Klaus Gehrig, der schwarze Ritter

Neckarsulm  Im Porträt: Der Chef der Neckarsulmer Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland feiert am heutigen Mittwoch seinen 70. Geburtstag.

Von Manfred Stockburger

Klaus Gehrig, der schwarze Ritter

Chefsache: 2015 erklärte Gehrig im Neckarsulmer Gemeinderat, warum der neue Deutschlandsitz von Lidl in Bad Wimpfen gebaut wird.

Foto: Archiv/Sawatzki

 

Er ist ein Unikum in der deutschen Unternehmenslandschaft: Seit 42 Jahren arbeitet Klaus Gehrig für die Neckarsulmer Schwarz-Gruppe. Sein offizieller Titel lautet seit 2004 Komplementär des 100-Milliarden-Euro-Konzerns mit Lidl, Kaufland und 400.000 Beschäftigten.

Das Wort Konzern ist ihm aber zuwider. "Wir müssen die Philosophie und Bodenhaftung eines Mittelständlers erhalten", sagt Gehrig, der heute seinen 70. Geburtstag feiert. "Egal wie groß wir werden: Man darf die Nähe zum operativen Geschäft und zu den Menschen nicht verlieren."

Ein bisschen hadert er schon mit dem großen Geburtstag

Größe und Nähe, Leutseligkeit und brutale Härte, Bodenständigkeit und Jetset, Gewerkschaftsfresser und Streiter für den Mindestlohn, der engstirnige Visionär: Klaus Gehrig ist ein Mann der Widersprüche. Eines steht aber über allem Zweifel: Ohne ihn wäre Lidl heute nicht der größte Discounter Europas und die Schwarz-Gruppe nicht der viertgrößte Händler der Welt - auch wenn Amazon den Neckarsulmern diesen Titel mutmaßlich abgenommen hat.

Wirklich gern feiert Gehrig nur die Geburtstage seiner Freunde, den eigenen würde er am liebsten übergehen. Und doch gibt es in der Schwarz Unternehmenstreuhand, der Dachgesellschaft der Gruppe, eine Abendveranstaltung, verrät er. "Da sage ich dann halt, dass ich 70 geworden bin", sagt er. "Mir geht es sehr gut", betont er und hadert eben doch mit der Tatsache, dass er jetzt beim Alter die Sieben vorne stehen hat.

Nur Zeit hat er nicht im Überfluss

Reden? Soll es bei dem Festakt keine geben. Wer sollte dem Übervater auch etwas sagen? Lobhudeleien sind seine Sache nicht. Und Kritik nur dann, wenn er sie selbst übt. Geschenke? Möchte er nicht. Schließlich kann er sich selbst alles kaufen. Und er macht das auch, wenn ihm danach ist. Mit der Familie - der Wahl-Wimpfener ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder - macht er zum 70. eine Woche Urlaub. Zeit ist für einen Top-Manager schließlich das rarste Gut.

"In anderen Firmen wäre ich schon oft entlassen worden", blickt Gehrig, der oberste Mitarbeiter von Dieter Schwarz, zurück. Und einmal ist er das ja auch schon - von Aldi war er freigestellt, als er sich 1976 bei Schwarz bewarb. "Ich sehe die Aufgabe eines Mitarbeiters auch darin, dem Chef manchmal zu sagen: Ich würde diese Entscheidung nochmal überdenken."

Vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Dieter Schwarz

Mit Schwarz hat er einen Chef gefunden, der ihn akzeptiert und ihn nicht vor die Tür setzt. "Die Zusammenarbeit mit dem Inhaber basierte immer auf Vertrauen", sagt Gehrig. Dass er selbst mit seinen Managern wenig zimperlich umgeht, ist eine andere Geschichte.

Von null auf 100 Milliarden Euro Umsatz - Klaus Gehrig hat am kometenhaften Aufstieg der Schwarz-Gruppe einen entscheidenden Anteil. Seinen Hunger hat er dabei nie verloren und auch nicht seine rastlose Kreativität. "Ich habe noch viele Ideen", sagt er. "Die Herren", so nennt er die vier Vorstandsvorsitzenden der Gruppe, "können sich da nicht beklagen". Ob sie es heimlich vielleicht doch manchmal tun? Unterm Strich überwiegt in Neckarsulm aber die Bewunderung.

Aldi ist bis heute Referenzpunkt

Bei Aldi - bis heute ist der Wettbewerber Gehrigs Referenzpunkt und großes Vorbild - war er als Vertriebsleiter rausgeflogen, weil er sich dem starren System nicht unterordnen wollte. Bei Schwarz war der umtriebige Mann hingegen willkommen. 28 Jahre jung war "KG", als er zum ersten Mal sein Neckarsulmer Büro betrat.

Wie man sich im Unternehmen erzählt, wurde er zunächst noch einmal nach Hause geschickt, weil sein Vorgänger noch nichts von einem Nachfolger wusste. Das sollte Gehrig nicht passieren: Mit deutlich mehr unternehmerischer Energie als Kapital hat er es geschafft, Lidl zu einem Giganten des Handels zu machen.

Gehrig machte eine Steile Karriere

Klaus Gehrig, der schwarze Ritter
Dynamisch und immer mit einem flotten Spruch auf den Lippen: So präsentiert sich Klaus Gehrig 2018 zu seinem 70. Geburtstag. Foto: Schwarz-Gruppe  

1984 übernahm der Jubilar als Geschäftsführer die Leitung des Lidl-Vertriebs, 1989 begann Gehrig mit Lidl Frankreich die Expansion ins Ausland, 1990 machte Schwarz ihn schließlich zum Vorstand der Lidl Stiftung. Seit 2004 verantwortet er als Chef der Schwarz Unternehmenstreuhand neben Lidl auch die Geschicke von Kaufland.

Die Handelskarriere des Bauernsohns aus Niederbayern begann einst in Frankfurt bei der Raiffeisen-Zentrale mit einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Futtermittel aus Thailand und Pfosten für die Weingärtner habe er dort eingekauft, erzählt er. "Damals habe ich gelernt, dass nicht unbedingt die größten Kunden die besten Konditionen bekommen", sagt er. Früher, als Lidl noch nicht so groß war, habe man davon profitiert. Heute geht es mehr um Versorgungssicherheit.

Auf die Bundeswehr folgte die Zeit bei Aldi. "Das war eine gute Lehrzeit", sagt Gehrig. Als Discounter sind die Mülheimer schließlich bis heute das Maß aller Dinge - Lidl hat sich mehr zum Nahversorger entwickelt. Immer wieder schielt der Chef auch nach 42 Jahren noch auf "den Aldi".

In 42 Jahren hat er viele Höhen und Tiefen erlebt

Viele Höhen hat der Jubilar in diesen gut vier Jahrzehnten erlebt - gigantisches Wachstum. 2004, als er die Verantwortung für die Gruppe übernahm, lag der Umsatz bei 30 Milliarden Euro, zuletzt waren es 96,9. Dieses Jahr steht der Sprung über die 100 Milliarden-Euro-Marke auf dem Zettel. "Langweilig war es nie", sagt er lapidar. Den einen oder anderen Skandal gab es auch zu bewältigen, das "Schwarzbuch Lidl" der Gewerkschaft Verdi zu verkraften.

Schlagzeilen machte Gehrig, als er allen Mitarbeitern das Du anbot - und damit eine nationale Debatte über das Duzen auslöste. Und indem er Anzüge und Krawatten aus der Garderobe seiner Manager verbannte, die bis dahin im schwarzen Anzug in die Filialen gingen. "Wenn man leger ist, kann man ja trotzdem ordentlich aussehen." Ruhe wird dem Unternehmen auch künftig nicht vergönnt sein: "Wenn ich in die Zukunft schaue, kann ich nicht erkennen, dass die Herausforderungen weniger werden."

Aufhören? Ist zumindest noch kein Thema für Gehrig

Das nächste Ziel nach der 70 ist die 50. Das fünfte Jahrzehnt operativer Tätigkeit bei Schwarz möchte Gehrig noch voll machen, sofern die Gesundheit mitmacht. "50 plus, dazu sehe ich mich heute imstande." Allerdings nicht mehr in derselben Funktion, schiebt er nach. 78 wäre er dann - so alt wie Dieter Schwarz jetzt. Die Nachfolger müssen sich also noch etwas gedulden.

Klaus Gehrig, der schwarze Ritter
Noch mit Krawatte: 2004 übernahm Klaus Gehrig die Führung der Schwarz-Gruppe − und präsentierte gemeinsame Unternehmensgrundsätze. Foto: Archiv/Stockburger  

Die Alternativen zu seinem Büro in der Neckarsulmer Stiftsbergstraße sind für ihn wenig attraktiv: Der Haushalt? Nein. Golf? "Ist etwas Schönes, wenn man sagt: Ich mach' mal ein verlängertes Wochenende", sagt er. "Aber immer? Das wäre mir zu langweilig."

"Wenn die EU zerbricht, ist Deutschland der größte Verlierer"

Für eine politische Karriere - als Vorsitzender des Bezirksbeirats im Heilbronner Stadtteil Biberach hatte er einst erste Erfahrungen gesammelt - sei er "ein bisschen zu alt". Ein Thema hätte er: "Wir brauchen Stabilität in Europa. Wenn die EU zerbricht, ist Deutschland der größte Verlierer."

Er könne ja auch eine Nichtregierungsorganisation gründen, witzelt er dann. "Wäre das nicht eine tolle Sache?" Damit könne man den Markt aufrütteln. Mit Greenpeace und Co. hat er in den vergangenen Jahrzehnten schließlich einschlägige Erfahrungen gemacht.

Klaus Gehrig bleibt der Schwarze Ritter der Gruppe

Ob er das vielleicht doch ernst meint? Klaus Gehrig hat die Kunst perfektioniert, seine Gesprächspartner - auch die im Unternehmen - darüber im Unklaren zu lassen, was er wirklich denkt. Dass er sich auch künftig darum kümmert, was seiner Meinung nach in der Schwarz-Gruppe nicht ganz rund läuft, daran zweifelt aber niemand. "Da wird die Arbeit nicht ausgehen."

Als "schwarzen Ritter" hat er sich vor einiger Zeit selbst bezeichnet. Als einen, der die Organisation auf Trab hält. Wie auch immer sein Titel sein wird: Genau das wird Klaus Gehrig auch in Zukunft machen. So viel ist sicher.