Getrag-Chef Kotecha verteidigt Personalabbau (11.03.2010)

Getrag „Die Technologie ist sexy. Jetzt müssen wir sie dauerhaft wettbewerbsfähig machen“, sagt Getrag-Chef Mihir Kotecha. Bisher reagieren die Autohersteller noch vorsichtig auf die Doppelkupplungsgetriebe aus Untergruppenbach. Foto: Dittmar Dirks


Untergruppenbach - Im Dezember hat Mihir Kotecha seine neue Stelle als Getrag-Chef angetreten, zeitgleich mussten in Untergruppenbach 115 Mitarbeiter ihre Schreibtische räumen. Jetzt stehen erneut bis zu 700 Arbeitsplätze zur Disposition. Im Gespräch mit Manfred Stockburger erklärt Kotecha, warum er den Personalabbau für notwendig hält.


Mr. Kotecha, drei Betriebsversammlungen am Dienstag, zwei weitere am Mittwoch. Wie geht es Ihnen danach?

Mihir Kotecha: Mir wäre natürlich lieber gewesen, diese Versammlungen nicht machen zu müssen. Was die schwierigen Botschaften angeht, die ich überbringen musste, geht es mir immer noch nicht besser. Schließlich waren das meine ersten Betriebsversammlungen als Chef der Getrag KG. Aber am Ende des Tages bin ich erleichtert, dass wir jetzt miteinander reden. Wenn Menschen miteinander reden, dann kommen gute Dinge zustande. Wir brauchen aber den Mut, die Wahrheit zu sagen.


Die Wahrheit ist, dass Sie 700 Stellen streichen wollen. Warum?


Kotecha: Wir müssen unsere Kapazitäten in Deutschland so verändern, dass sie der aktuellen Auftrags- und Marktlage angepasst sind. Darum geht es. Das müssen wir den Mitarbeitern offen sagen. Der Konzern als solcher könnte theoretisch auch ohne die Getrag KG überleben. Aber das ist natürlich nicht unsere Strategie.


Heißt das, dass Sie weniger produzieren? Oder dass Sie Produktbereiche aufgeben?

Kotecha: Wir müssen unsere Kostenstruktur nachhaltig anpassen. In diesem Geschäft ist der Druck riesengroß. Aber wir müssen uns selbst beweisen, dass wir selbst bei geringeren Abrufzahlen mit unseren Produkten Geld verdienen können. Sonst befürchte ich, dass wir das immense Wissenskapital, das wir uns erarbeitet haben, nicht zu den Kunden bringen können.


Der Preis dafür ist hoch.

Kotecha: Ich weiß, dass es hart ist, was wir planen, weil es viele Menschen betrifft. Wenn wir es aber nicht schaffen, ein manuelles Handschaltgetriebe auch unter deutlich niedrigeren Volumen zum richtigen Preis und zur richtigen Zeit zu verkaufen, dann schaffen wir es auch nicht bei den viel komplexeren Doppelkupplungsgetrieben. Wir müssen unser Geschäft auf eine Art und Weise führen, die diesen Umständen gerecht wird. Nur darum geht es.


Sie haben sich ganz dem Doppelkupplungsgetriebe verschrieben. Wie kommt die neue Technologie an?

Kotecha: Wir bauen ebenso auf Handschalter und verschiedene alternative Antriebe. Mit unseren Doppelkupplungsgetrieben stoßen wir auf großes Interesse. Die Stückzahlen, über die wir reden, übertreffen unsere kühnsten Erwartungen. Zwar ist ein Doppelkupplungsgetriebe zu bauen nicht einfach, aber es gibt kein anderes Unternehmen auf der Welt, das über ein vergleichbares Wissen verfügt.


Die Frage bleibt: Buchen die Kunden Aufträge?

Kotecha: Ja. Kommerziell müssen wir auf die Anfangserfolge des Doppelkupplungsgetriebes jetzt aufbauen. Die Technologie ist sexy, da sie die Vorteile der Handschalter mit denen der Wandlerautomaten vereint. Jetzt müssen wir sie auf der Kostenseite dauerhaft wettbewerbsfähig machen. Was wir angekündigt haben, ist nicht die einzige Antwort darauf. Es gibt auf dem Markt keinen Platz für uns, wenn wir nicht wettbewerbsfähig sind. Deswegen darf dieses Wort bei keiner Diskussion mehr fehlen. Das müssen wir unseren Mitarbeitern erklären.


Sind die Überkapazitäten ein rein deutsches Problem?

Kotecha: Es wäre falsch, wenn ich sagen würde, dass wir außerhalb Deutschlands überhaupt keine Überkapazitäten hatten. Wir haben in allen unseren Fabriken weltweit mit Ausnahme von China schon signifikante Schritte unternommen, unsere Kapazitäten anzupassen.


Lagern Sie als Teil des jetzt verkündeten Programms einzelne Produktionsschritte aus, um Kosten zu sparen?

Kotecha: Wir sourcen nichts aus, was wir dann hinterher wieder einkaufen. Null. Es geht einfach um Effizienz. Vorbild ist übrigens eines unserer eigenen Werke, das einfach optimal arbeitet.


Welches Werk ist das?

Kotecha: Das möchte ich nicht sagen, darüber reden wir ausschließlich intern. Aber wenn uns vorgeworfen wird, dass wir keinen Plan hätten, dann stimmt das nicht. Wir wissen genau was wir tun.


Für die Mitarbeiter geht es um die Existenz.

Kotecha: Wir müssen unsere Mitarbeiter ordentlich behandeln. Wir werden nicht eine einzige Stelle aufgeben, nur um den Gewinn zu maximieren. Das wäre nicht der Getrag-Weg. Wir müssen partnerschaftlich zusammenarbeiten, um die Verluste zu eliminieren. Die kurzfristig möglichen Schritte haben wir im vergangenen Jahr bereits unternommen. Jetzt geht es darum, die Kapazitäten dem sich nicht erholenden Markt realistisch anzupassen.


Der Zeitrahmen, den Sie gesteckt haben ist…

Kotecha: Unrealistisch aggressiv? Sportlich? Ambitioniert? Wir können nicht ein Jahr an Zeit investieren für etwas, das vielleicht in wenigen Wochen machbar ist. Wenn es dann am Ende zwei Monate dauert, ist es auch ok. Aber länger nicht.


Weil dann ihre Kreditlinie ausläuft?

Kotecha: Nein, damit hat das nichts zu tun. Nur wenn wir das ganze Jahr brauchen würden, wäre das ein Thema. Wir müssen gewisse Dinge einfach jetzt erreichen, die später nicht mehr möglich wären.


Zum Beispiel die angekündigte Streichung des Urlaubs- und Weihnachtsgelds?

Kotecha: Ja.


Welche Rolle spielen die Verhandlungen mit potenziellen Investoren?

Kotecha: Es hilft natürlich, wenn wir kostendeckend und profitabel arbeiten. Aber mit dem engen Zeitrahmen für die Verhandlungen hängt das nicht zusammen. Wir müssen einfach schlank werden und den Marktgegebenheiten angepasst wirtschaftlich arbeiten, damit wir unsere Produkte auch langfristig auf dem Markt platzieren können.



Zur Person: Mihir Kotecha

Über die Kölner Gemeinschaftsfirma mit Ford (GFT) ist Mihir Kotecha, 42, im Jahr 2001 zum Getriebebauer Getrag gestoßen. Im vergangenen November wurde er zum Vorsitzenden der Geschäftsführung der Untergruppenbacher Getrag KG bestellt, nachdem er seit 2005 die Kölner Schwester GFT geführt hatte. Der Finanzfachmann ist in Nairobi geboren und hat die britische Staatsangehörigkeit. Kotecha arbeitete seit 1995 in verschiedenen Positionen für Ford. mfd




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