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Lidl-Chef Klaus Gehrig: An der Lidl-Spitze steht kein Meister Proper (07.05.2008)
Von Christian Gleichauf
- Lidl-Chef Klaus Gehrig. Foto: Archiv/Dittmar Dirks -
Neckarsulm/Hamburg - Der Lidl-Chef traut sich in die Öffentlichkeit. Und so kam es am Dienstagabend bei Johannes B. Kerner im ZDF zu einem Aufeinandertreffen von Vertretern zweier Welten. Der eine ist überzeugter Linker, Günter Wallraff. Er versteht sich als Anwalt der kleinen Leute. Er hat gerade einen Monat in einer Backfabrik zugebracht, die exklusiv für Lidl produziert – unter Bedingungen, die man in Deutschland kaum für vorstellbar hält. Der andere ist Klaus Gehrig, Lidl-Aufsichtsratschef und einer, der mit Linken ebenso wenig zu tun haben will wie mit Gewerkschaften, weil sie schlecht fürs Geschäft sind.
Es ist eine explosive Mischung für eine Talkshow. Dazu gesellte sich Stern-Reporter Markus Grill, der die Protokolle über Bespitzelungen von Lidl-Mitarbeitern an die Öffentlichkeit gebracht hatte, und der an diesem Abend gekonnt die Gesprächsführung für den Gastgeber übernahm. Was Teil der Transparenz-Offensive sein sollte, wird für den Lidl-Obersten allerdings zu einem Fiasko. Souverän ist nur sein Beginn. Gehrig dankt dem Stern-Reporter, der mit seiner Recherche geholfen habe, die Missstände bei Lidl aufzudecken. Er bescheinigt ihm, sauber und ordentlich gearbeitet zu haben. Gute Vorsätze. Und dann sagt er – mit Blick auf seine Gesprächspartner – den Satz: „Ich lasse mir von so ein paar Quertreibern nicht die Stimmung kaputtmachen.“
Gehrig fühlt sich in die Ecke gedrängt, sein Unternehmen am Pranger. Offensichtlich wird, dass der Mann ziemlich unfreiwillig öffentlicher Repräsentant des Discounters geworden ist. Vorsichtig versucht er darauf hinzuweisen, dass viele der Vorwürfe, mit denen Lidl jetzt konfrontiert wird, auch auf die anderen Discounter zutrifft. Unbeholfen wirkt sein Hinweis, dass Aldi noch weniger Betriebsräte hat als Lidl. Trotzdem sitzt einzig ein Lidl-Vertreter hier, bei Kerner, und versichert, dass sein Unternehmen die Lehren aus den jüngsten Vorfällen gezogen habe. Wenig später der Satz: „Weil wir gute Personalpolitik betreiben, haben wir so wenig Betriebsräte.“ Also alles in bester Ordnung?
„Herr Dingens“
Was noch als deftige Antworten auf heftige Vorwürfe durchgehen mag, gerät gegen Ende der Sendung völlig außer Kontrolle. Als Medienprofi Wallraff zum wiederholten Male die Hand ausstreckt, um Gehrig dazu zu bewegen, in der Brötchenfabrik Weinzheimer gemeinsam mit ihm nach dem Rechten zu sehen, lehnt Gehrig mit den Worten ab: „Ich mache hier nicht vor laufenden Kameras Shakehands mit dem Herrn Dingens.“ Wenig später fragt Wallraff, ob Gehrig die Geschichte in der „Zeit“ über den Lidl-Zulieferer gelesen habe. „Nein“, sagt der und vermittelt endgültig den Eindruck, dass ihm die Zustände dort entweder egal sind oder er einfach unglaublich schlecht vorbereitet in dieses Gespräch gegangen ist. „Die Zeit“ war am Donnerstag erschienen.
Nicht noch einmal sollte der Discounter in Abwesenheit zum Buhmann werden wie bei Anne Will vor wenigen Wochen, das hatte sich Gehrig vorgenommen. Deshalb wollte er seinem Unternehmen ein menschliches Gesicht geben – kein abgeschliffener Meister Proper, sondern ein ehrlicher Mister Lidl. Ehrlichkeit und Transparenz wirken an diesem Abend allerdings nicht geschäftsfördernd, sondern allenfalls entlarvend.
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07.05.2008
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