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Lidl-Chef Gehrig setzt auf eine neue Tonart (03.03.2007)
Von Manfred Stockburger
"Früher“, sagt Klaus Gehrig, „da haben wir von morgens bis abends gearbeitet. Wir haben weder nach links geguckt, noch nach rechts. Eines Tages waren wir groß.“ Man hat den Eindruck, dass das Tempo des Wachstums selbst den obersten Chef des Neckarsulmer Handelsunternehmens mit den beiden Sparten Lidl und Kaufland überrascht hat. „Und dann sind wir plötzlich geprügelt worden.“ Der Ärger über die massiven Attacken, die etwa die Gewerkschaft Verdi gegen Lidl gefahren hat, ist ihm deutlich anzumerken. Er fühlt sich zu unrecht angegangen - stellvertretend für die Branche.Das Wachstum um fast jeden Preis sei allerdings notwendig gewesen, erklärt Gehrig, um die Unabhängigkeit des Handelsunternehmens zu sichern. „Mit einem Umsatz in der Größenordnung von rund 50 Milliarden haben wir das erreicht.“ Deswegen können die Neckarsulmer jetzt einen Gang zurückschalten und neue Prioritäten setzen. Zum Beispiel beim Umgang mit der Belegschaft.
Kulturwandel
Defizite in der Mitarbeiterführung, ja, die habe es in der Vergangenheit gegeben, gibt er zu. „Die auszuräumen ist unsere neue Priorität.“ Vor allem einige der alten Hasen, sagt er, die täten sich schwer mit dem Kulturwandel, den Gehrig beschwört. „Da haben wir noch viel zu tun, bis wir den neuen Geist reingebracht haben.“ Teamfähigkeit, zählt er auf. Führen durch Vorbild. Und eine gewisse Lockerheit auch in der Kleiderordnung - zum Redaktionsbesuch erscheint der Chef von über 170 000 Mitarbeitern demonstrativ ohne Krawatte. „Das ist ein Veränderungsprozess. In seinem so großen Unternehmen geht das nicht von heute auf morgen. Wir sind kein Mittelständler mehr.“ Sondern eine Firma, die übereifrige Manager auch schon mal „mit Zwang“ in die Freizeit schickt. Das hätte es früher nicht gegeben.
Die Ziele des Unternehmens, das heißt Wachstum und Unabhängigkeit, hätten sich durch den Wechsel der Tonart aber nicht geändert: „Früher haben wir Leute eingestellt, die stramm waren und auch mal auf den Tisch geklopft haben. Heute suchen wir Leute, die sich geschmeidiger ausdrücken können.“ Mit den Verdi-Forderungen habe das nichts zu tun - deren Angriffe hätten eher zu einer Solidarisierung unter den Beschäftigten geführt. „Wir machen das, weil wir es so wollen“, sagt der passionierte Golfer. Über den neuen Personal-Geschäftsführer will er von der Zentrale aus Druck auf die Regionalgesellschaften ausüben, damit der „neue Geist“ vor Ort auch ankommt.
„Wir brauchen keinen Pressesprecher“, sagt Gehrig zum Thema Thomas Oberle, der das Unternehmen nach nur einem Jahr wieder verlassen hat. In Zukunft wollen die Neckarsulmer aber wieder sparsamer mit Informationen umgehen. Gleichwohl wird der Bad Wimpfener das Rad nicht ganz zurückdrehen. „Wenn es etwas zu sagen gibt, dann wollen es die Zuständigen selbst machen.“
Greenpeace
So wie beim Redaktionsgespräch. „Ich bin Greenpeace als Verbraucher und als Firmenchef dankbar“, sagt der Mann, der samstags oft mit dem Einkaufszettel seiner Frau durch die Filialen zieht. Dankbar ist er, obwohl die von der Umweltorganisation im Lidl-Obst gefundenen Pestizide eine Umsatzdelle zur Folge hatten. Gehrig spricht lieber von einer „ruhigen Phase“. „Wir haben daran gearbeitet. Bei der neuen Untersuchung waren wir die Nummer eins.“ Froh ist er dennoch, „weil uns die Kritik sensibilisiert hat.“ Auch für andere Themen wie den Klimaschutz. Hier wollen die Neckarsulmer künftig punkten.
Die Grenzen der Veränderung lägen im System, macht Klaus Gehrig ebenso unmissverständlich deutlich - und führt McDonalds als Kronzeuge an. „Wenn man einzelne Filialen machen lassen würde, dann würden die keinen Big Mac mehr verkaufen, sondern Bratwurst.“ Ab einer bestimmten Ebene sei es eben die Aufgabe der Mitarbeiter, das System durchzusetzen. „Da gibt es wenig Diskussionsspielraum.“ Damit erklärt er auch die Fluktuation bei den Berufsanfängern: „Kreativ sein, was die jungen Menschen möchten, das ist nur zu einem bestimmten Grad möglich.“
Gewerbesteuer
Der Region schreibt Gehrig ins Stammbuch, dass die Schwarz-Gruppe weiter die Steuerbelastung in Grenzen halten werde - ohne dass es dadurch zu einem Einbruch kommen werde: „Da bleibt genügend hängen.“
Zur Person: Klaus Gehrig
Chef der Neckarsulmer Handels-Gruppe ist Klaus Gehrig seit 2004, für die Firma arbeitet er aber schon seit 1976. Bis zu seiner Berufung zum Komplementär der Schwarz Unternehmens Treuhand (SUT), wie sein offizieller Titel lautet, führte der 58-Jährige Lidl. Als Gesamtverantwortlicher für die Gruppe ist er Nachfolger von Dieter Schwarz, der sich aus dem operativen Geschäft weitestgehend zurückgezogen hat.
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