Stahlhelm unterm Christbaum

München/Heilbronn  Anbieter nutzen Amazon als Handelsplattform für Wehrmachtsfolklore und andere fragwürdige rechte Propagandamittel. Jetzt fordern Linke und Jusos einen Verkaufsstopp.

Von Jens Dierolf

Stahlhelm unterm Christbaum
Fotos: jahet7/stock.adobe.com  

Der Schlüsselanhänger "Wehrmacht Reichsadler" mit Namensgravur ist für 14,95 Euro zu haben. Eine Uniform im "Stil der Wehrmacht" mit Eisernem Kreuz kostet 49 Euro und ein originalgetreues Imitat einer Stielhandgranate aus dem Zweiten Weltkrieg lässt sich für etwa 15 Euro bestellen − inklusive Porto. Der Preis für "Wehrmachtshelme" variiert zwischen 26 und 60 Euro.

Der Online-Versandhändler Amazon wirbt in seiner Weihnachtswerbung mit dem Motto "ein Lächeln schenken" − und Drittanbieter nutzen Amazon als Verkaufsplattform, um rechte Propaganda oder Wehrmachtsfolklore anzubieten. Doch es regt sich Kritik.

"Ich appelliere an die Händler, endlich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachzukommen und diese Produkte aus dem Sortiment zu nehmen", sagt Kevin Kühnert, der neue Juso-Vorsitzende unserer Zeitung. Das müsse für Amazon, Real oder sonst wen gelten. Die Einzelhandelskette Real stand vor wenigen Wochen in der Kritik, weil sie einen Wehrmachtshelm des Afrikakorps über ihre Webseite verkaufte. Nach einem Proteststurm im Internet entfernte Real schließlich klammheimlich das Angebot.

T-Shirts mit eindeutigen Botschaften

Amazon gibt auf seiner Plattform nicht nur fragwürdigen Händlern die Möglichkeit, vermeintliche Devotionalien des Dritten Reichs zu verkaufen, sondern auch fragwürdige Propaganda-Artikel. "Merkel-muss-weg-Aufkleber" für die Heckscheibe von Autos mögen ein Ausdruck der Meinungsfreiheit sein. Umstrittener dürften T-Shirts mit Fahndungsbildern der Kanzlerin sein. Ein anderes T-Shirt trägt den Titel "Checkliste für die Freiheit" − unter den Namen von Diktatoren und Terroristen wie Saddam Hussein, Osama bin Laden und Muammar Gaddafi steht "Angela Merkel". Hinter den ersten Namen sind Haken gesetzt, das Kästchen hinter dem Namen der Kanzlerin ist leer. Die Botschaft ist eindeutig.

"Verboten sind die angebotenen Produkte nicht, takt- und geschmacklos umso mehr", sagt auch die Linken-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke unserer Zeitung. "Früher musste der Wehrmachtsfan noch in schmuddelige Militaria-Läden schleichen oder dreimal nachdenken, ob er seine Adresse bei einschlägigen rechtsextremen Versandhäusern hinterlassen will. Dank Amazon genügt jetzt ein Klick und der Wehrmachtsstahlhelm liegt auf dem Gabentisch", empört sich die Politikerin.

Jelpke fordert von Amazon in Deutschland mehr Sensibilität "angesichts der Verbrechen der Wehrmacht" und kritisiert das Geschäftsgebaren des Versandhändlers, dessen einzige Philosophie sei es: "möglichst viel Geld scheffeln." Die Linken-Bundestagsabgeordnete rät wenig verklausuliert zum Amazon-Boykott. Sie appelliere, "auf andere Händler auszuweichen" − nicht nur wegen des angebotenen Nazi-Schunds sondern auch aufgrund der "bekanntermaßen unwürdigen Arbeitsbedingungen", sagte Jelpke.

Kritik wird seit Jahren ignoriert

"Dass Amazon und Co. Wehrmachts-Devotionalien verkaufen, ist leider nichts neues", sagt Juso-Chef Kühnert. Dass Kritik daran seit Jahren ignoriert werde, zeige: "Profit geht bei diesen Händlern vor Verantwortung." Schon vor acht Jahren hatte es massive Kritik an Amazon gegeben. Bis zum Jahr 2009 hatte der Versandhändler Schriften des "Deutschen-Stimme-Verlages" der rechtsextremen NPD im Angebot.

Selbst ein Verkaufsstopp der umstrittenen Artikel würde Juso-Chef Kühnert nicht weit genug gehen. So sagte er: "Ein angemessener Schritt wäre, die bisherigen Gewinne aus diesen Produkten an Gedenkstätten der Opfer des Nationalsozialismus zu spenden."

 

Reaktion bleibt aus

Trotz der Bitte um eine Stellungnahme von Amazon per E-Mail und Telefon, gab es von Seiten des Versandhändlers keine Antwort auf die Fragen unserer Redaktion. Das Portal Bento.de hatte Amazon angegriffen, weil es T-Shirts verkaufe, "die SS-Stiefel als ,beste Wanderschuhe aller Zeiten" anpreisen". Bei unserer Recherche war das Angebot nicht mehr erhältlich. Gegenüber Bento hatte Amazon auf die Verkaufsbedingungen und die Verantwortung der Drittanbieter verwiesen.