Mörder kamen im Wohnmobil nach Heilbronn

Heilbronn - Die kaltblütigen Täter beim Heilbronner Polizistenmord waren offenbar mit dem Wohnmobil in der Stadt. Dies teilt die Bundesanwaltschaft mit, nachdem ein mutmaßlicher Komplize des tatverdächtigen Rechtsextremistentrios festgenommen worden ist.

Von Carsten Friese und Sara Furtwängler

 


Heilbronn - Die kaltblütigen Täter beim Heilbronner Polizistenmord waren offenbar mit dem Wohnmobil in der Stadt. Dies teilt die Bundesanwaltschaft mit, nachdem in Niedersachsen ein mutmaßlicher Komplize des tatverdächtigen Rechtsextremistentrios Uwe B., Uwe M. und Beate Z. aus Sachsen festgenommen worden ist. Holger G. sei „dringend verdächtig“, sich als Mitglied der terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) beteiligt zu haben, stellt die Behörde fest.

Untergetaucht

Der 37-jährige G. soll dem Trio im Jahr 2007 seinen Führerschein zur Verfügung gestellt haben und mehrfach Wohnmobile für die untergetauchten Extremisten besorgt haben. „Eines der Fahrzeuge“, so die Bundesanwaltschaft, „soll beim Anschlag auf die Heilbronner Polizisten genutzt worden sein.“ Nach SWR-Informationen soll es in Stuttgart gemietet worden sein.

Die NSU-Gruppe soll in erster Linie aus dem Trio aus Zwickau bestanden haben, in dessen Wohnhaus ein großes Waffenarsenal entdeckt wurde – unter anderem die Tatwaffe aus der sogenannten Döner-MordSerie und die mutmaßliche Tatwaffe vom Mord an der Polizistin Michéle Kiesewetter in Heilbronn.

Nach Angaben des „Focus“ sollen die Mörder in Heilbronn am Tattag sogar in eine Straßensperre gekommen, aber „durchgelassen“ worden sein. Offizielle Bestätigungen für die Aussage gibt „Focus“ nicht an.
Fakt ist: Am Tattag wurde auf der Theresienwiese gerade das Maifest aufgebaut. Ein Wohnmobil wäre im Trubel der vielen Schausteller sicher nicht aufgefallen.

 

 

 

Als die Polizei das Ausmaß des Verbrechens auf dem Festplatz erkannte, gab Polizeichef Roland Eisele rasch den Befehl, Hauptstraßen in der Stadt und die Ausfallstraßen für eine Ringfahndung zu sperren. Insassen und Fahrzeuge wurden akribisch kontrolliert, der Verkehr brach für Stunden zusammen – Heilbronn war lahmgelegt. Allerdings: Bis alle Straßenkontrollen standen, verging Zeit. Rund 30 bis 40 Minuten wären den Tätern nach den Schüssen in etwa verblieben, die Stadt zu verlassen – ein ausreichender Puffer.

In Heilbronner Ermittlerkreisen ist man deshalb skeptisch, ob diese Durchlass-These zutrifft.
Auch eine andere Spur der Rechtsextremisten führt nach Heilbronn. Auf menschenverachtenden Bekenner-DVDs des „Nationalsozialistischen Untergrunds“, auf der sich die Urheber nach Angaben des „Spiegel“ für die Morde an neun Zuwanderern in Deutschland rühmen (sogenannte Döner-Morde“), sollen Fotos von Getöteten sein.

 

 

 

Wie die Zeitung „taz“ berichtet, gibt es zudem eine Filmsequenz, in der die Comicfigur Paulchen Panther einem Polizisten eine Pistole an den Kopf hält und abdrückt. Auf diese Art starb in Heilbronn die junge Polizistin auf der Theresienwiese. Mit „Wir oder sie“ soll der Videoclip enden.

Übersehen?

Kopfschüsse bei den Döner-Morden (2000 bis 2006), Kopfschüsse auf der Theresienwiese (2007): Haben Ermittler bei den Überprüfungen der Fälle keine Verbindung gesehen? Offenbar nicht. Mögliche rechtsextreme Täter oder gar die Döner-Mörder wurden im Heilbronner Polizistenmordfall nicht öffentlich diskutiert.

500 Beamte im Einsatz

Am Tag des Mordes auf der Theresienwiese erlebte die Stadt Heilbronn einen Polizeieinsatz von extremer Dimension. Bis zu 500 Beamte waren nach damaligen Angaben von Polizeichef Roland Eisele im Einsatz, 60 Prozent von außerhalb (andere Polizeidirektionen, Landes- und Bereitschaftspolizei, Sondereinsatzkommando, Hubschrauber). Vor dem Hintergrund der extremen Brutalität der bewaffneten Täter habe er als Polizeiführer alles versuchen wollen, die Täter zu fassen, stellte Eisele damals fest. Landespolizei und Innenminister hätten seine Auffassung geteilt.

Polizei riegelte Stadt stundenlang ab

 

 

 

 


Chronologie der Ereignisse am Tag des Polizistenmords in Heilbronn am 25. April 2007:

 

 

  • 13.30 Uhr Die Bereitschaftspolizisten Michéle Kiesewetter (22) und Martin A. (24) setzen nach einem kurzen Aufenthalt im Polizeirevier in der Heilbronner John- F.- Kennedy-Straße ihren Streifendienst fort. Danach kein Funkverkehr.

  • 14.10 Uhr Ein Zeugenanruf erreicht die Polizei Heilbronn. Beamte fahren zur Theresienwiese. Der Tatort mit den niedergeschossenen zwei Polizeibeamten wird abgeriegelt. Die junge Frau ist tot, ihr Kollege schwerstverletzt. Sondereinsatzkräfte (SEK) werden angefordert.

  • 14.40 Uhr Polizeichef Roland Eisele ordnet an, dass auf allen Ausfallstraßen von Heilbronn jedes Fahrzeug kontrolliert wird, alle Personalien festgestellt werden.

  • 15.00 Uhr Alle Kontrollpunkte sind aufgebaut, auch Busse, Bahnen, Stadtbahnen werden kontrolliert. Drei Hubschrauber sind im Einsatz. Der Verkehr in der Stadt kommt zum Erliegen.

  • 15.00 Uhr Das SEK trifft in Heilbronn ein und beginnt mit seinen Einsätzen – zunächst an der Austraße. Das Einsatzkommando fährt mit mehreren Fahrzeugen vor und beginnt mit der Vorbereitung der Durchsuchungen. Anschließend wird das Gebäude von Regio Mail geräumt und durchsucht.

  • 17.45 Uhr Räumung des Druckhauses der Heilbronner Stimme.

  • 18.45 Uhr Durchsuchung des Gebäudes durch das SEK.

  • 19.40 Uhr Aktion in der Austraße beendet, nachdem keine Verdächtigen gefunden wurden.

  • 20.30 Uhr Bei Einbruch der Dunkelheit werden die Straßenkontrollen wieder gelockert. Nach Zeugenhinweisen auf mögliche Schüsse wird der Hauptfriedhof von SEK-Kräften abgesperrt und durchsucht – ohne Ergebnis.

  • 21.45 Uhr Polizei beendet Ringfahndung.

  • 22.00 Uhr Staus lösen sich auf. In der Nacht nimmt die 35-köpfige Soko „Parkplatz“ ihre Arbeit auf. 


 


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Zeitleiste




Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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