These vom Racheakt hat Lücken
Von Carsten Friese, Helmut Buchholz und dpa
Es gibt Bezüge der rechten Szene Thüringens, aus der das Terror-Trio stammt, zum Heimatort der Polizistin im thüringischen Oberweißbach. Doch dass es mehr als ein mögliches "Über-den-Weg-laufen" oder die Kenntnis von Namen der Familie gibt, ist nicht belegt.
Hindernisse
Ende 2005 übernahm ein neuer Pächter den Gasthof "Zur Bergbahn" in Oberweißbach-Lichtenhain, der direkte Verbindungen zur Jenaer Neonazi-Szene gehabt haben soll. Im März 2006 gab es eine Neonazi-Versammlung in dem Gasthof, ein Auftritt mit Hindernissen, da einige angefragte Gastwirte im Ort offenbar den Rechten eine Versammlung nicht erlaubten. Und: Die Internetseite für die "Bergbahn" soll nach Angaben der linken Szene Thüringens ein NPD-Funktionär konzipiert haben, der früher im "Thüringer Heimatschutz" aktiv war − jener Neonazi-Gruppe, in der sich auch das Terror-Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe in den 90er Jahren engagiert hatte.
Dennoch: Die Racheakt-These hat Lücken. Kurzfristig war die Polizistin am Tattag für eine Kollegin eingesprungen, ursprünglich hatte sie frei. Dienstbeginn war am Morgen, die Tat passierte gegen 14 Uhr. Die Täter müssten ihrem Streifenwagen dauernd hinterhergefahren sein. In einem auffälligen Wohnmobil?
Plausibler ist ein Ansatz, der Kennen und Zufall vereint. Neun Morde an Ausländern hatte das Trio zuvor in Deutschland verübt, dazu einige Banküberfälle. Wenn die Rechtsextremen an dem Tag in Heilbronn eine weitere Tat planten, ist denkbar, dass sie von Michele Kiesewetter und ihrem Kollegen gestört wurden. Vielleicht erkannten sie das Gesicht der Beamtin aus Thüringen, vielleicht hörten sie den Polizeifunk ab − und brachten ihren Namen mit ihrer Heimat in Verbindung, fühlten sich bedroht, kurz vor der Enttarnung.
Schande
Dass die Beamten für ihre Vesperpause Döner besorgt haben könnten und zufällig in der Nähe eines ausgesuchten Tatorts der Rechtsextremisten auftraten, ist nach Stimme-Recherchen keine Spur. Sie sollen bei einer Fastfoodkette eingekauft haben, waren mittags im Heilbronner Polizeirevier, setzten ihre Fahrt fort und machten kurz vor 14 Uhr auf der Theresienwiese Zigarettenpause. Als die Kopfschüsse fielen, saßen sie im Wagen. Die Mörder hatten sich von hinten dem BMW genähert.
Auf die These einer direkten Verbindung von Michèle Kiesewetter zu ihren Mördern reagiert Oberweißbachs Bürgermeister Jens Ungelenk aufgebracht. Für ihn ist dies "der größte Blödsinn, den ich je gehört habe". Er spricht von einer "Schmutzpresse", die diesen Zusammenhang herstelle und den 1900-Einwohner-Ort in Verruf bringe. Tatsache sei, "dass wir nie ein Problem mit Neonazis bei uns hatten". Ungelenk kennt die Mutter der getöteten Polizistin gut und musste ihr im April 2007 die Nachricht vom Mord an ihrer Tochter überbringen. Er bezeichnet es als "Schande", was man nun der Familie antue. "Wie sich die Mutter jetzt fühlt, das können Sie sich ja denken."
Auch der Name von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) war auf einer Liste der Zwickauer Neonazi-Zelle vermerkt. Kretschmanns Sprecher bestätigte am Mittwoch einen Bericht der Bild-Zeitung Stuttgart. Der Name, der Heimatort und die Landtagszugehörigkeit Kretschmanns seien auf der bereits mehrere Jahre alten Liste entdeckt worden. Der Grünen-Politiker war damals Fraktionschefs im Landtag.
Die Liste bekannter Persönlichkeiten umfasse 10.000 Namen aus dem ganzen Bundesgebiet, darunter 950 aus Baden-Württemberg. Noch sei offen, mit welchem Ziel die Liste angelegt worden seien. Bei den Ermittlungen zu der rechtsextremistischen Mordserie hatte die Behörden die Liste auf einem USB-Stick gefunden, der dem Zwickauer Neonazi-Trio zugerechnet wird.
Das Bundeskriminalamt hatte erklärt, dass es nach bisherigen Erkenntnissen keine konkreten Anschlagspläne der Zelle gegen diese Persönlichkeiten gegeben habe. lsw
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