80 Anwohner nach Chemieunfall evakuiert

Künzelsau - Beim Ausräumen einer alten Apotheke ist in der Nacht auf Dienstag in Künzelsau ein giftiges Lösungsmittel ausgetreten. Mehrere Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Fünf Leichtverletzte wurden in Krankenhäuser eingeliefert.

 

Künzelsau - Beim Ausräumen der Alten Apotheke ist am Montagabend in Künzelsau ein Glaskolben mit rund 30 Litern eines giftigen Lösungsmittels zerbrochen. 80 Anwohner mussten ihre Häuser daraufhin vorübergehend verlassen - fünf Menschen kamen mit Atembeschwerden in ein Krankenhaus.

In der Stadthalle Künzelsau richteten die Rettungskräfte eine Notunterkunft mit zahlreichen Feldbetten ein. Die betroffenen Menschen wurden hier medizinisch erstversorgt. Gegen 3 Uhr konnten die Anwohner wieder in ihre Wohnungen zurückkehren. Das Stadtzentrum wurde großräumig abgesperrt.

 

 

Apothekenkeller

Um kurz nach 22 Uhr meldeten sich besorgte Anrufer bei der Polizei, weil es im Bereich der Schlossgasse "komisch riechen" würde. Eine  Streifenbesatzung stellte kurz darauf vor Ort einen extrem unangenehmen Geruch fest. Bei der Suche nach der Ursache trafen die Beamten auf eine ältere Frau.

Die 89-Jährige gab zu verstehen, dass sie dort früher eine Apotheke betrieben habe und im Keller des Hauses noch ein kleines Museum in Form eines Apothekenkellers unterhalten würde. Gegen 19 Uhr habe sie einen Nachbarn gebeten, ein Lösungsmittel von einem Glaskolben in einen Plastikbehälter umzufüllen.

Als der 71-Jährige den Glasbehälter aus dem Haus trug und gerade den Ausgang zur Schlossgasse erreicht hatte, brach plötzlich der Boden des Behälters heraus und die Flüssigkeit verteilte sich auf der Straße. Der Rentner versuchte rund zwei Stunden den Gestank durch Verdünnen mit Wasser einzudämmen, was ihm aber nicht gelang.

Die Polizisten konnten schließlich erst gegen 23 Uhr in Erfahrung bringen, dass es sich bei der ausgelaufenen Flüssigkeit um sogenanntes Kresol-Phenol handelt. Die 89-Jährige hatte diese Lösung vor rund 20 Jahren als Arzneimittel selbst angefertigt.

Großalarm

Eine Kresol-Seifenlösung gilt als hochgiftig. Der Stoff ist sowohl Bestandteil von Desinfektionsmitteln, wird aber auch zur Herstellung von Arzneimitteln und Kunststoffen verwendet. Bei Kontakt mit diesem Stoff können Kopfschmerzen, Husten- und Brechreiz bis hin zu Bewusstlosigkeit und Atemlähmung auftreten.

Da mehrere Anwohner bereits über akute Halsschmerzen klagten, wurden von der Einsatzleitung der Polizeizentrale die Rettungsleitstelle und die Feuerwehr alarmiert. Das DRK löste daraufhin Großalarm aus. Der Bereich um die Schlossgasse wurde weiträumig abgesperrt und rund 80 Bewohner evakuiert.

ABC-Trupp

Von der Feuerwehr wurde der ABC-Trupp aus Öhringen angefordert. Die Feuerwehr übernahm die weitere Verdünnung des ausgelaufenen Lösungsmittels, die Spülung der Kanalisation und die Durchlüftung des Gebäudes.

Von dem Vertreter der unteren Wasserbehörde wurde der sofortige Aushub des kontaminierten Untergrunds angeordnet und von einer angeforderten Baufirma noch in der Nacht angegangen.

Vom DRK wurden in der Nacht 80 Personen, darunter zehn Feuerwehrleute, behandelt. Fünf Personen, die vorsorglich stationär ins Krankenhaus eingeliefert wurden, konnten am Nachmittag wieder entlassen werden.

Neben den eingesetzten Polizeikräften waren vier Notärzte und 38 Rettungssanitäter sowie 52 Feuerwehrleute im Einsatz.

Die Ermittlungen dauern noch an.Die Polizeidirektion Künzelsau rät allen betroffenen Personen, sofort einen Arzt oder das Krankenhaus aufzusuchen. red



Chemieunfall in Künzelsau - 10.07.12 auf einer größeren Karte anzeigen