Ein Ort, der Generationen behütete

Künzelsau - Emma Gairhos weiß noch genau, wie es ihr ging, als sie das erste Mal den Kindergarten Karlspflege in Künzelsau betreten hat. Nun ist dieser Tag schon über 88 Jahre her und dennoch erinnert sich die Künzelsauerin noch an fast jedes Detail aus dem Jahr 1924.

Von unserer Redakteurin Stefanie Jani

Ein Ort, der Generationen behütete
Mit Vesperbrot und Tasche: Das war und ist die Kindergarten-Ausrüstung.

Künzelsau - Emma Gairhos weiß noch genau, wie es ihr ging, als sie das erste Mal den Kindergarten Karlspflege in Künzelsau betreten hat. Nun ist dieser Tag schon über 88 Jahre her und dennoch erinnert sich die Künzelsauerin noch an fast jedes Detail aus dem Jahr 1924. Die 91-Jährige lässt die Zuhörer, die zum 150. Geburtstag des Kindergartens gekommen sind, an diesen Gefühlen teilhaben.

Wie auch heute war die Mutter an diesem wichtigen Tag dabei. Der Name der guten Stube hat sich allerdings geändert. Man ging in die Kinderschule, nicht in den Kindergarten, in dem sich zwischen 80 und 100 Kinder tummelten. "Meine Schulschürze hatte Rüschen an der Schulter", sagt die Künzelsauerin.

Neue Welt

Eine ganz neue Welt mit vielen neuen Menschen sei es gewesen. Besonders stolz sei sie damals auf ihr blaues, selbstgestricktes Vespertäschchen aus Baumwolle gewesen. Doch die Kinderschwester nahm es ihr ab. "Ich dachte damals, das sehe ich nie wieder", berichtet die 91-Jährige und seufzt fast ein wenig bei diesem Gedanken. Als die Vesperpause naht, bekommt sie es tatsächlich wieder − sogar noch mit dem Butterbrot darin. Die Rentnerin macht eine Pause und blickt in die Zuschauer, die sich mit Regenschirmen und Kapuzen gegen die Nässe vor dem Kindergarten schützen.

Der Regen hält an. Ans Nachhausegehen denkt niemand. Weder Eltern, Kinder, Stadträte oder Großeltern. Stolze Eltern knipsen Bilder, ziehen die Kapuzen der Kinder zurecht und lauschen weiter, wie die Kinderschule in den 20er Jahren war. So erfahren die Zuhörer, dass es damals ein Strafbänkchen für unartige Kinder gab. "Da saß ich schon das ein oder andere mal", gibt Gairhos zu. Eine "Stillsitzerin" sei sie nie gewesen. Die besondere Attraktion im Kindergarten war zum Beispiel ein Holzschubkarren.

Um 11 Uhr war Mittagspause. Heute lässt sich nur erahnen, welch kleine Völkerwanderung es in den engen Gassen gab, als die 100 Kinder nach Hause eilten.

Das Bild des heutigen Kindergartens ist anders. Rund 42 Kinder toben in den Räumen. Sie kommen aus 18 verschiedenen Ländern.

"Das muss ganz anders gewesen sein", sagt Manuela Wagner. Die 50-Jährige leitet den Kindergarten seit 1990. Mit ihr beaufsichtigen insgesamt vier Erzieherinnen rund 45 Kinder. Wagner meint lachend: "Mit so wenig Personal, das war mit Sicherheit nicht einfach. Vielleicht sind die Kinder ganz stillgesessen." Heute habe sich Betreuung geändert und Kinder würden individuell gefördert.

Auch die heutigen Kindergartenkinder gedenken der früheren Zeiten und entführen die vielen Zuschauer mit einem Singspiel in die Vergangenheit.

Obhut

"Bei uns waren schon Generationen in der Karlspflege", erzählt Anette Schwarz. Mit einer Feuershow bedankten sich die Künzelsauerin und Kathrin Grund.

Ilona Zuljic erinnert sich gerne an ihre Zeit. Und weil sie den Betreuerinnen vertraut, hat die heute 36-Jährige alle vier Söhne, die zwischen zwölf und fünf Jahre alt sind, in die Obhut der Karlspflege gegeben.

Ein Ort, der Generationen behütete
Die Erzieherinnen wohnen nicht mehr in den oberen Räumen, wie früher. Stattdessen gibt es jetzt mehr Platz zum Spielen.Fotos: privat
Ein Ort, der Generationen behütete
Achtung Feuer: Anette Schwarzmann (rechts) und Kathrin Grund wussten ihre Kinder gut aufgehoben. Die beiden Mütter bedankten sich mit einer Feuershow.Foto: Jani