Gerhard Sturm, der Windmacher aus dem Jagsttal

Der EBM-Papst-Chef geht heute in den Ruhestand - Unternehmen plant neues Werk im Mulfinger Teilort Hollenbach

Von Manfred Stockburger

Der EBM-Papst-Chef geht heute in den Ruhestand

Gerhard Sturm, der Windmacher aus dem Jagsttal
Gerhard Sturms Triebfeder ist der „Hunger nach mehr“, den er mit seinen Schulkameraden und Unternehmerkollegen Reinhold Würth und Albert Berner teilt. „Ich wollte mir unbedingt mal selbst Dinge leisten können.“

Foto: EBM-Papst

Wenn Gerhard Sturm heute Abend in Mulfingen sein Büro verlässt, dann schließt sich die Tür hinter einer Epoche - nicht nur für EBM-Papst, den zweitgrößten gewerblichen Arbeitgeber in der Region. Im Dezember ist Sturm 72 Jahre alt geworden. So schwer es ihm fällt, setzt sich „der Chef“ von zuletzt 9100 Beschäftigten in aller Welt zur Ruhe.

Die Chefetage im Mulfinger Verwaltungsgebäude ist frisch renoviert. Seinen Nachfolgern, neben dem Vertriebsmann Hans-Jochen Beilke kommt auch noch ein Techniker, hat er neue Schreibtische gegönnt. Davor war die Zeit scheinbar stehen geblieben in Mulfingen. Von dort aus hat Sturm aber eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Im laufenden Geschäftsjahr überspringt EBM-Papst die Umsatz-Milliarde. Einfach so die Tür hinter sich zuzumachen, ist Sturms Sache aber nicht. Erst hat er noch die Weichen für die Zukunft gestellt.

Neues Werk Im Mulfinger Teilort Hollenbach soll ein neues Werk entstehen. „Eine ausgewachsene Fabrik“, wie Gerhard Sturm betont. „Mit allem drum und dran.“ Lange haben die Hohenloher gezögert und immer wieder befürchtet, dass das rasante Wachstum - wie im Jahr 2001 geschehen - plötzlich wieder abbricht. Damals war dem Ventilatorenhersteller ein Drittel des Umsatzes weggebrochen. Doch heute zeigt die Umsatzkurve weiterhin steil nach oben. Ein Plus von 20 Prozent wird in diesem Jahr wohl herauskommen. Pünktlich zum Abschied hat er das Bauprojekt auf den Weg gebracht: „Das ist mutig in Deutschland. Aber wir machen es.“ Schließlich hat EBM-Papst 2006 allein in der Region 300 neue Arbeitsplätze geschaffen, weltweit waren es 1000. „Andere machen schon eine Pressekonferenz, wenn sie die Hälfte ankündigen“, stichelt Sturm.

Auf alle Fälle wird der Platz in der Motorenfertigung eng. Zu eng für weiteres Wachstum. Ursprünglich hätte in Hollenbach ein Hochregallager entstehen sollen. Nicht mit dem Chef: „Wir brauchen kein Hochregalläger. Ich bin ein großer Gegner von großen Lägern“, sagt Sturm. „Das taugt für uns nichts.“ Er ist ein eifriger Verfechter der Just-in-Time-Philosophie. Deswegen hat er im Umkreis von Mulfingen unzähligen Unternehmern zu ihrem „Fabrikle“ verholfen. Mit diesem Lieferanten-Netzwerk - 40 Prozent der Zulieferer sitzen im Umkreis von 50 Kilometern - könne er auf dem Weltmarkt mithalten.

Als ein solcher Satellit der Firma Ziehl-Abegg hat die EBM als Elektrobau Mulfingen 1963 begonnen. Heinz Ziehl, Sturms damaliger Chef und väterlicher Freund, verhalf dem Technischen Leiter Sturm zur eigenen Firma im Jagsttal, weil die kleinen Ventilatoren, mit denen die EBM groß geworden ist, nicht ins Ziehl-Portfolio passten. Wenn Sturm an den Anfang zurückdenkt, muss er schmunzeln: Nicht mehr als 85 Beschäftigte dürfe seine Firma haben, hieß es in der Genehmigung - um die Bauern zu schützen. Zuständige Behörde war damals das Landwirtschaftsministerium.

Strukturwandel „Ich habe das lässig unterschrieben, weil ich dachte, das wird in zehn Jahren oder so relevant“, erzählt Gerhard Sturm. Aber bereits nach zwei Jahren war die Wachstumsgrenze erreicht. Dem Strukturwandel in der Landwirtschaft hat er zu verdanken, dass der weitere Weg dennoch „relativ problemlos“ war: Ende der 60er Jahre haben im Jagsttal immer mehr Leute ihre Arbeit in der Landwirtschaft verloren. Heute beschäftigt EBM in Hohenlohe 2473 Mitarbeiter.

Lange Zeit arbeitete EBM-Papst „hinter den sieben Bergen“ im Verborgenen. Vier Jahrzehnte nach der Gründung hält ihn ein anderer Strukturwandel in Atem: Die globalisierte Welt kennt keine Verstecke: „Wir sind kein Hidden Champion mehr, sondern frei zur Jagd“, sagt der Windmacher Sturm. „Dem muss man sich stellen.“

„Ginge es nur nach dem Shareholder Value, dann wäre die Hälfte der Jobs in Hohenlohe mittlerweile verlagert“, sagt der Geschäftsführende Gesellschafter. Aber: „Wir wollen in China nicht für Europa produzieren. Da würden wir uns doch selber vernichten“, sagt er. „Und wir leben schließlich in dieser Region.“ In seiner Heimat Hohenlohe baut Sturm lieber eine neue Fabrik als Arbeitsplätze ab. „Das kann man sich aber nur leisten, wenn man besser ist als die anderen.“

Gerhard Sturm, der Windmacher aus dem Jagsttal
Das neue Hobby des Ruheständlers Gerhard Sturm: Er hat das Hotel-Restaurant Jagstmühle in Mulfingen-Heimhausen gekauft.

Foto: Archiv /Kümmerle

Zweite Stiftungsprofessur „Unsere Zukunft hängt davon ab, dass wir den technischen Anforderungen unserer Kunden entsprechen.“ Beim Thema Technik wird Sturm, der sein eigentlich geplantes Ingenieurstudium der ungeplanten Unternehmerlaufbahn geopfert hat, richtig emotional. „Wir brauchen die besten Köpfe.“ Es zeichnet ihn aus, dass er es nicht nur bei Appellen belässt. Dass er der Heilbronner Hochschule als Hochschulrat dient, ist nur die eine Hälfte seines Engagements. Einen Lehrstuhl für den Standort Künzelsau finanziert er schon. Jetzt hat er sich ein zweites Thema ausgeguckt: „Einen Lehrstuhl für den magnetischen Kreis will ich noch stiften.“

Bis zu seinem offiziellen Abschiedsfestakt Mitte Februar hat Gerhard Sturm noch Zeit, seinen Ruhestand zu verdrängen. Auch danach wird er dem Unternehmen verbunden sein - als Beiratschef. „Wir wollen Corporate Governance walten lassen“, verspricht er. Und: „Die Sitzungen sollen kein Kaffeekränzchen sein.“ Die gute Unternehmensführung dürfe auch für Sohn Ralf keine Ausnahme machen, der in den nächsten Monaten zur EBM kommen soll: „Es gibt keine Privilegien.“ Sturms Tochter ist Lehrerin in Karlsruhe.

Jagstmühle Während er bei EBM-Papst immer auf die Rendite achtet, ist Sturms Investition über die neue Firma Jagsttal GmbH ein teures Hobby: Er hat die Jagstmühle Heimhausen gekauft, ein romantisch gelegenes Restaurant - weil er das Haus „als gutbürgerliches Lokal für alle“ erhalten wissen will. Sein Lieblingsgericht gibt’s dort nicht. Das sind die Maultaschen seiner Frau.

STICHWORT

EBM-Papst
Neben dem Werk in Mulfingen gehören zur EBM auch die Ventilatorenbauer Papst und MVL. Seit 2003 firmiert die Gruppe als EBM-Papst. Mitgeschäftsführer ist IHK-Präsident Thomas Philippiak, der Schwiegersohn Heinz Ziehls. Ebenfalls mit einem Drittel beteiligt ist der Familienstamm Günther Ziehl. In der Region tritt EBM-Papst unter anderem als Sponsor des Marathonlaufs in Erscheinung. Sturm war lange Jahre CDU-Kreisrat in Hohenlohe, dem Mulfinger Gemeinderat gehört er weiter an. Die Familie ist neben der EBM auch an den Firmen PVS in Niedernhall und Fenster Keller in Neuenstein beteiligt. mfd