Wissenschaft lernt von der Praxis

Neuenstein  Neuenstein - Hirnforscherin Katrin Hille hospitiert zurzeit an der Gemeinschaftsschule Neuenstein. Sie hat gemerkt: Theorie ist nicht immer gleich Praxis. Eigentlich arbeitet sie am Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm.

Von unserer Redakteurin Yvonne Tscherwitschke

Wissenschaft nutzt Intelligenz der Praxis

Dr. Katrin Hille vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (rechts) diskutiert mit Konrektorin Eva Diem über gute Schule.

Foto: Tscherwitschke

 Yvonne Tscherwitschke

Neuenstein - Eigentlich sitzt Dr. Katrin Hille an einem Schreibtisch im Transferzentrum für Neurowissenschaften und lernen in Ulm. Sie forscht, wie die Hirnströme das Lernen beeinflussen. Nun ist die Forschungsleiterin für vier Wochen an der Gemeinschaftsschule Neuenstein, um "die Intelligenz der Praxis zu befragen."

Sie hat nach nur zwei Wochen festgestellt: Theoretisch von einem Problem zu wissen, heißt nicht, eine gute Lösung zu haben. In Neuenstein erlebt sie täglich, wie kreativ Lehrer mit unterschiedlichsten Problemen umgehen. Und sie ist oft selbst Teil der Problemlösung.

Bewegung hilft

Fall eins: Moritz ist clever. "Ein Kind mit Gymnasialempfehlung", weiß Hille. "Aber Moritz kann sich nicht konzentrieren. Nach einer Aufgabe macht er zu." Sie hat ihn zum Treppenlaufen auf den Hof geschickt, als er nicht mehr konnte noch zwei Runden draufgepackt. Und dann das Kind an den Schreibtisch zurück geschickt.

Moritz machte die nächste Aufgabe. Hille: "Sicher wusste ich theoretisch um den Nutzen von Bewegung für die Aufmerksamkeitsressourcen. Das war eines unserer Forschungsthemen. Doch wie die Umsetzung in der Praxis gelingt, war neu."

Unter dem Tisch lernen

Fall zwei: Drei Jungs kabbeln sich ständig. Stören. "Sie wollten lieber unter dem Tisch, in einer Höhle lernen", erzählt Hille. Sie war skeptisch, erlaubte es dann, krabbelte mit unter den Tisch. "Und siehe da: Ohne Ablenkung hat das bei denen funktioniert."

Fall drei: "Es ist schwierig für die Lehrer, nicht die zuerst zu berücksichtigen, die sich am lautesten melden", sagt Hille. In den Klassen fünf in Neuenstein hat sie die Lösung gesehen. "Hier strecken die Schüler nicht, wenn sie während der selbständigen Arbeit Hilfe brauchen, sie hängen ihr Namenskärtchen an die Tafel", beschreibt Konrektorin Eva Diem die Lösung. "So sieht die Lehrerin, wer als nächstes dran ist. Und der Schüler sieht, wie lange er warten muss."

Vernetzen von Wissenschaft und Schule

All diese Anregungen wird Hille in Neuenstein und bis Herbst in fünf weiteren Schulen in ganz Deutschland und Österreich sammeln. Sie hat jetzt schon erfahren: "Die Praxis liefert spannende Antworten."

Praktikerin Eva Diem spielt den Ball aber wieder zurück zu den Wissenschaftlern: "Ich muss aber auch wissen, was in der Forschung läuft. Denn nur wenn ich weiß, wie wichtig die Person des Lehrers ist, kann ich damit richtig umgehen." Die Konrektorin weiß: "Unterricht ist mehr als die Vermittlung von Wissen." Und daraus folgt aber auch: "Je besser die Arbeit des Lehrers mit den Schülern gelingt, desto besser ist auch die fachliche Präsenz." Einig sind sich Diem und Hille: "Wenn Schüler ein Thema selbst erarbeiten, haben sie es später noch greifbar."

 

 

Individuell Aber auch das selbständige Arbeiten auf unterschiedliche Niveaus müsse von Schülern wie Lehrern erst gelernt werden. Hille hat in Neuenstein schon viele Anregungen bekommen. Noch unklar ist ihr allerdings, in welcher Form die Erkenntnisse wieder der Praxis zugänglich gemacht werden, als Buch, Zeitschrift, Film oder in der Lehrerfortbildung. "Das wäre schon wichtig", sagt Diem.