Kaufland-Chefs: "Von einem Jugendwahn sind wir weit entfernt"

Region  50 Jahre nach der ersten Filiale: Kaufland-Chefs Patrick Kaudewitz und Richard Lohmiller über die wichtigsten Lehren aus der Vergangenheit.

Von Manfred Stockburger

Kaufland-Chefs: "Von einem Jugendwahn sind wir weit entfernt"

Diese Woche jährte sich die Eröffnung des ersten Handelshofs in Backnang zum 50. Mal. Damit begann die Geschichte der Schwarz-Gruppe als Einzelhändler. Vorstandschef Patrick Kaudewitz und Deutschlandchef Richard Lohmiller setzen für die Zukunft auf bewährte Konzepte.

 

Welche Lehren ziehen Sie aus der Kaufland-Geschichte für die Zukunft?

Patrick Kaudewitz: Die wichtigste Lehre ist, dass die ursprünglichen Werte, auf denen das Unternehmen aufgebaut wurde, noch immer genauso relevant sind wie heute: Strebsamkeit, Kundenorientierung, Veränderungsfähigkeit. Und es gilt auch heute noch: Die Mitarbeiter machen den Erfolg.

Richard Lohmiller: Wir feiern das Jubiläum zwar intensiv mit unseren Kunden, aber unser großer Dank gilt den Mitarbeitern für das, was sie in den 50 Jahren für das Unternehmen geleistet haben. Viele sind ja große Strecken dieses Wegs mitgegangen und haben ihn mitgestaltet.

 

Die Altvorderen haben damals die Grenze vom Groß- in den Einzelhandel überschritten. Sie gehen auch über eine Grenze − in die Republik Moldau. Ist das der neue Nabel der Welt?

Kaufland-Chefs: "Von einem Jugendwahn sind wir weit entfernt"

Kaudewitz: Nein. Für uns ist das eine logische Fortführung der Expansion im Ausland, von der Größe her ein überschaubarer Markt. Wir kommen dadurch nicht in andere Umsatzsphären, aber haben die Erwartung, dass wir dort ein vernünftiges Geschäft machen werden.

 

Australien steht ebenfalls auf Ihrer Agenda. Wann geht es dort los?

Kaudewitz: Die Überprüfung des Marktes hat ergeben, dass Australien für uns sehr attraktiv ist. Inzwischen sind wir fokussiert auf die Grundstückssicherung und das Baurecht. Wir haben aber noch keinen Eröffnungstermin festgelegt.

 

Wie werden die Filialen aussehen?

Kaudewitz: Unser Filialkonzept für Australien sieht eine Verkaufsfläche von 4000 Quadratmetern vor. Dies gibt uns optimale Rahmenbedingungen, um den Kunden ein starkes Angebot bieten zu können.

 

Welche Australien-Erfahrung bringt Julia Kern mit, die dort als 28-Jährige Länderchefin wird?

Kaudewitz: Julia Kern hat sich für diese Aufgabe über ihre bisherige Leistung und ihr Potenzial qualifiziert. Solche Entscheidungen treffen wir ja nicht leichtfertig. Von einem uns attestierten Jugendwahn sind wir aber weit entfernt. Das Durchschnittsalter unserer Vorstände und Geschäftsleitungsmitglieder liegt bei 43 Jahren.

Lohmiller: Julia Kern war die letzten eineinhalb Jahre meine direkte Mitarbeitern, sie hat in der Region Nord einen exzellenten Job gemacht und sich toll entwickelt. Und nur zum Vergleich: Die Führungskräfte, die vor 50 Jahren die ersten Märkte eröffnet und den Weg bereitet haben, waren im selben Alter.

 

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Bis vor zehn Jahren galt Kaufland als Trendsetter. Seither sind Sie in die Defensive geraten. Woran liegt das?

Kaufland-Chefs: "Von einem Jugendwahn sind wir weit entfernt"

Lohmiller: In den letzten zehn Jahren hat sich der Markt dramatisch verändert, vor allem die Supermärkte und die Discounter haben sich stark entwickelt. Dass wir in Sachen Investitionen einen gewissen Nachholbedarf haben, ist bekannt. Wie die Zukunft aussehen soll, kann man in unseren Filialen in Ilsfeld und in der Stuttgarter Straße in Heilbronn besichtigen.

 

Laut "Manager-Magazin" rutschen Sie sogar in die roten Zahlen.

Kaudewitz: Kaufland macht auch in diesem Geschäftsjahr Ertrag. Die Abarbeitung des Investitionsstaus belastet natürlich das Ergebnis in Deutschland. Operativ sind wir stabil. Das Investitionsvolumen in Deutschland beträgt auch 2018 knapp eine Milliarde Euro.

Lohmiller: Wir haben 2017 in rund 350 Filialen unseren Auftritt überarbeitet und modernisiert, dieses Jahr folgen nochmals 100 Filialen.

 

Welche Wirkung hatten die Marktmodernisierungen auf die Frequenz?

Kaudewitz: Die Märkte, die wir überarbeitet haben, entwickeln sich besser als diejenigen, die noch nicht umgebaut wurden. Investitionen alleine sind nicht der einzige Hebel, um erfolgreich zu sein. Wo wir nachschärfen müssen, tun wir das.

 

Zum Beispiel beim Sortiment? Da gab es ja viel Kritik...

Kaudewitz: Wir haben über einen Zeitraum von einem Jahr unser Sortiment intensiv überarbeitet. Dies haben wir im vergangenen Sommer abgeschlossen. Dass man Sortimentsentscheidungen hinterfragt, gehört zum Tagesgeschäft im Handel. Von all den Artikeln, die wir gestrichen hatten, sind nur circa 300 zurück in die Regale gekommen.

Lohmiller: Das sind Einzelfälle. So gab es Kellog"s Cornflakes nur noch in einer Größe. Wir haben festgestellt, dass viele Kunden die 375-Gramm-Packung bevorzugen. Also haben wir sie wieder eingelistet.

 

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Wer ist die Zielkundschaft?

Lohmiller: In der Summe müssen wir erreichen, dass der Kunde bei uns besser einkaufen kann und dadurch mehr Lebensqualität gewinnt. Wenn man an einem Samstag unsere Kunden beobachtet, sprechen wir einen breiten Querschnitt der Gesellschaft an. Dennoch haben wir eine Zielkundin, die wir Katrin nennen. Sie ist eine junge Familienmutter, hat zwei Kinder und ist verheiratet. Entsprechend sind ihre Anforderungen an eine Einkaufsstätte.

 

Vor 50 Jahren war Basis für den Erfolg, dass die andern den gesellschaftlichen Wandel verschliefen. Droht Ihnen mit Katrin und der klassischen Familie nicht etwas Ähnliches?

Lohmiller: Natürlich haben wir auch andere Zielgruppen im Blick, zum Beispiel Junge, Singles, Paare ohne Kinder, Senioren. Wir glauben, dass wir mit einer Auswahl wie im Supermarkt und Preisen wie im Discounter alle ansprechen können.

 

Die Entwicklung der Marktanteile spricht eine andere Sprache.

Kaudewitz: Es ist kein Geheimnis, dass der großflächige Einzelhandel in Deutschland seit vielen Jahren mit der zurückgehenden Frequenz zu kämpfen hat. Nur mit Bevorratungskäufen im Trockensortiment können wir die Zukunft nicht sichern. Wir legen den Fokus deswegen auf unser Frischesortiment.

Lohmiller: Bei uns bekommt man zum Beispiel auch eine Muskatnuss. Im Vergleich zum Discount können wir wirklich den kompletten Bedarf einer Woche für den Verbraucher abdecken. So bieten wir dem Kunden den perfekten Wocheneinkauf mit einer großen Auswahl an Pfandgetränken, Bedientheken und einem großen Frischeangebot.

 

Die Kunden sind aber zunehmend in verschiedenen Läden unterwegs: vom Wochenmarkt bis zum Discounter...

Kaudewitz: Wir beobachten ein Kundenverlangen, das gegen dieses zersplitterte Einkaufen spricht: Wenn ich viele Dinge auf einmal erledigen kann, spare ich Zeit. Das gewinnt immer mehr Bedeutung.

 

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Was sind Ihre wichtigsten Projekte bei E-Commerce und Digitalisierung?

Kaudewitz: Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie soll dem Kunden einen Mehrwert bieten. Im Vordergrund steht immer, dass wir einen einfacheren Einkauf ermöglichen.

 

Der Lieferservice gehört nicht mehr dazu. Bleiben Sie dabei?

Kaudewitz: Unsere Aussage war und ist, dass wir damit auf Sicht kein Geld verdienen können. Es ist die Stärke eines Unternehmens, nicht herumzueiern, sondern das Richtige zu tun. Deswegen haben wir diese Entscheidung getroffen. Dass wir nie wieder Online-Handel machen, haben wir aber nicht gesagt.

 

Zur Person

Als Vorstandsvorsitzender von Kaufland trägt Patrick Kaudewitz (54) die Verantwortung für das gesamte Geschäft der Großflächensparte der Schwarz-Gruppe. Im Geschäftsjahr 2016/17 erwirtschaftete Kaufland einen Umsatz von 21,6 Milliarden Euro. Kaudewitz, der aus der Region stammt, begann sein Berufsleben bei Kaufland, machte dann aber bei Lidl eine steile Karriere, bevor er vor gut zwei Jahren als Chef zu Kaufland zurückkehrte.

Richard Lohmiller (58) ist ein Eigengewächs von Kaufland, der schon verschiedene Managementfunktionen auf Vorstandsebene ausfüllte. Seit Oktober 2016 verantwortet Richard Lohmiller jun. vom Vorstand aus das Deutschlandgeschäft, dessen Umsatz zuletzt bei 13,6 Milliarden Euro lag. Sein Vater Richard Lohmiller sen. gehört zu den Urgesteinen der Schwarz-Gruppe.