Der Experte für das Mittelalter

Region  Jan H. Sachers bietet mit seiner Firma Histofakt Dienstleistungen rund um das vermeintlich düstere Zeitalter an

Von Heiko Fritze

Der Experte für das Mittelalter

Weste, Uhrenkette, Schiebermütze: Heute hat Jan H. Sachers zumindest rein äußerlich nichts mit Mittelalter zu tun. Aber wenn der hochgewachsene 41-Jährige anfängt zu erzählen von historischem Fechten, Bogenbau und Urkundenentziffern, dann leuchten seine Augen und sein akkurat gezwirbelter Schnurrbart biegt sich leicht nach oben. Im Prinzip hat der gebürtige Stuttgarter ja sein Hobby zum Beruf gemacht. Wobei das für einen studierten Historiker und Literaturwissenschaftler nicht gerade einfach ist.

Heute ist Sachers eine Art Tausendsassa in Sachen Mittelalter-Dienstleistungen: Drei Tage die Woche ist er bei Adventon angestellt, einem mittelalterlichen Siedlungsprojekt und Veranstaltungsgelände bei Osterburken. Die übrige Zeit ist er Histofakt: Mit seinem eigenen Unternehmen bietet er seit mittlerweile zehn Jahren Dienstleistungen rund um die vermeintlich düstere Epoche an. Das reicht von Büchern und Aufsätzen über Urkundenentziffern und Übersetzungen bis zu Kursen im historischen Fechten oder Bogenbauen. Er organisiert und berät bei Veranstaltungen, hält Vorträge und hilft bei der Gestaltung von Ausstellungen.

Adventon

Angefangen hat alles in Bielefeld. In Ostwestfalen nahm Sachers 1997 nach einer Buchhändler-Lehre sein Studium auf. "Es war aber klar, dass ich nicht im Akademiebetrieb bleiben wollte", erzählt er. Nach dem Abschluss 2004 folgte zunächst eine Anstellung als politischer Analyst − doch das Unternehmen schloss zwei Jahre später seine Pforten. Der Berater bei der Arbeitsagentur riet ihm da zur Gründung einer Ich-AG − und so startete Sachers mit seinen Mittelalter-Dienstleistungen. "Das lief erstaunlicherweise innerhalb von zwei Jahren recht gut", sagt er. Schon bald konzentrierte er sich auf textbasierte Dienstleistungen wie Recherche, Lektorat und Übersetzungen zu mittelalterlichen Themen. Über die Zusammenarbeit mit einem Spezialverlag lernte er auf der Frankfurter Buchmesse das Ehepaar Wolf kennen, das hinter dem Projekt Adventon steht. So kam es schließlich 2012 zum Umzug nach Krautheim und zur Teilzeit-Anstellung in Osterburken.

Mit seinem Schwerpunkt Mittelalter ist der Geschichtswissenschaftler nach wie vor eine Seltenheit. "Es gibt durchaus freischaffende Historiker, sogar richtige Agenturen", erklärt er. Aber diese setzten ihren Schwerpunkt fast ausschließlich bei Zeit- und Wirtschaftsgeschichte, erstellten also vor allem Jubiläumsbroschüren für Kommunen und Unternehmen. Mittlerweile seien aber einige wenige weitere Historiker auf seinem Spezialgebiet aktiv. "Die Zahl dürfte auch eher steigen", erwartet der 41-Jährige. An vielen historischen Museen werde gespart, Stellen fielen auch an den Universitäten weg, so dass die Absolventen sich neue Wege suchen müssten. "Ich habe eigentlich immer nur auf das reagiert, was an mich herangetragen wurde", sagt Sachers. "Damit bin ich bisher immer gut gefahren."

Neu ist in diesem Jahr sein eigener Onlineshop. Dort gibt es Bücher zu mittelalterlichen Themen, speziell Kampftechniken und Bogenbau, außerdem Bogenbauer-Bedarf. "Er soll natürlich noch deutlich erweitert werden", kündigt der Unternehmer an.

Manchmal münden seine Auftragsarbeiten sogar in wissenschaftlicher Forschung. Für eine Ortschaft in Südniedersachsen entzifferte er zum Beispiel mal eine Urkunde über einen ehemaligen Klosterhof im Ort. Dadurch ließ sich die Lage der längst verschwundenen Gebäude bestimmen − demnächst laufen Sondierungsarbeiten an, um womöglich bald eine Grabung anzusetzen.

Der Experte für das Mittelalter

privat

 Histofakt

Dann ist da noch die breite Bewegung derjenigen, die mittelalterliche Szenarien nachspielen. Zur Living-History-Szene hat der Krautheimer schon Kontakte geknüpft. Vor allem in Frankreich und Großbritannien gibt es viele Veranstaltungen − jedes Jahr wird zum Beispiel die Schlacht von Hastings aus dem Jahr 1066 nachgestellt. In Deutschland arrangiert Sachers unter anderem sogenannte "Burgbelebungen", etwa auf der Gamburg bei Wertheim, wo dann die Räume so gestaltet und von Darstellern bewohnt werden, wie sie ursprünglich vorgesehen waren.

Vorurteile

Für das andere Konzept stehen die weit verbreiteten Mittelaltermärkte und die gängigen Vorurteile vom finsteren Mittelalter. "Entweder wird diese Epoche romantisiert oder sie gilt als üble, ungesunde Ära, in der jeder faule Zähne hatte", sagt Sachers. "Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Genau werden wir das wohl nie sagen können." Die Anzahl der Marktveranstaltungen gehe inzwischen wieder zurück, beobachtet er. "Der Höhepunkt ist wohl schon überschritten." Märkte werde es sicher weiter geben, erwartet er. "Das Mittelalter wird immer faszinierend bleiben."

Das gilt auch für seine Selbstständigkeit. "Hätte ich mir das gründlich überlegt, hätte ich das vermutlich nicht gemacht", räumt der 41-Jährige heute ein. "Es war und ist immer noch ein bisschen Abenteuer. Aber es ist immer noch neu und spannend." Der Markt für freischaffende Historiker werde jedenfalls eher noch wachsen, erwartet er. Das Interesse am Leben des einfachen Volks jener Ära ist gerade erst erwacht, viele Orte fangen erst an, ihre überlieferten Urkunden und Archive zu sichten. Hinzu komme das wachsende Interesse an historischen Kampftechniken, bis hin zu Wettbewerben. Für Sachers ist eines jedenfalls klar: "Ich möchte nicht bloß für das Archiv arbeiten, sondern für Menschen, die daran Interesse haben."