Stadler will den Neustart nach der Krise

Heilbronn  Audi-Chef zeigt sich beim Redaktionsbesuch kämpferisch. Und er brennt darauf, Audi aus der tiefen Krise nach dem Dieselskandal wieder zum Erfolg zu führen.

Von Jürgen Strammer

Stadler will den Neustart nach der Krise

Der Mann steht unter Strom. Direkt von der Betriebsversammlung in Neckarsulm geht es für den Audi-Vorstandsvorsitzenden Rupert Stadler zum Redaktionsbesuch bei der Heilbronner Stimme. Und hier zeigt sich Stadler engagiert und leidenschaftlich.

Der Mann brennt darauf, Audi aus der tiefen Krise nach dem Dieselskandal wieder zum Erfolg zu führen. Das ist kein Manager, der ausgebrannt und ratlos ist und nur darauf wartet, abgelöst zu werden, wie mancherorts spekuliert wurde. Nein, Stadler will zeigen, dass der Autobauer unter seiner Führung nicht nur die Fesseln der Vergangenheit abstreifen, sondern aus der Krise wieder neu durchstarten kann.

Es gab wieder Applaus der Audianer für ihren Chef

Und auf diesem Weg scheint er nun wieder die Neckarsulmer Audianer mitgenommen zu haben. War der Empfang bei seinem vorigen Besuch einer Betriebsversammlung noch unterkühlt ausgefallen, so gab es dieses Mal wieder kräftigen Applaus. Immerhin hatte Stadler die Zusage für die Produktion von zwei E-Autos und eine Verlängerung der Beschäftigungssicherung mitgebracht. Vor allem die letztere kam gut an.

Stadler: "Ich bin überzeugt, dass wir der Mannschaft in schwierigen Zeiten ein klares Stabilitäts- und Sicherheitssignal geben müssen. In Ingolstadt und Neckarsulm ist das auch sehr gut angekommen. Das hat mich sehr gefreut. Es gehört zwar etwas Mut zu dieser Verpflichtung, aber wir haben gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern die Basis dafür gelegt."

"Mit der Dieselkrise ist ein Riesenruck durch unser Unternehmen gegangen"

Mit dabei in Neckarsulm war auch der sogenannte Monitor des VW-Konzerns. Dabei handelt es sich um eine Art Aufpasser des US-Justizministeriums. Er wurde im Rahmen der Einigung über den Dieselskandals bestellt und soll mit seinem Team drei Jahre lang darauf achten, dass im Konzern alles korrekt zugeht. Dieser Larry Dean Thompson, Jahrgang 1945, war früher stellvertretender Generalstaatsanwalt. Der Republikaner hat viele Arbeitsgruppen eingesetzt, unter anderem auch in Ingolstadt. Aber nicht in Neckarsulm, wo ein großer Teil der Dieseltricksereien entstand.

Die Neuaufstellung mit einer anderen Unternehmenskultur - das sind zentrale Punkte, wie Stadler Audi künftig sieht. "Mit der Dieselkrise ist ein Riesenruck durch unser Unternehmen gegangen." Für den Neustart ist aber auch eine neue Unternehmenskultur nötig, die auf mehr Eigenverantwortung setzt. Und das beginnt schon in Wolfsburg: Dort hat VW-Chef Matthias Müller ja versprochen, den Töchtern mehr Freiheiten zu gewähren, als es unter Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch üblich war.

Dieselskandal kostet das Unternehmen viele Milliarden

Stadler will den Neustart nach der Krise

Stadler: "Wir haben das Unternehmen organisatorisch deutlich verändert. Mit goldenen Regeln, wie wir in den Prozessen mit den Zulassungsverfahren umgehen. Ergebnis ist eine komplette Neuaufstellung im Bereich Zulassung und Homologation. Wir haben die besten Experten in einer neuen Organisationseinheit zusammengefasst. Sie führen die Kommunikation mit den Behörden und setzen die Standards um." Mit dabei seien der Monitor und sein Team.

Doch die Bewältigung des Dieselskandals kostet auch viele Milliarden Euro. Die Kosten müssen also runter. Das Leistungspaket des Transformations- und Angriffsplans sei zehn Milliarden Euro schwer, sagt Stadler. "Das heißt, durch Kostenoptimierungen bei der Entwicklung von Modellen zusätzliche Derivate zu ermöglichen, die wiederum Wachstum und damit Beschäftigung und Ergebnis sichern." Gespart werden soll bei der Teilevielfalt, bei Material- und den Logistikkosten. Effizienzverbesserungen seien "auch im indirekten Bereich möglich, etwa durch die Reduzierung von Bürokratie oder die Digitalisierung von Standardabläufen."

Beschäftigungsgarantie für Neckarsulm

Das gilt auch für Neckarsulm. Doch ist Beschäftigungssicherung und die Zusage für die E-Autos Balsam auf die Seelen der Mitarbeiter, die derzeit vor allem die Auslastungsprobleme sehen. In Neckarsulm sollen sportliche E-Limousinen gebaut werden. Passt das zum SUV-Boom? Stadler sieht kein Problem: "Wir brauchen neben den SUVs auch E-Autos im Flachbodensegment. Irgendwann wird es weltweit eine Nachfrage mit 50 Prozent SUV und 50 Prozent sportlichen Limousinen geben."

Und was ist mit einer lokalen Batterie-Fertigung, will Alexander Schnell, Mitglied der Chefredaktion, wissen? Stadler: "Es geht darum, diese Kern-Kompetenz zu uns ins Unternehmen zu holen. In Brüssel ist die Batteriefertigung im Werk, denn die Batteriemontage muss aus logistischen und wirtschaftlichen Gründen nah bei der Produktion stattfinden. Eine Entscheidung ist aber noch nicht getroffen." Wie die E-Auto-Produktion im Standort integriert werden soll, wird jedoch gerade geplant. Als nächstes großes Zeichen für den Neustart.

 

Ausblick in die E-Welt

Den ersten echten Elektro-Wagen bringt Audi 2018 auf den Markt − den E-tron aus Brüssel. Der nächste Schritt wird eine Audi-Version des Zwickauer Stromers von VW sein. Dieses kleinere Modell wird wie seine Markengeschwister in Sachsen produziert. Details zu einem weiteren E-Modell, das noch in diesem Jahrzehnt auf den Markt kommen soll, wollte Rupert Stadler beim Redaktionsbesuch nicht verraten.

Klar ist aber, dass es nicht auf der gemeinsam mit Porsche entwickelten, neuen Elektroplattform PPE steht. Die wird nämlich 2021 mit einem Modell aus Neckarsulm Premiere feiern, einem "attraktiven Volumenmodell", wie es heißt, das sich mutmaßlich am A5 orientieren wird. Dann geht es Schlag auf Schlag. Den Zuschlag für zwei elektrische Q-Varianten − so nennt Audi seine Stadtgeländewagen − hat Ingolstadt bekommen.

Nichts sagte Stadler zu Spekulationen, dass in die von ihm aufgezeigte Lücke ein elektrischer Supersportwagen perfekt passen würde. Das Auto teilt sich die Porsche-Plattform J1 mit dem Mission E aus Zuffenhausen und würde perfekt in die R8-Manufaktur in den Böllinger Höfen passen. Die Standortentscheidung steht aber noch aus. mfd