Dicke Luft bei Audi und Mercedes

Neckarsulm/Stuttgart  Beim Autohersteller Audi gibt es zunehmend Streit wegen der Produktion künftiger Elektroautos und Geländewagen. Beim Daimler-Konzern wächst der Druck im Dieselskandal.

Von Alexander Schnell, Manfred Stockburger und dpa

Beim Autohersteller Audi gibt es zunehmend Streit wegen der Produktion künftiger Elektroautos und Geländewagen. Bei der Betriebsversammlung am Donnerstag am Standort Neckarsulm machten die Arbeitnehmervertreter ihrem Unmut Luft und kritisierten den Vorstand teilweise scharf. „Wir brauchen ein volumenstarkes, zukunftsorientiertes Q-Modell für Neckarsulm“, forderte Betriebsrat Martin Lederer in seiner Rede.

Hintergrund sind offenbar Diskussionen um den elektrischen Q5 (Start: 2021). Für dessen Produktion sind nach Informationen der Heilbronner Stimme die Standorte Neckarsulm, Ingolstadt und Mexiko im Rennen. Die ersten beiden Elektroautos, die Audi für 2018 und 2019 angekündigt hat, werden im belgischen Brüssel vom Band laufen.

Audis Einkaufsvorstand Bernd Martens betonte in seiner Rede vor den Beschäftigten, dass Audi „künftig jeden Standort elektrifizieren wird“. Fest steht bislang allerdings nur, dass Modelle aus Neckarsulm auch als Plug-in-Hybride angeboten werden sollen. Ein reines E-Auto ist bisher nicht vorgesehen, ebenso wenig ein Geländewagen der Q-Reihe.

Kritik bei der Betriebsversammlung 

Nach der Verhaftung des ehemaligen Neckarsulmer Entwicklers Giovanni P. in der vergangenen Woche ist die Verunsicherung im Neckarsulmer Audi-Werk wieder gestiegen, was schon bei der A8-Premiere am Dienstag zu spüren war. Auch Vertreter von Zulieferern erwarten, dass der Druck auf das Unternehmen und seine Spitze weiter steigt – bei der Betriebsversammlung spielte der Dieselskandal aber nur eine untergeordnete Rolle.

Bei Kolbenschmidt in Neckarsulm sei der rückläufige Dieselabsatz noch nicht angekommen, sagte Geschäftsführer Alexander Sagel bei einer Presseveranstaltung in Neckarsulm. Die Stahlkolbenlinie arbeite unverändert auch am Wochenende rund um die Uhr. Hauptkunde ist Mercedes, der die Kolben aus Neckarsulm in leistungsstarken Aggregaten einsetzt.

Dicke Luft bei Daimler

Beim Daimler-Konzern herrscht in Sachen Abgas allerdings zunehmend dicke Luft: Die Ermittlungen zu möglichen Abgasmanipulationen beim Stuttgarter Autobauer betreffen laut Medienberichten mehr Diesel-Fahrzeuge als gedacht. Nach Informationen von „Süddeutscher Zeitung“, NDR und WDR könnten bei mehr als einer Million Fahrzeugen Motoren eingebaut sein, bei denen die Abgasmessungen gefälscht wurden. Das gehe aus einem Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Stuttgart hervor, den die Zeitung und die Sender einsehen konnten.

Ungewöhnlich schnell hat diesmal Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) reagiert. Bereits einen Tag nach dem Bekanntwerden der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Daimler wegen zu hoher Abgaswerte bei Dieselmotoren hat der CSU-Politiker Vertreter des Autokonzerns einbestellt. „Wir werden sehen, was da rauskommt“, sagte Dobrindt am Donnerstag zur eilig einberufenen Sondersitzung der Untersuchungskommission, die den Dieselskandal aufarbeiten soll.

Daimler soll fast ein Jahrzehnt lang Fahrzeuge mit einem unzulässig hohen Schadstoffausstoß verkauft haben. Insgesamt könnten bis zu eine Million Fahrzeuge mit Dieselmotoren betroffen sein, die zwischen 2008 und 2016 für Europa und die USA produziert wurden. Verschiedene Medien hatten berichtet, die Stuttgarter Staatsanwaltschaft habe in der Begründung ihres Durchsuchungsbeschlusses für eine groß angelegte Razzia im Mai diesen Verdacht erhoben. Zwei Motorreihen enthielten demnach unzulässige Abschaltvorrichtungen, mit der die Abgasreinigung bei den offiziellen Messungen auf dem Prüfstand ein- und im Straßenverkehr ausgeschaltet werde. Die umstrittene Vorrichtung sei dem Kraftfahrt-Bundesamt bei der Typgenehmigung nicht offengelegt worden.

Zetsche: „Bei uns wird nicht betrogen"

Als im Herbst 2015 beim Konkurrenten Volkswagen der Dieselskandal seinen Anfang nahm, hatte Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche für sein Unternehmen klar Position bezogen: „Bei uns wird nicht betrogen, bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert.“ Später hatte er mit dem Hinweis auf „große Spielräume in der Gesetzgebung“ seine Aussage allerdings relativiert. Zumindest die Stuttgarter Ermittler gehen davon aus, dass nicht nur getrickst, sondern manipuliert wurde.

Die Vorgaben der EU gelten tatsächlich als schwammig. Viel genutzt haben verschiedene Hersteller die Ausnahmeregelung, dass die Abgasreinigung zum Schutz des Motors abgeschaltet werden darf, manchmal schon bei in Mitteleuropa üblichen zweistelligen Plustemperaturen.

Zum konkreten Vorwurf schweigen sich jetzt alle Beteiligten aus. Das laufende Verfahren kommentiere man nicht, hieß es bei Daimler. Das Unternehmen kooperiere vollumfänglich mit den Behörden. Die Staatsanwaltschaft bestätigte lediglich, die Ermittlungen würden sich gegen zwei namentlich bekannte Beschuldigte und gegen weitere unbekannte richten.

Betroffene Motoren

Die betroffenen Motorenreihen mit den internen Kennnummern OM 642 und OM 651 sind in vielen Modellen verbaut. Die Vier- und Sechszylinder treiben auch Autos der C- und der E-Klasse an, die in besonders großen Stückzahlen verkauft werden. Dass Daimler nachträglich die Typgenehmigung entzogen wird, gilt als unwahrscheinlich. Eher droht den Besitzern ein Werkstattbesuch zur Überarbeitung der Motorsteuerung. Bisher hat der Konzern mit dem Stern auf Druck von Dobrindt schon 247.000 Fahrzeuge nachgebessert, weil die durch übermäßige Schadstoffwerte aufgefallen waren.

Der Fall beschäftigt Daimler schon seit einiger Zeit – anfangs nur in den USA, seit Ende März ermittelt aber die heimische Justiz wegen Verdachts des Betrugs und der strafbaren Werbung gegen Mitarbeiter. Abgas-Manipulationen sind Daimler bisher nicht nachgewiesen worden, auch wenn Umweltorganisationen sowie US-Anwälte diesen Vorwurf erheben.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordert ein konsequentes Vorgehen und drohte mit einer Klage. Geschäftsführer Jürgen Resch: „Sollten sich das Bundesverkehrsministerium beziehungsweise das Kraftfahrt-Bundesamt weiter weigern, eine vollwertige Nachbesserung der Fahrzeuge anzuordnen oder die Typzulassung zu entziehen, wird die DUH den Rechtsweg beschreiten.“

Daimler-Stammwerk soll Batterien und E-Antriebssysteme bauen

Daimler will in seinem Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim künftig Batterien und Antriebssysteme für Elektroautos bauen. Das haben Unternehmen und Betriebsrat gestern vereinbart und damit ihren Streit über die künftige Rolle des wichtigen Werks im Neckartal beigelegt. Im weltweiten Netz der Daimler-Standorte bleibe Untertürkheim auch im Elektroauto-Zeitalter das führende Werk in Sachen Antriebstechnologie, hieß es. Gut 250 neue Stellen würden geschaffen und bestehende langfristig gesichert.

Werkleitung und Betriebsrat hatten seit Wochen darüber verhandelt, welche Aufgaben das Stammwerk mit seinen rund 19.000 Beschäftigten übernehmen kann, wenn die Bedeutung des Elektroautos wie geplant zunimmt. In Untertürkheim werden Motoren, Getriebe, Achsen und weitere Komponenten hergestellt, die fünfte Säule sollen künftig die Batterien sein. Sie werden bisher nur im sächsischen Kamenz hergestellt, in China soll bis 2020 eine Produktion aufgebaut werden.

Im Gegenzug für die Produktionszusagen wurden den Angaben zufolge „Maßnahmen zur Steigerung der Flexibilität und Effizienz“ mit den Mitarbeitern vereinbart. So sollen unter anderem Schichtmodelle verändert werden. Daimler plant, dass rein elektrisch angetriebene Fahrzeuge bis 2025 einen Anteil von 15 bis 25 Prozent am Gesamtabsatz von Mercedes-Benz ausmachen.