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Neuer Soko-Leiter: Im Polizistenmord langen Atem
Von Tatjana Bojic
Heilbronn/Stuttgart (dpa/lsw) - Das kommt nicht oft vor: Im April 2007 wird in Heilbronn am helllichten Tag kaltblütig eine Polizistin in ihrem Dienstwagen ermordet und ihr Kollege schwer verletzt. Zwei Jahre lang verfolgt die „Soko Parkplatz“ danach eine falsche Spur. Im März 2009 müssen die Ermittler einräumen, dass die Polizei monatelang eine Frau jagte, die nichts mit dem Polizisten-Mordfall und auch anderen ihr angelasteten Gewaltverbrechen zu tun hatte. Die an den Tatorten gefundene weibliche Genspur stammte von einer Arbeiterin, die beim Verpacken mit den für die Spurensuche bestimmten Wattestäbchen in Berührung gekommen war. Der Skandal war perfekt.
Mörder auf freiem Fuß
Das Rätsel um das „Phantom“ war damit zwar gelöst, doch die Mörder der jungen Polizistin laufen noch frei herum. Polizei und Innenminister Heribert Rech (CDU) müssen seither mit dem Vorwurf leben, dass sie die Öffentlichkeit nicht viel früher über den Irrtum informiert haben, obwohl Bedenken an der Zielrichtung der Fahndung seit April 2008 bestanden. Unbefriedigender kann die Bilanz eines ungeklärten Mordfalls kaum sein.
Seit dem vergangenen Oktober schickt sich der Leiter der Inspektion Organisierte Kriminalität, Josef Schäffer, an, den Fall zu lösen. Er übernahm die Ermittlungen nachdem der frühere Soko-Leiter Frank Huber an die Fachhochschule nach Villingen-Schwenningen gewechselt war. Dem gebürtigen Schwaben aus Schwäbisch Gmünd bleiben jedoch nur noch wenige Monate Zeit, denn zum 1. August 2010 geht er in Pension. Für den altgedienten Ermittler und seine 13 Soko-Mitarbeiter ist das aber kein Problem: „Wir sind eine Inspektion mit langem Atem und verfolgen die Fälle konsequent.“ Wer nach ihm den Mordfall Michéle Kiesewetter übernimmt, steht noch nicht fest.
Täterprofil fehlt
Viele Fragen zur außergewöhnlichen Tat beantwortet Schäffer (Foto: Archiv/Helmut Buchholz) im Gespräch nicht. Klar ist jedoch nach wie vor, dass es zwei Täter gewesen sein müssen, weil zwei verschiedene Waffen verwendet wurden. Die Waffen der Opfer wurden entwendet ebenso ihre Handschellen. Sie bleiben bis heute verschwunden. „Derzeit sind noch 57 Spurenkomplexe in Bearbeitung. Wir haben weder eine heiße noch eine konkrete Spur“, berichtet Schäffer. Es fehlt ein Täterprofil, auch das Motiv liegt im Dunkeln.
Wie die Täter auf die am Tattag belebte Theresienwiese kamen, warum sie dort waren und wie sie geflüchtet sind: Fehlanzeige. „Wenn wir ein Motiv hätten, wären wir einen Schritt weiter.“ Auch meldeten sich bisher keine direkten Tatzeugen. Die bisher in Baden-Württemberg höchste ausgelobte Belohnung in Höhe von 300.000 Euro brachte die Ermittler ebenso nicht weiter.
Keine brauchbaren Hinweise
Aus Polizeikreisen heißt es, die Ermittler seien verzweifelt. „Die haben wirklich nichts und wissen nicht, wie sie die Sonderkommission am Leben erhalten sollen. Es ist deprimierend, dass es nach so langer Zeit keine brauchbaren Täterhinweise gibt.“ Der Druck, der auf der Soko laste, sei „immens“. „Irgendwann müssen sie Ergebnisse vorweisen oder der Fall wird zu den Akten gelegt. Einen Polizistenmord nicht aufklären zu können, ist ein ganz schlimme Geschichte.“
Nach der DNA-Fahndungspanne hatte sich ein Expertenkreis des Innenministeriums auf Qualitätsstandards für Wattestäbchen und Handschuhe geeinigt. So werden zur Spurensicherung bis auf weiteres nur noch Stäbchen eingesetzt, die mit dem Mittel Ethylenoxid behandelt wurden. „Auf Bundesebene werden derzeit unter Leitung des Bundeskriminalamtes die künftigen Standards hierzu erarbeitet“, sagte ein LKA-Sprecher. Eine von Rech ins Spiel gebrachte Klage gegen den Hersteller der verunreinigten Wattestäbchen wird es nicht geben. „Schadenersatzansprüche wären nicht erfolgversprechend“, heißt es im Innenministerium.
Falsche Fährte
Die Suche der Polizei hatte sich schon bald nach dem Heilbronner Mord auf eine DNA-Spur einer weiblichen Person konzentriert. Die „Frau ohne Gesicht“ wurde schnell mit sechs Morden und einem weiteren Todesfall in Verbindung gebracht. In dem mysteriösen Fall hatte die Polizei nach einiger Zeit eingeräumt, zunehmend ratloser zu sein. Der Grund: An mindestens 40 verschiedenen Tatorten in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, im Saarland und in Österreich waren die DNA-Spuren des „Phantoms“ gefunden worden. Starke Ungereimtheiten tauchten aber beispielsweise im Zusammenhang mit dem Mord an drei Georgiern in Heppenheim (Hessen) auf.
Im Auto des inzwischen verurteilten Verbindungsmannes des Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz wurde der genetische Fingerabdruck der gesuchten Polizistenmörderin gefunden. Bereits früh deutete nichts auf eine direkte Verbindung zwischen dem Fall der Georgier und dem Phantom hin.
Kritik
Ihre eifrige Suche nach dem nicht existenten Phantom hatte die Polizei bisweilen überzogen: Sie kontrollierten zum Beispiel im Landkreis Heilbronn Ende 2008 viele Passanten und Autofahrer und entnahmen ihnen Speichelproben. In 80 Prozent der 321 Erhebungen habe es dafür keine Rechtsgrundlage gegeben, sagte der Landesdatenschutzbeauftragte Jörg Klingbeil.
Zur Person: Josef Schäffer
Polizist zu werden, war für den gebürtigen Schwaben schon als Kind der Wunsch. Den Beruf lernte er von der Pike auf: 1967 fing er bei der Bereitschaftspolizei an, kam 1973 zur Kripo und wechselte 1979 zum Landeskriminalamt. Spezialgebiete des zweifachen Vaters und vierfachen Großvaters: Rauschgift- und Organisierte Kriminalität. Der 59-Jährige klärte zum Beispiel im Jahr 2000 die spektakulären Überfälle von Ost-Banden auf Juweliergeschäfte in ganz Europa auf. mut
27.12.2009
Polizistenmord | Stimme TV
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