Busfahrt zur Laga wird Herausforderung

Hohenlohe  Rollstuhlfahrer testen, wie sie die Strecke zwischen Krautheim und Öhringen mit dem ÖPNV bewältigen.

Von unserer Redakteurin Juliane Renk

Busfahrt zur Laga wird Herausforderung
Busfahrer Jürgen Stutz hilft Birgit Gotthardt beim Ein- und Aussteigen. Durch den geringen Platz in den Bussen hat meist nur ein Rollstuhl Platz. Fotos: Juliane Renk

Vier Freundinnen aus Krautheim wollen mit dem Bus zur Landesgartenschau nach Öhringen fahren. Doch das wird zur Herausforderung, wenn sie wie Sandra Ingrisch, Jutta Zitzwitz, Anita Schäfer und Birgit Gotthardt im Rollstuhl sitzen.

Statt einfach loszufahren, haben sich die Frauen beim Nahverkehr Hohenlohekreis angemeldet. Nur so können sie fast sicher sein, dass ein Bus mit Rampe zur Haltestelle kommt. Trotzdem gibt es immer wieder Probleme, weil der Platz nicht reicht oder in den straffen Zeitplan nicht eingeplant ist, dass der Busfahrer helfen muss.

Zu wenige Niederflurbusse

"Ich finde es doof, dass wir nur mitfahren können, wenn ein Niederflurbus fährt. Gerade in Krautheim sollten doch grundsätzlich solche Busse fahren", sagt Sandra Ingrisch. Die 44-Jährige spielt darauf an, dass sich dort, im Eduard-Knoll- Wohnzentrum, mehr als 100 Personen aufhalten, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind.

Sandra Ingrisch will wissen, ob sie mit ihren Freundinnen zur Landesgartenschau nach Öhringen fahren könnte. "Ich möchte das auch für andere Behinderte ausprobieren. Ich will ein Vorreiter sein und ihnen helfen", erklärt die 44-Jährige. Angeregt hat die Aktion Kreisrätin Catherine Kern (Grüne). Sie und Bundestagsmitglied Harald Ebner begleiten die Frauen.

Wie weit ist die Inklusion tatsächlich

Busfahrt zur Laga wird Herausforderung
Mithilfe dieser Rampe können die Rollstuhlfahrer in den Laden.

"Ich finde es erschreckend, dass so viele Leute am Rand unserer Gesellschaft leben und gar nicht teilnehmen können. Das hat mich ganz arg beschäftigt", sagt Kern. "Ich wollte sehen, wie weit die Inklusion bei uns tatsächlich ist."

Es ist kurz nach 10 Uhr, als ein Bus am Steig 6 in Krautheim stoppt. Doch das Fahrzeug hat eine Treppe und keine Rampe. Glücklicherweise ist es nicht der Bus, den Ingrisch und ihre Freundinnen brauchen. Er kommt wenige Minuten später und hat eine Rampe, die Busfahrer Jürgen Stutz für sie herunterklappt.

Allerdings ist der Ausflug für zwei von ihnen schon zu Ende, bevor er angefangen hat. Nur zwei Rollstuhlfahrer passen mit Mühe und Not in den Bus. Eigentlich ist nur einer zulässig, denn sonst ist der Fluchtweg versperrt. Dass der Fahrer den Gästen beim Einstiegen hilft, ist nicht eingeplant. Würde er dies auf seiner Route mehrmals tun, könnte er den Fahrplan nicht einhalten.

"Mir geht ganz schön der Popo ab."

Birgit Gotthard (48) ist froh, als sie im Bus sitzt. Doch dann merkt sie, dass alles anders ist, als im Bus des Eduard Knoll Wohnzentrums. Ihr Rollstuhl ist nicht an drei oder vier Punkten angegurtet und sie hat keinen Gurt um. Der Stuhl ist nirgendwo festgemacht.

 
Busfahrt zur Laga wird Herausforderung
In der Poststraße haben die Rollifahrer genug Platz.

"Mir geht ganz schön der Popo ab. Ich habe in den Armen kein Gefühl und ich habe Angst, dass ich oben aus dem Stuhl davon rutsche, wenn der Bus bremst", sagt Gotthard. In den Kurven verzieht die 48-Jährige ihr Gesicht, weil sie Angst hat. "Aber ich hab’ gesagt, ich zieh’ das durch", erklärt sie tapfer ihrer Begleiterin. Zum Reisen im Rollstuhl gehört Mut. An einer der nächsten Haltestellen steigt eine Frau mit Trolley ein. Sie kommt nicht an den Rollstuhlfahrerinnen vorbei und bleibt vorn im Bus sitzen.

"Das war eine Weltreise"

Die Fahrt geht an Belsenberg vorbei. Während die Fahrgäste den Ausblick genießen, sieht Gotthardt kaum etwas. Denn just an der Stelle, wo man Rollstühle abstellen kann, ist ein Helikopter auf das Fenster gedruckt. Kurz nach 11 Uhr erreicht der Bus Künzelsau. Sie könnten jetzt im Anschluss nach Waldenburg und dort den Zug nehmen oder in rund 20 Minuten mit dem Niederflurbus weiter direkt nach Öhringen. Die Rollstuhlfahrer entscheiden sich für den Bus, denn wer weiß schon, ob sie in den Zug rollen können. Kurz nach 12 Uhr ist für die Freundinnen Endstation am Bahnhof in Öhringen.

"Das war eine Weltreise", sagt Ingrisch. Eine Reise, die eigentlich nur für einen Rollstuhlfahrer allein möglich ist. Catherine Kerns Fazit lautet: "Die Fahrt zeigt, dass wir bei Inklusion noch lange nicht am Ziel sind." 

 

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