Braunes Haus in grünem Umhang

Künzelsau - Das Gebäude in der Lindenstraße 1 ist eng mit der Stadtgeschichte verknüpft. Derzeit ist es grün verhüllt: Die Sandsteinfassade wird saniert. Erbaut hat das stattliche Haus ein Künzelsauer Industriepionier.

Von Matthias Stolla

Braunes Haus in grünem Umhang
Grün verhüllt: Das Haus Lindenstraße 1 ist eingerüstet. Die Eigentümer lassen die Fassade restaurieren. Ein Teil der Steine muss ersetzt werden.

Künzelsau - Stefan Kraut muss schmunzeln. „Nein, einen braunen Anstrich hatte das Haus nie“, sagt der Stadtarchivar. Allerdings hat die Geschichte des Gebäudes in der Lindestraße ein braunes Kapitel. Derzeit ist es grün verhüllt: Die Sandsteinfassade wird saniert. Erbaut hat das stattliche Haus ein Künzelsauer Industriepionier.

„Heinr. Reger Cie.“ (Heinrich Reger und Compagnie) steht auf der Fassade. Das Hauses war einst die Keimzelle der größten Künzelsauer Fabrik in der Vorkriegszeit. Reger gehörte zur fünften Generation einer Gerberfamilie, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus Niedernhall eingewandert war.

Leder Heinrich Reger kaufte im damaligen Gerberviertel ein Haus, das er wenig später abbrechen ließ. An der gleichen Stelle errichtete er ein dreistöckiges Wohnhaus, heute das Gebäude Lindenstraße 1. Im Jahr darauf eröffnete Reger auf der gegenüber liegenden Straßenseite eine Lederhandlung.

Mit Carl Kinzelbach und Heinrich Munder gründete Reger ein „Leder- und Landesproduktengeschäft“, das 1855 den Namen Heinr. Reger Cie. annahm. In der Oberamtsbeschreibung aus dem Jahr 1883 steht: „Von Fabriken sind zu nennen: die durch Dampfkraft betriebene Lederfabrik von Reger und Com., welche ihren Hauptabsatz nach Norddeutschland, Bayern, Rheinpreußen und Baden, weniger in Württemberg selbst hat.“ 30 Arbeiter beschäftigte das Unternehmen damals.

Braunes Haus in grünem Umhang
Was nicht mehr zu retten ist, muss weg: Jürgen Schumacher nimmt sich marode Stellen an der Sandsteinfassade vor. Umwelteinflüsse haben dem Material schwer zugesetzt.Foto: Matthias Stolla

Der Lederhandel hatte in den Gründerjahren vor dem Ersten Weltkrieg große Bedeutung in Künzelsau. Im Heimatbuch aus dem Jahr 1981 findet sich eine ganze Seite mit Zeitungsanzeigen von Wilhelm Hartmann, Karl Setzer, Wilhelm Lumpp und eine heute etwas befremdlich anmutende Annonce von Carl Reger: Zwei Schafe, ein Rind und eine Ziege springen munter in eine Maschine, um sich von ihr zu Schuhen verarbeiten zu lassen.

Heinrich Reger selbst starb im März 1902 an einem Blasenleiden. Seine Teilhaber beziehungsweise deren Söhne führten das Unternehmen weiter. 1908 geriet die Firma in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Es kam zu einem Gerichtsstreit zwischen den Parteien Munder und Kinzelbach. 89 Beschäftigte zählte die Firma. Heinrich Munder übernahm sie 1910 komplett und benannte sie in Leder- und Schuhfabrik von Heinrich Munder um.

Im Dunkel

Die weitere Geschichte des Hauses taucht für zwei Jahrzehnte ins Dunkel ab. Laut Stadtarchiv war darin 1933 eine Ausstellung „zu Museumszwecken“ aufgebaut. Im Heimatbuch findet sich eine Ortsbeschreibung, die der damalige Bürgermeister Georg Pflüger geschrieben hat. Darin heißt es: „Das für die Armen- und Stiftungspflege 1935 gekaufte sogenannte Reger'sche Haus an der Lindenstraße wurde gründlich instand gesetzt; es dient teils als Heimatmuseum, teils den Organisationen der NSDAP als Geschäftszimmer und Versammlungsraum.“ Von da an wird das Reger'sche Haus zum braunen Haus. Nach den Unterlagen von Archivar Stefan Kraut waren unter anderem die örtliche SA, Hitler-Jugend, Pioniersturm und die NSDAP-Ortsgruppe darin untergebracht. 1938 musste das Museum weichen.

Museum

1956 kehrte die stadtgeschichtliche Ausstellung zurück in den zweiten Stock des Reger'schen Hauses. 1970 verkaufte die Stadt das Gebäude an den Elektromeister Fritz Horlacher. Dessen Witwe Käthe Horlacher (79) erinnert sich noch an die Nationalsozialisten in Haus: „Im Erdgeschoss war ein Büro von denen. Damals gehörte das Haus noch der Stadt.“ Das Museum blieb bis 1997 in angemieteten Räumen im zweiten Stock, dann wurde es in ein Depot ausgelagert. Dort liegen die Bestände, bis das Haus Wüst in der Schnurgasse 10 fertig saniert ist und ihr neues Domizil wird. Im Reger'schen Haus wohnen heute Studenten zur Miete.