Zeugin ließ Zschäpe fünfmal übernachten − und weiß nichts

Stuttgart/Heilbronn  Landtags-Ausschuss überprüft mögliche Unterstützer des NSU-Trios im Südwesten − Karte zeigt Heilbronn als rechte Hochburg

Von unserem Redakteur Carsten Friese

Zeugin ließ Zschäpe fünfmal übernachten − und weiß nichts
Sie waren an die 30 Mal zu Besuchen in der rechtsextremen Szene in Ludwigsburg: Beate Zschäpe und Uwe Mundlos. Das sagte eine Zeugin gestern aus. Foto: dpa

Hatte der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) beim Mord an Polizistin Michèle Kiesewetter rechtsextreme Unterstützer in der Region? Die intensiven Kontakte der ostdeutschen Rechtsterroristen nach Ludwigsburg hat der NSU-Ausschuss des Landtags am Montag beleuchtet. Immer wieder besuchten Uwe Mundlos und Beate Zschäpe von 1993 bis 2001 eine Gruppe um Skinheadmusiker Michael E., zu Trinkgelagen, zum Besuch rechter Konzerte. Beeindruckt vom Waffenarsenal der "Spätzles" zeigte sich Mundlos in einem Brief.

Kam über diese rechte Szene in Nachbarschaft von Heilbronn der entscheidende Hinweis, einen geplanten Anschlag auf Polizisten auf der Heilbronner Theresienwiese auszuüben? Weil Insider wussten, dass Polizeibeamte auf Streife dort öfter mal Pause machten?

Verblüffendes trug im Ausschuss eine 48 Jahre alte Zahnarzthelferin als Zeugin vor. Sie war damals oft in der Szene bei E. auf Partys, lernte dabei auch Mundlos und Zschäpe kennen. Gut 30 Mal sollen die beiden in Ludwigsburg gewesen sein, etwa fünfmal habe Zschäpe bei ihr übernachtet. Über rechte Themen oder geplante Taten habe man jedoch nie gesprochen, sagte die Zeugin. "Es hat mich nicht interessiert." Man habe gefeiert, Spaß gehabt und Leute veräppelt.

Rechtsextremen-Karte sorgt für Irritationen

Für Aufsehen hatte zuvor im Ausschuss eine Baden-Württemberg-Karte gesorgt, auf der rechtsextreme Funktionäre und Straftäter aus den umfangreichen NSU-Akten mit roten Fähnchen an ihrem Wohnort verortet sind. In einer breiten Zone von Stuttgart über Ludwigsburg bis Heilbronn und Umgebung ballen sich die roten Punkte. In Stadt und Landkreis Heilbronn sind in der Karte elf Namen aufgelistet, vier in Heilbronn, sieben im Landkreis.

Ausschussvorsitzender Wolfgang Drexler kritisierte einen Vermerk des Landesamts für Verfassungsschutz aus dem Jahr 2012, nach dem in Heilbronn zum Zeitpunkt des Polizistenmords im April 2007 "keine signifikante rechtsextreme Szene" vorhanden gewesen sei. Mit Blick auf diese Karte sei der Ausschuss "sehr bestürzt" über eine solche Aussage.

Ein Rechtsextremismus-Experte des Landesamts relativierte die Aussagekraft der Karte. Bei extremistischen Schwerpunkten gehe man von politischen Aktivitäten aus. Nur der Wohnort sei als Merkmal wenig sinnvoll. Und von dieser Warte sei Heilbronn kein Schwerpunkt gewesen − im Gegensatz zu Pforzheim, Karlsruhe, Ludwigsburg oder dem Rems-Murr-Kreis. Der Zeuge räumte aber auch ein, dass man im Bereich Heilbronn-Ludwigsburg-Stuttgart über Jahre Probleme gehabt habe, Quellen oder V-Männer in der Szene zu finden.

Sämtliche Quellen zu der Tat abgefragt

Man habe auch später keine Hinweise auf Unterstützerhandlungen für das NSU-Trios durch Rechtsextreme im Südwesten gefunden, sagte der Beamte. Nach dem Mord in Heilbronn habe das Amt sämtliche Quellen zu der Tat abgefragt − ohne Erkenntnisse.


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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