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Opfer des Übergriffs erinnert sich nicht (07.05.08)
Von Helmut Buchholz
Heilbronn - Nur mit einem Gehwagen schafft der 74-Jährige die paar Schritte in den Zeugenstand des Großen Strafkammersaals. Gestützt von seiner Tochter, die ihm über das Bein streichelt, nachdem er Platz genommen hat. Zur Beruhigung. Doch die Schenkel zittern während der Vernehmung trotzdem ununterbrochen. Der Mann ist seit dem Fausthieb ein Pflegefall.
Die gestrige Befragung im Heilbronner Landgericht dauert kaum länger als die Gewaltexplosion am 9. Januar auf der Theresienwiese. Ein einziger Schlag hat die Gesundheit des Rentners, der jeden Tag spazieren ging, zerstört. Heute kann er sich noch nicht einmal mehr eine Hose anziehen, ein gelähmter Augenmuskel schränkt den Blick ein, lässt ihn alles doppelt sehen.
Das Opfer der Gewaltorgie leidet außerdem unter Depressionen, hat epileptische Anfälle, die nur gelindert werden können, wie der Sachverständige Dr. Heinz-Dieter Wehner attestiert. Wieder gesund wird der Mann nicht mehr. Er bezahlt mit „schlimmen Auswirkungen für sein Leben“ (Vorsitzender Richter Jörg Geiger) die Zivilcourage, mit der er drei junge Männer auf der Heilbronner Theresienwiese davon abhalten wollte, gegen die Gedenktafel zur Erinnerung an die hier getötete Polizistin zu treten.
Was den Fall noch tragischer macht, ist, dass es der Justiz wohl schwer fallen wird, jemanden für diesen Gewaltexzess zur Rechenschaft ziehen kann. Denn keiner der Angeklagten bekennt sich zu dem Schlag. Adis H. (20) behauptet, sein Kumpel Sven B. habe dem Rentner nach einem brutalen Streifzug des Trios durch die Innenstadt mit zahlreichen grundlosen Attacken gegen Passanten den verheerenden Hieb ins Gesicht versetzt. Auch in der Anklageschrift wird ihm die Tat vorgeworfen.
Doch Sven B. beteuert, den Rentner noch nicht einmal angefasst zu haben. Aus dem Schneider zumindest für das Finale dieses extremen Gewalt-Trips ist der dritte Angeklagte: Mehmet Ö. (17). Die Ehefrau des Opfers bescheinigt dem auffällig kleinwüchsigen Jugendlichen, sich „zurückgezogen zu haben“. Wer von den beiden anderen ihren Mann geschlagen hat, weiß sie aber genauso wenig wie der Rentner selbst. Aufmerksam schaut er jedem der jungen Männer in die Augen, als die Justizwachmeister sie in Handschellen in den Gerichtssaal führen. Doch bei keinem bleibt der Blick hängen. Der 74-Jährige kann sich nicht erinnern. An nichts.
Wer also lügt in diesem Fall? Adis H. oder Sven B.? Bis jetzt haben die Richter keine Antwort auf diese Frage gefunden. Sie zweifeln nur an den Versionen der Angeklagten. Adis H. hatte behauptet, er wollte der Ehefrau des Rentners nur bei einer Fahrradpanne helfen. Mehmet Ö. beschuldigte kurz nach dem Übergriff zuerst Adis H., dann vor Gericht Sven B., bevor er aussagte, den Schlag nicht gesehen zu haben.
Klar ist nur: Alle drei waren mehr oder weniger betrunken und durch Cannabis-Konsum bekifft. Am meisten Adis H.: Er hatte zwei Promille im Blut, rechnete Rechtsmediziner Dr. Wehner zurück.
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