Familie von Florian H. weist auf Ungereimtheiten hin

Stuttgart/Heilbronn  Florian H. starb im September 2013 in einem brennenden Wagen. Anders als die Ermittler glaubt seine Familie nicht an einen Suizid. Wusste der 21-Jährige zu viel über die Ermordung der Polizistin Kiesewetter? Zudem gibt es die Andeutung über ein Leck bei der Heilbronner Polizei.

NSU-Ausschuss - Stuttgart
Der PKW, in dem ein potenzieller Zeuge zum Mord an der Polizistin Kiesewetter verbrannt war.  Andreas Rosar (dpa)

War es Selbsttötung oder doch Mord? Der NSU-Untersuchungsausschuss hat Familienangehörige eines jungen Mannes befragt, der am frühen Morgen des 16. September 2013 in einem brennenden Fahrzeug in Stuttgart starb. Vater und Schwester des 21-Jährigen machten der Polizei am Montag in Stuttgart schwere Vorwürfe und warfen den Ermittlern schlampige Arbeit vor.

Die Beamten seien von Anfang an von einem Suizid ausgegangen und hätten diese These nie wieder infrage gestellt, sagte der Vater von Florian H.. Auch Innenminister Reinhold Gall (SPD) hatte vergangene Woche keinen Anlass gesehen, an den Ermittlungsergebnissen zu zweifeln.

Der Tod von Florian H. beschäftigt den Landtagsausschuss zur rechtsextremen Terrorzelle NSU, weil der 21-Jährige gewusst haben soll, wer die Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn erschossen hat. Am Tag seines Todes sollte der Aussteiger aus der rechten Szene noch einmal von den Beamten befragt werden. Den Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ werden zehn Morde von 2000 bis 2007 zugerechnet - an Kleinunternehmern ausländischer Herkunft und an Kiesewetter.

Leck bei der Heilbronner Polizei?

Für Laptop und Handy seines Sohnes hätten sich die Beamten nicht interessiert, klagte der Vater. Er versucht nun auf eigene Faust, die Daten dieser Geräte auszulesen, die sich in dem brennenden Auto befunden hatten. Die Schwester deutete an, dass Florian ein Leck in der Heilbronner Polizei vermutet habe, weil seine neuen Handynummern sofort der rechten Szene bekanntgewesen seien. Auch diesen Hinweisen will der Untersuchungsausschuss nun nachgehen.

Florians Vater kritisierte, die Beamten hätten nach dem Tod seines Sohnes nur zweimal Kontakt zur Familie gesucht. Er bestätigte, dass sein Sohn massive Drohungen aus dem rechtsextremen Bereich erhalten habe, nachdem er aus der Szene ausgestiegen sei. Der Zeuge nährte damit Vermutungen des Berliner Rechtsextremismus-Professor Hajo Funke, der glaubt, dass H. möglicherweise in den Tod getrieben, wenn nicht sogar ermordet wurde.

Der Vater deutete an, dass sein Sohn wohl wusste, wer hinter dem Mord an Kiesewetter steckt: Florian habe den Prozess gegen das mutmaßliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe vor dem Oberlandesgericht München einmal als reine Farce bezeichnet. Für die Bundesanwaltschaft sind Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt die Täter.

NSU war Familie bekannt

Florian hatte nach Aussage seines Vater wenige Stunden vor seinem Tod einen Anruf bekommen, der ihn zutiefst verstört habe. „Er hat uns nur gesagt: „Ich kann machen, was ich will - aus der Scheiße komme ich nie wieder raus.““ Der Vater beteuerte, auch schon vor dem 4. November 2011, also vor dem Auffliegen der Terrorzelle, aus Florians Erzählungen vom NSU gehört zu haben. „Für uns war NSU lange bekannt.“

Scharfe Kritik äußerte der Vater an der beim Landeskriminalamt angesiedelten Beratungs- und Interventionsgruppe gegen Rechtsextremismus („Big Rex“), die Aussteigern aus der rechten Szene helfen soll. Florian habe geklagt, die Beamten hätten nur Informationen über die rechte Szene bei ihm abzapfen wollen. „Er hat nie wirklich Hilfe gekriegt“, sagte auch Florians Schwester.

Reaktionen der Obleute

Der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) meinte, wenn die Polizei so mit Florians Eltern und Geschwistern umgegangen sei wie geschildert, sei das nicht akzeptabel. SPD-Obmann Nikolaos Sakellariou zeigte sich vor allem erschüttert über die Vorwürfe gegen „Big Rex“. „Wenn jemand aus der Szene aussteigen will, muss er sich maximal wohlfühlen.“ Der Grünen-Obmann Jürgen Filius stellte fest, dass der Ausschuss wohl ein Stück weit dessen nachholen müsse, was die Ermittler im Fall Florian H. versäumt hätten. Die Frage sei, warum die Ermittler so schnell von einem Suizid ausgegangen seien. „Das kann ich noch nicht nachvollziehen.“

FDP-Obmann Ulrich Goll erklärte, bei ihm habe sich der Eindruck verstärkt, dass Florian H. sowohl von den Ermittlern als auch von der rechten Szene unter Druck gestanden habe. Auch CDU-Obmann Matthias Pröfrock zeigte sich „verwundert“ über den Umgang der Ermittler mit dem Fall Florian H.

An zwei weiteren Tagen will sich der Ausschuss näher mit dem Obduktionsergebnis und Florians Verstrickungen in der rechtsextremen Szene beschäftigen. Dazu werden auch Mediziner und Beamte befragt.


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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