"Ich habe alles Menschenmögliche getan"

Kein leichter Abschied, aber einer guten Gewissens: Frank Huber fahndet nicht mehr nach den Heilbronner Polizistenmördern, sondern ist nun Dozent für Kriminaltechnik an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen. Foto: Archiv/Sawatzki
Heilbronn - Nach zweieinhalb Jahren Ermittlungen gibt Frank Huber die Leitung der Polizistenmord-Sonderkommission ab. Im Gespräch mit Helmut Buchholz zieht der 42-Jährige Bilanz.
Sie sind auf eigenen Wunsch gegangen. Warum?
Frank Huber: Wir haben nach bestem Wissen und mit viel Herzblut die allermeisten Komplexe durchermittelt. Nach dieser intensiven Zeit in diesem außergewöhnlichen, einzigartigen Fall ist deshalb nun für mich der Zeitpunkt gekommen, eine andere Aufgabe zu übernehmen.
Bleibt da nicht ein ungutes Gefühl zurück? Der Fall ist nicht gelöst.
Huber: Die Belastungen für alle Beteiligten, auch der Angehörigen, waren unglaublich hoch. Viele Höhen, aber auch herbe Rückschläge mussten wir in dieser langen Zeit verkraften. Das Soko-Team hat dies mit einer vorbildlichen, professionellen Einstellung gemeistert. Keine Selbstverständlichkeit. Und darauf bin ich ein bisschen stolz. Dass die Aufklärung bislang nicht gelang, ist natürlich enttäuschend. Ich kann jedoch im Wissen gehen, alles Menschenmögliche getan und dabei viele Erkenntnisse erlangt zu haben, die bei den weiteren Ermittlungen noch sehr wichtig sein können.
Warum gehen Sie nicht nach Heilbronn zurück?
Huber: Es hat sich angeboten, einmal etwas ganz anderes zu machen, eine völlig andere Perspektive einzunehmen. In der neuen Aufgabe habe ich nun die Möglichkeit, die vielfältigen Erfahrungen der Vergangenheit in der Lehre an der Polizeihochschule weiterzugeben. Und sie dabei weiter aufzuarbeiten, ohne ständig mit neuen Fällen konfrontiert zu werden. Die Stelle in Heilbronn war für mich übrigens mit sehr viel Mehrwert verbunden. Nicht nur die Aufgabenvielfalt, sondern das angenehme Betriebsklima mit kompetenten Kollegen empfand ich dabei als äußerst positiv.
Hätten Sie bei der Fahndung jetzt in der Rückschau etwas anders gemacht? Werfen Sie sich etwas vor?
Huber: Diese Frage hat mich in der Nachbereitung natürlich sehr beschäftigt. Sie nagt bis heute an mir. Aber auch nach sehr genauer selbstkritischer Betrachtung gab es zum damaligen Zeitpunkt keine realistische Chance, auf das Phänomen der Fremdkontamination der Wattestäbchen zu stoßen. Denn das "Über-den-Tellerrand-Schauen" durch Neubewertungen und Verfahrenscontrolling stand ständig auf unserer Tagesordnung unter Einbeziehung von Kollegen außerhalb der Soko, sogar über die Grenzen Baden-Württembergs und Deutschlands hinaus. Andere Kollegen haben sich sechs Jahre lang vor dem Polizistenmord schon mit dieser Spur beschäftigt. Durch Verkettung verschiedener Umstände kam man eben nie auf diese Schwachstelle.
Ist das ein Trost?
Huber: Wichtig ist für mich, dass wir andere Ansätze - neben der DNA-Spur - nie vernachlässigt haben. Deshalb mussten wir auch nicht von Null anfangen, als die Kontamination bekannt wurde. Würde ich etwas anders machen? Vielleicht muss man in so komplexen Lagen noch mehr den Weg gehen, polizeifremde Institutionen mit einem ganz anderen Blickwinkel einzubeziehen. Kein Allheilmittel, aber sicherlich eine Überlegung wert.
Wie haben Sie den Druck verarbeitet?
Huber: Ich würde lügen, wenn ich sage, das ist bereits alles verarbeitet. Das ist sicherlich ein langer Prozess. Mitten im Fall gab es keinen Raum dafür.
Kann man sich tatsächlich von so einem Fall innerlich lösen?
Huber: Nein, ganz und gar nicht. Der Fall gehörte zum Leben. Man hat sich damit identifiziert, das ganze Team. Die Erfahrungen erfordern eine lange Aufarbeitungszeit, auch die ganz persönlichen, negativen. Der angestrebte Wissenstransfer von Heilbronn zum Landeskriminalamt, wo die Soko jetzt angesiedelt ist, ist erfolgt. Alle wesentlichen Informationen wurden transportiert. Ich kann mit gutem Gewissen die Sonderkommission verlassen. Im Kopf bin ich immer noch dabei und interessiere mich selbstverständlich weiter für den Fall.
Sie sind jetzt Dozent für Kriminaltechnik an der Polizeihochschule. Da werden viele ironisch sagen, "das passt ja nach der Wattestäbchen-Panne". Wie erwidern sie die Sticheleien?
Huber: Ich behaupte mal, dass selten jemand solch reichhaltige Erfahrungen in einem Kriminalfall gemacht hat, wie wir in der Soko. Und diese Erkenntnisse möchte ich gerne authentisch weitergeben. Nur wer im Übrigen die exakten Abläufe kennt, kann sachlich bewerten. Und zur Aufklärung der näheren Umstände kann ich meinen Beitrag leisten. Sticheleien müssten danach eigentlich verstummen. Die kriminaltechnische Schwachstelle "Wattestäbchen" wurde nach vielen Jahren erkannt und jetzt geht es darum, Strategien zu entwickeln, um das erneute Auftreten solcher Kontaminationen, wie sie nunmehr auch in anderen Bundesländern und Fällen festgestellt wurden, zu verhindern. Die Arbeitsgruppen in Baden-Württemberg und im Bund arbeiten daran mit Hochdruck.
Wird der Mord jemals aufgeklärt?
Huber: Ich hoffe es sehr und wünsche den Kollegen des LKA viel Erfolg und das Quäntchen Glück, das manchmal erforderlich ist.
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