Experte fordert erweiterte DNA-Analyse des Phantoms (28.01.09)

Tübingen/Heilbronn - Mit einer erweiterten DNA-Analyse könnte die Fahndung nach der Heilbronner Polizistenmörderin einen entscheidenden Schritt vorankommen - bisher ist das aber gesetzlich verboten. Der Tübinger Humangenetiker Olaf Rieß hat sich jetzt dafür ausgesprochen, alle Abschnitte des vorliegenden Genmaterials zur Analyse freizugeben.

DNA-Analyse
Tübingen/Heilbronn - Mit einer erweiterten DNA-Analyse könnte die Fahndung nach der Heilbronner Polizistenmörderin einen entscheidenden Schritt vorankommen - bisher ist das aber gesetzlich verboten. Der Tübinger Humangenetiker Olaf Rieß hat sich jetzt dafür ausgesprochen, alle Abschnitte des vorliegenden Genmaterials zur Analyse freizugeben. In einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa sagte Prof. Rieß am Mittwoch: „Wenn es in der Strafprozessordnung erlaubt wäre, DNA-Analysen auch auf den kodierenden Teil, der für äußerliche Erscheinungsmerkmale verantwortlich ist, auszuweiten, bekäme man klarere Aussagen über das Aussehen von Tätern.“

Genaueres Täterprofil

Der kodierende DNA-Bereich lasse starke Rückschlüsse zu auf Eigenschaften wie Haar-, Haut- und Augenfarbe, erklärte der Experte. Bis zu einem gewissen Grad sei sogar die ethnische Herkunft eines Menschen genetisch erkennbar. Es ließen sich zudem Zahnfehlstellungen, Gaumenspalten sowie Auffälligkeiten an Fingern und Füßen feststellen. Manche bisher zur Untersuchung nicht freigegebenen Gen-Abschnitte zeigten, ob jemand krauses Haar oder wenig Haar hat.

Die Polizei in Heilbronn würde zwar eine Ausweitung der Analyse auf alle DNA-Abschnitte begrüßen. Sie ist aber skeptisch, ob dies im speziellen Heilbronner Kriminalfall die große Chance böte. „Die Fahndung nach dem Phantom läuft schon so lange, so dass die neuen Anhaltspunkte wie Haarfarbe von der Täterin schon längst hätten verändert werden können“, saget ein Polizeisprecher. Die Gefahr einer falschen Spur wäre eventuell größer als der tatsächliche Nutzen.

Rechtsgrundlagen

Ein Sprecher des Landeskriminalamtes sagte: „Aus Sicht unserer Wissenschaftler bieten die derzeitigen Möglichkeiten noch keine ausreichenden Wahrscheinlichkeiten, die für Fahndungszwecke wirklich gut geeignet sind.“ Allerdings schreite die Forschung voran und lasse künftig sicherere Aussagen erwarten. Aus Ermittlersicht seien alle Informationen wichtig, die zur Klärung und Verhütung schwerster Straftaten beitragen könnten. „Dies wäre aber nur möglich, wenn entsprechende Rechtsgrundlagen dies zulassen würden.“

„Ich bin ein Befürworter der Untersuchung des kodierenden Teils der DNA, um ein besseres Profil eines Täters zu bekommen“, betonte auch Rieß. Denn dies betreffe nicht den geschützten Kernbereich der Persönlichkeit. Etwas anderes wäre es aus seiner Sicht, wenn man die DNA nach möglichen Krankheiten untersuchen würde. „Hierfür müsste auch das Arztgeheimnis fallen und das lehne ich ab. Der medizinisch-gesundheitliche Bereich sollte geschützt bleiben“, sagte Rieß. Dies müsste bei einer eventuellen Gesetzesänderung klar formuliert werden.

Geschlechtsumwandlung?

Bei der Fahndung nach der mutmaßlichen Mörderin einer Polizistin in Heilbronn tappt die Polizei weiter im Dunkeln. Die „Phantom-Frau“ wird seit 15 Jahren gesucht. Sie hinterließ bisher an Dutzenden Tatorten ihren genetischen Fingerabdruck - so auch am Wagen der im April 2007 getöteten 22 Jahre alten Polizistin auf der Heilbronner Theresienwiese. Die unbekannte „Frau ohne Gesicht“ wird mit mindestens 38 Straftaten - darunter sechs Morden - in Deutschland, Frankreich und Österreich in Verbindung gebracht.

Nach Angaben der Polizei ist das „Phantom“ zwar eine Frau, wird möglicherweise aber eher als Mann wahrgenommen. Die Gesuchte könnte sich eventuell einer Geschlechtsumwandlung unterzogen haben, sagte Rieß: „Dies ist gar nicht so selten wie viele glauben.“

Nach den Worten des Tübinger Spezialisten befindet sich in seltenen Fällen auf weiblichen X-Chromosomen auch ein sogenanntes SRY-Gen. „Dieses Gen macht den Mann zum Mann. Das Problem ist dabei, dass dieses Gen im kodierenden Bereich der DNA liegt - den man eben nicht analysieren darf.“ In spätestens 20 Jahren werde es wahrscheinlich technisch möglich sein, Phantombilder aufgrund genetischer Fingerabdrücke zu erstellen, sagte Rieß.


Hintergrund: Infos rund um die DNA-Analyse

Die Baupläne aller Lebewesen sind in einer Substanz aufgezeichnet, die als DNA bezeichnet wird. Für die DNA- Analyse in Deutschland werden nur Abschnitte aus den nicht- kodierenden Bereichen untersucht, um Menschen eindeutig zu identifizieren. Daraus lassen sich aber keine Informationen über deren Eigenschaften, Persönlichkeiten oder Aussehen ableiten.

Mit der DNA-Analyse sind praktisch alle menschlichen Körperzellen (wie Blut, Muskelgewebe, Haut, Knochen, Haare, Sperma, Speichel, Schweiß) auswertbar. Die DNA-Analyse ist ein wichtiger Beweis bei der Aufklärung von Straftaten. Mit ihrer Hilfe können Verbrechen aufgeklärt, Tatverdächtige überführt oder Unschuldige entlastet werden.

Beim Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden wurde im April 1998 eine DNA-Analyse-Datei eingerichtet. Das BKA darf als Zentralstelle die Daten den Polizeien des Bundes und der Länder zur Verfügung stellen. Gespeichert werden Daten von Beschuldigten, Verurteilten und Spurenmaterial von Tatorten.

Bei Kapitalverbrechen, bei denen das Täterprofil den noch nicht identifizierten Täter in einer bestimmten Region vermuten lässt, sind als eine der letzten Ermittlungsmöglichkeiten sogenannte Massentests erlaubt. dpa



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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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