Kritische Mahnreden oder ideologische Hetze?

Öhringen/Region  Eine Rednerin bei den Öhringer Demos gegen die deutsche Asylpolitik gehört zum Umfeld des Bundes für Gotterkenntnis, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Von Yvonne Tscherwitschke und Daniel Stahl

Gebete und Hetzreden zur Asylpolitik
In Öhringen wurde wieder für und gegen Asyl demonstriert. Foto: Tscherwitschke

Über die Weihnachtsfeiertage war es ruhig in der Öhringer Innenstadt. Weder das Bündnis „Hohenlohe wacht auf“ noch die Gegendemonstranten gingen auf die Straße. Samstag fand – zeitgleich mit der Pegida-Demonstration in Köln – wieder eine Kundgebung in Öhringen statt.

Eröffnet wurde der Rede-Reigen von Sonnhild Sawallisch. Die junge Frau aus dem Kochertal hat die vergangenen Monate als scharfzüngige Rednerin auf sich aufmerksam gemacht. Am Samstag forderte sie eine Bürgerwehr. In den Reden war zu hören: „Es lebe das heilige Deutschland.“

Engagiert

Sawallisch schreibt einen Blog, aber auch Briefe an Politiker. Unter den Adressaten: Öhringens Oberbürgermeister Thilo Michler ebenso wie Bundestagsabgeordnete. Die Inhalte der Briefe und Reden befremden. Sind sie Ausdruck einer besorgten Bürgerin? Oder schwingt rechtsextremes Gedankengut mit?

Als sozial engagierte Frau wird Sonnhild Sawallisch im Kochertal beschrieben. Gleiches gelte für die gesamte Familie. Dass die Kinder allesamt keltische Namen haben, wird gemeinhin als Spleen intellektueller Bürger abgetan. Die Mutter ist Apothekerin, der Vater Augenarzt. Mitbewohner im Kochertal sagen, dass Sawallisch sich vor einen Karren habe spannen lassen, ohne zu wissen, wohin die Reise geht. Doch hinter Sawallischs Auftritten steckt mehr. Ihre Familie gehört zu einer rechten Gruppierung, die ihre Wurzeln in der völkischen Bewegung des 19. Jahrhunderts hat: der Bund für Gotterkenntnis.

Weltanschauung 

Ziel der Gruppe ist laut deren Homepage die Pflege der Erkenntnisse von Mathilde Ludendorff. Die heiratete 1926 Erich Ludendorff, der im Ersten Weltkrieg General und danach zeitweise Hitlers Wegbegleiter war. Zusammen mit Hitler führte er am 9. November 1923 von München aus einen misslungen Putschversuch gegen die Reichsregierung an. Später trennten sich die Wege von Ludendorff und Hitler. Das „Haus Ludendorff“ gab jedoch ab 1927 eine Reihe von Schriften heraus. Darin entwarf es eine völkische Ideologie der Gotterkenntnis, auch begründet auf Blutsbewusstsein und Rassestolz.

Sonnhild Sawallisch war Rednerin bei der Demo gegen die deutsche Asylpolitik am 21. November in Öhringen. Foto: Archiv/HZ

Haupt-Organisation der Ludendorff-Anhänger ist der Verein „Bund für Gotterkenntnis“ (BfG) – beobachtet vom Verfassungsschutz. Vereins-Gründerin Mathilde Ludendorff vertrat nach Ansicht des Landesamts für Verfassungsschutz Baden-Württemberg (LfV) eine antiparlamentarische, rassistische und antisemitische Weltanschauung. Der Verein richte sich „gezielt an rechtsextremistisch geprägte Familien“, heißt es beim Verfassungsschutz in Brandenburg. Auch der heutige Verein sei eine antidemokratische Organisation. Er „vertritt antisemitische und rassistische Positionen“, sagt ein LfV-Sprecher.

Vorsitzende des Vereins ist laut Vereinsregister seit 2010 Gudrun Klink aus Ingelfingen. Ihr Mann Hartmut Klink ist Gesellschafter einer GmbH, die ein Ludendorff-Gebäude in Brandenburg betreibt. Tochter Sonnhild Sawallisch ist ebenfalls in den Strukturen eingebunden. Im Oktober schrieb sie einen offenen Brief, den sie auch an die Hohenloher Zeitung verschickte. Den gleichen Brief hat sie in der Ludendorff-Zeitschrift „Mensch und Maß“ veröffentlicht. In der Oktober-Ausgabe – Ludendorffer verwenden das altdeutsche Wort Gilbhart – ist der Text ab Seite 490 abgedruckt.

Zentrum Hohenlohe

Anhänger des Bunds für Gotterkenntnis treffen sich regelmäßig im Hohenlohischen – in Herboldshausen im Landkreis Schwäbisch Hall. In dem kleinen Ort bei Kirchberg besitzt der Verein ein Haus samt über 4200 Quadratmeter großem Grundstück. Dort veranstalten Ludendorffer offenbar Schulungen und treffen sich zu Sonnwendfeiern. Im Ort sind sie als nett und unauffällig bekannt.

Auch mit anderen rechtsextremen Gruppen sind sie vernetzt. Familie Klink war im Sommer 2014 bei einer Feier auf dem Rittergut Guthmannshausen in Thüringen. Das Gut gehört laut Verfassungsschutz einem rechtsextremistischen Verein. Bei der Feier sprachen laut Programm auch Holocaust-Leugner.

Auf seiner Internetseite erklärt der BfG, dass „Gleichberechtigung der verschiedenen Rassen und ihrer Völker“ wichtig sei und distanziert sich vom Nationalsozialismus. Auf der Homepage warnt der Verein auch vor dem „Zustrom von Menschen fremder Abstammung in unser Land“, der „das Überleben unseres Volkes schwer gefährdet“.

Rassentheorie 

Das passt zur Ludendorff-Lehre, die vor der Rassenmischung warnt. Sie unterscheidet zwischen Lichtrassen und Schachtrassen – manche Völker sind demnach besser zur Gotterkenntnis geeignet als andere. Dazu kommen Verschwörungstheorien. In der Vorstellung vieler Ludendorffer steuert das Judentum überstaatliche Mächte wie die USA, die alle Völker unterwerfen wollen.

Solche Ideen vertritt auch Sonnhild Sawallisch. „Das Überleben unseres Volkes als Deutsche und auch das Überleben der anderen europäischen Völker in ihrer jeweiligen Art steht auf dem Spiel“, schreibt sie. Auf ihrer Facebook-Seite empfiehlt sie einen Link mit dem Hinweis: „wenn man sich wie Putin vom Joch der Juden befreien will“.

Mit öffentlichen Aussagen ist Sawallisch eine Ausnahme. Ludendorffer agieren gewöhnlich still. Mit der Hohenloher Zeitung wollte Sawallisch nicht sprechen. Trotz mehrerer Anfragen seit Freitag per Telefon und E-Mail – an dieselbe Adresse, von der sie erst am Sonntag einen Leserbrief geschickt hat.

 

Gebete

130 Menschen hatten sich am Samstag zeitgleich zu der Kundgebung vor der Alten Turnhalle zum ökumenischen Friedensgebet vor der Kirche St. Joseph eingefunden. Weitere Termine für das gemeinsame Friedensgebet sind 13. Februar, 12. März und 9. April. Pfarrer Klaus Kempter lud die Teilnehmer zu einer Kundgebung nach Stuttgart am 16. Januar ein. von