzelt ist.

Die Gesellschaft müsse "theologisch wieder mehr durchformt werden", sagt er und erklärt anhand der sechsten Strophe von Matthias Claudius’ Abendlied, was er meint: "Menschliches Leben ist sterbliches Leben, diese Haltung ist rar geworden." In einer Gesellschaft, die den Tod zunehmend ausschließe, sei es eine Aufgabe der Kirche, auch darauf den Blick zu lenken. Denn "Kirche ist nicht von dieser Welt", betont er. Daraus leitet Richert nicht nur eine "kritische Distanz zum weltlichen Geschehen" ab. Denn nur von diesem Standpunkt aus könne man gesellschaftliche Vorgänge genau betrachten und beurteilen. Kirche müsse und könne durch den Zusammenhalt, den Glaube und Bekenntnis bieten, auch ein integrativer Ort sein, an dem "all’ die zusammenfinden, die in der Gesellschaft nur schwierig zusammenpassen".

Seit Oktober ist der Dekan im Amt. Mit Einschränkungen, sagt er, sei er in Künzelsau angekommen. Noch habe er nicht alle Zusammenhänge erfasst, und längst noch nicht alle Pfarrer und Gemeinden und Dienststellen besucht. "Das dauert noch", sagt er lächelnd. Wohl fühlt er sich indes längst in Hohenlohe: "Die Künzelsauer haben ein helles, freundliches Wesen."

Doch in einigen Bereichen hat der Dekan längst begonnen, Akzente zu setzen. Mit den Damen vom Gemeindedienst hat er sich zusammengesetzt. "Sie sind mir sehr wichtig, denn sie haben das Ohr am nächsten bei den Menschen."

Lebensberatung

Menschen in besonderen Lebenssituationen Beistand zu geben, ist ihm wichtig. Zumal er die "Vorherrschaft der Psychologie" kritisch sieht. Ihm schwebt als Gegenpol eine theologische Lebensberatung vor. Leider würden viele den Pfarrer vor Ort nicht mehr als Seelsorger wahrnehmen. Mit Kollegen trifft er sich deshalb zu einem theologischen Zirkel. "Das ist gut angenommen worden", sagt er. Gesprächszirkel möchte er auch gerne für Politik und Wirtschaft initiieren, wie er es bereits an seinem letzten Wirkungsort in Sindelfingen mit Erfolg praktiziert hat. Nichtöffentlich, versteht sich, sonst verliere ein solcher Gesprächskreis seinen Charme.

Und als Freund der Philosophie möchte er auch in Künzelsau mit Vorträgen von hochkarätigen Referenten wie Robert Spaemann in die Öffentlichkeit gehen. Dass sich dafür ein Publikum im ländlichen Raum findet, davon ist er fest überzeugt: "Auf dem Land trifft man oft ein wesentlich aufgeschlosseneres Publikum als in Zentren. Es kommt nur darauf an, die richtigen Fragen zu stellen."




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